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Leserinnenbrief

Wir veröffentlichen diesen Leserinnenbrief, der sich auf den gleichnamigen Beitrag in der aktuellen Printausgabe bezieht. Mithu Sanyal, um deren Statements es in diesem Brief auch geht, wird in Kürze dazu Stellung beziehen, bevor wir die Diskussion öffnen und schon sehr gespannt auf eure Meinung sind! Betreff: Vergewaltigung gibt es nicht Liebe Missy-Redaktion, ich habe Euer…

05.01.12 >

Wir veröffentlichen diesen Leserinnenbrief, der sich auf den gleichnamigen Beitrag in der aktuellen Printausgabe bezieht. Mithu Sanyal, um deren Statements es in diesem Brief auch geht, wird in Kürze dazu Stellung beziehen, bevor wir die Diskussion öffnen und schon sehr gespannt auf eure Meinung sind!

Betreff: Vergewaltigung gibt es nicht

Liebe Missy-Redaktion,

ich habe Euer Magazin im Abo und bin nach wie vor froh, dass es Missy
gibt. Hut ab vor Eurer Leistung. Und Feminismus ahoi, immer, überall.

Aber: Über das in der aktuellen Missy abgedruckte Gespräch zwischen
Mithu Sanyal und Etta Hallenga habe ich mich geärgert. „Das ist genau
der queer missverstandene bzw. missverstehende Quatsch, den ich nicht
in einer feministischen Zeitschrift lesen will!“, habe ich beim Lesen
gedacht.

Besonders wichtig ist mir der folgende Punkt, an dem sich mein Problem mit dem Gespräch zwischen den beiden Frauen und der Tatsache, dass Ihr
das so abgedruckt und eingeleitet habt, wie Ihr’s habt, sehr deutlich
machen lässt: Gegen Ende des Gespräches sagt Sanyal: „Der amerikanische Feminist Michael Katz schreibt, dass die Täteridentität ja auch nicht prima
ist. Wie fühlt sich das denn für einen Mann an, wenn er nachts die
Straße entlanggeht und Frauen die Straßenseite wechseln?“

Wie bitte?! Mich interessiert nicht, wie sich irgendein Mann, und möge
er noch so feministisch sein, fühlt, wenn eine Frau beim Anblick
seiner die Straßenseite wechselt. Deal with it, men of the world. Mich
interessiert, wie sich diese Frau fühlt und weshalb sie das tut.
In meinem Verständnis von Feminismus geht es in einer feministischen
Analyse einer solchen ‚Straßenseiten-Situation’ nämlich nicht darum,
zu beklagen, dass das doch für die Männer auch nicht toll sei, als
potentielle Vergewaltiger wahrgenommen zu werden, sondern es geht
darum, gesellschaftliche Strukturen und Machtmechanismen zu
hinterfragen und offen zu machen, die Strukturen, die zu eben dieser
Situation wieder und wieder führen.

Anders gesagt:
Denjenigen meiner Freundinnen, die Angst haben, nachts allein nach
Hause zu gehen, ist ganz sicher nicht damit geholfen, dass ich ihnen
sage: „Hör mal, für die Männer, die nachts unterwegs sind, ist das
aber nicht toll, dass du Angst hast! Hab mal keine!“

Konkret ist ihnen auch nicht mit dem Verweis auf die besagten
gesellschaftlichen Strukturen geholfen, das sehe ich wohl, aber der
Verweis auf diese würde ihnen zumindest keinen Vorwurf machen, wie es
der Hinweis auf die Männer, für die’s nicht toll ist, als potentielle
Vergewaltiger wahrgenommen zu werden, leider tut.
Call it old school, second wave – whatever. That’s me.

Ich verstehe, dass es Sanyal um die Auswirkungen diskursiver Praktiken
geht, ich verstehe, was sie meint, wenn sie sagt, Vergewaltigung sei
das Verbrechen, das uns am meisten gendere und ich respektiere ihren
Wunsch, diese Diskurse offen zu legen, um letztlich die festen
Zuschreibungen von ,Frau-Opfer-Angsthaben’ vs.
,Mann-Täter-Machtausüben’ zu durchbrechen und Vergangenheit werden zu
lassen. Ich glaube nur nicht, dass das so funktioniert.

Ich finde es wichtig, darauf hinzuweisen – so wie Sanyal es tut –, dass es auch der gesellschaftlich wirksame Diskurs ist, der zur Konstitution von Opfern und Tätern beiträgt und ich halte es für sinnvoll, darauf hinzuweisen – so wie Sanyal es ebenfalls tut –, dass die Frauen in unterschiedlichster Form ständig präsentierte Wiederholung der Möglichkeit, Opfer von Vergewaltigung zu werden, zu Ohnmacht führen kann und dass das nicht wünschenswert, dass es falsch ist – ich finde es nur null Empowerment, Frauen – seien sie Opfer von Vergewaltigung geworden oder nicht – vorzuschlagen, dass sie sich man nicht bedroht fühlen sollen, bitte, denn sonst bleibe der Diskurs so mächtig und wir kämen da nicht raus, aus dem Diskurs.

Empowerment aber halte ich für notwendig.
In meinem Verständnis ist es Empowerment, Leute ernst zu nehmen, so
wie sie sind, da, wo sie stehen, mit dem, was sie fühlen und gemeinsam
für eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu kämpfen.

Und Queer ist in meinem Verständnis u.a. eine Einstellung, Theorie und
Praxis, die es Menschen ermöglichen soll, eine Wahl darüber zu
treffen, wie sie leben wollen, wer sie sein möchten, mit wem sie Sex
haben wollen – all das in Unabhängigkeit von ihrem biologischen
Geschlecht.

Leider sind wir noch weit entfernt von einem Zustand, in dem Leute
diese Wahlen wirklich frei treffen können – sex does still matter, and so does
gender.

Deshalb war in diesem Leserbrief auch die Rede vom Missverstehen von Queer: das bloße Ignorieren von Geschlechterkategorien ist nicht queer. Ignorieren ist nicht dekonstruieren. Ich halte es nicht für nützlich, Geschlecht in kriminologischen Statistiken unkenntlich zu machen, um die Binarität Frau-Opfer-Angst Mann-Täter-Macht zu durchbrechen, wie es Sanyal im Gespräch vorschlägt.
Wir sind auf die Kategorien ,Frau’ und ,Mann’ und auch auf die Arbeit
mit ihnen, zumindest in einem gewissen Maß, angewiesen, so lange reale
Unterdrückungsmechanismen und Machtgefälle entlang dieser Kategorien
verlaufen. Das ist paradox, ja – sich auf etwas zu stützen, das man
eigentlich loswerden möchte – aber manchmal ist ein Paradoxon das
Beste, was wir kriegen können.

Mit den besten Grüßen, Christina Weber