Alle Jahre wieder – Billy beim Gynäkologen

share tweet  Vor über einem Jahr war ich die letzten zwei Male vor der Transition (Geschlechtsangleichung), also als Frau Billy, beim Gynäkologen – kein Ding. Eigentlich. Nach über 15+ Jahren sollte mensch da Routine haben. Vorsorgen ist besser als Nachsorgen und so. Weshalb ich mich auch brav, alle Jahre wieder, hingequält hatte. Nicht, dass alleine die…

02.08.12 > Uncategorized

Vor über einem Jahr war ich die letzten zwei Male vor der Transition (Geschlechtsangleichung), also als Frau Billy, beim Gynäkologen – kein Ding. Eigentlich. Nach über 15+ Jahren sollte mensch da Routine haben. Vorsorgen ist besser als Nachsorgen und so. Weshalb ich mich auch brav, alle Jahre wieder, hingequält hatte. Nicht, dass alleine die falsche Ansprache schon eine Hölle besonderer Qualität war und manchmal immer noch ist, nein, auch die Tatsache, dass ich dort überhaupt hin zu gehen hatte, so als Mann: eine phänomenal enfremdende Situation. Wieso bin ich also im letzten Jahr gleich zwei Mal hingelaufen?

Das erste Mal: unfreiwillig. Jetzt hatte ich mich schon zum Recherchefuchs ausbilden lassen und gefühlte Ewigkeiten als Frau Billy verbracht – warum also nicht die gelernten Kompetenzen für meine Transition einsetzen? Über einen Freund kam ich zu einem FtM-Portal*** (female to male, dt. Frau zu Mann, in Bezug auf Transsexualität) im Netz, in dem ich das erste Mal über die DGTI (Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität) las. Unter ‘Medizinisches’ fand ich dort die so genannten ‘Handlungsempfehlungen für den Hausarzt‘, die zur Differenzialdiagnose u.a. eine gynäkologische/urologische Untersuchung vorsehen.

Also nochmals hin zum Hausarzt, dann mit der Überweisung zum Gynäkologen. Ich möchte an dieser Stelle nicht lange fackeln: Der Besuch war wichtig für die Krankenkasse und hat sicherlich zu einer beschleunigten Transition beigetragen, war allerdings eine solch grauenvolle Erfahrung, dass ich nie-nie-nie-nie mehr im Leben zu irgendeinem Gynäkologen wollte. Wieso also ein zweites Mal im letzten Jahr?

Weil ich meinen Körper grundsätzlich – trotz aller, sagen wir, Unerwartetheiten damals wie heute – lieb(t)e, ich meine Gebärmutter wie Eierstöcke behalten wollte und will, und den transphoben Äußerungen des Gynäkologen nicht vertraute. Voilà, hier eine winzige Kostprobe des Dialogs (ich dabei auf der Designperle eines ‘Stuhls’ sitzend …):

Sie müssen sich diese Organe entfernen lassen!

Äh, nein, das muss ich nicht, lesen Sie keine Zeitung oder schauen Sie nicht die Tagesschau?!?

Aber Sie müssen

… leben Sie noch im Nationalsozialismus?!? Ich lasse Ihnen gerne eine Kopie des Bundesverfassungsgerichtsurteils hier, danke.

Bam! Ich habe dann tatsächlich eine Kopie des Urteils in der Praxis gelassen (ja, solche Kopien habe ich damals oft, bei Arztbesuchen immer, mit mir herumgetragen), das Anfang 2011 sowohl genitalangleichende Operationen als auch die dauerhafte Fortpflanzungsunfähigkeit als Voraussetzung für die Personenstandsänderung (m –> f und f –> m im Pass etc.) mit dem Grundgesetz für unvereinbar erklärte (Art. 2 GG, Recht auf körperliche Unversehrtheit).

Das zweite Mal im letzten Jahr war okay, eine Empfehlung, ein weiter (teurer) Weg in ein fast zwei Stunden entferntes Kaff. Aber okay und fast 100% positiv rekonditionierend. Zum Beispiel wurde ich ganz selbstverständlich gefragt, ob ich mich untersuchen lassen wolle, und wenn ja, auf den ‘Stuhl’ oder lieber einen Blindabstrich möchte, d.h. liegend, mit einem Wattestäbchen und sonst nixi. Oh my!

Letztens war ich dann das erste Mal als Mann wieder dort, selbes Spiel, dem allerdings ein etwas seltsames Gespräch vorausging, das u.a. recht unspektakulär mit der Tatsache zu tun hatte, dass manche Männer ihre Periode bekommen:

Ich bekomme sie manchmal noch, das ist sehr schlimm, ich habe keine Worte dafür, wie schlimm.

Wenn Sie das [Produktname für ein Mittel, das die Östrogenproduktion hemmt] schon ausprobiert haben und nicht mehr nehmen wollen, dann vielleicht doch die Operation?

Nein danke, das hatte ich schon beim letzten Mal gesagt. Davon abgesehen, wie soll ich nach solch einer Operation noch Kinder bekommen können?

… . [Stille, eher: Totenstille]

Ich habe jetzt weder einen Partner noch einen konkreten Kinderwunsch, aber vielleicht später.

… [andauernde Totenstille, Kritzeln in die Patientenakte]

… [Gegenstille] Solange ich die rote Pest noch bekomme, habe ich wohl noch Zeit zu überlegen. Machen wir jetzt die Untersuchung?

Deshalb muss ich der Du sollst keine Kinder bekommen!-Aufzählung der fuckermothers – trotz BVerfG-Urteil und überhaupt – noch traurigerweise (Trans)Männer hinzufügen. Jedenfalls wenn’s nach diesem Gynäkologen ginge. Billy sagt: Eaasy … abwarten! Bis es das nächste Mal wieder heißt: Alle Jahre wieder …


*** Diese Site hat mir sehr oft den Tag und manche Nacht gerettet, weshalb ich sie hier erwähne. Das FtM-Portal wünscht keine Verlinkung, sollte aber auch ohne direkten Link über eine Suchmaschine zu finden sein.