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Interview: Bettina Rheims über ihre Ausstellung „Gender Studies“, Schönheit und Frausein

Mann, Frau oder something in between? Die Ausstellung Gender Studies der französischen Künstlerin Bettina Rheims spielt ganz bewusst mit diesen Einordnungen um sie gleichzeitig zu unterwandern und zu hinterfragen. Die Fotografien der 25 Menschen entblösen die Portraitierten und verhüllen sie zugleich, sodass die BetrachterIn stets rätselnd vor den Bildern und der Frage steht, mit welchem…

22.10.12 > Kunst,
bettina rheims

Mann, Frau oder something in between? Die Ausstellung Gender Studies der französischen Künstlerin Bettina Rheims spielt ganz bewusst mit diesen Einordnungen um sie gleichzeitig zu unterwandern und zu hinterfragen. Die Fotografien der 25 Menschen entblösen die Portraitierten und verhüllen sie zugleich, sodass die BetrachterIn stets rätselnd vor den Bildern und der Frage steht, mit welchem Geschlecht sie oder er es zu tun hat.

Doch genau dieser Impuls des Einordens wird durch die Unfähigkeit einer Kategorisiserung durch die Bilder hinterfragt. Warum überhaupt also dem Kategorisierungsdrang folgen, statt einfach die Schönheit und Ästhetik der fotografierten Menschen zu bewundern?

Bettina Rheims, besonders durch ihre vielseitigen Frauenportraits berühmt, widmet sich in dieser, wie schon in einer Arbeit mit dem Titel „Modern Lovers“ (1993), dem Thema Transsexualität. Ihre Portraits junger Angehörigen des sogenannten dritten Geschlechts sind von kühler, puristischer und trotzdem sehr berührender Ästhetik.

Am Freitag, dem 20. Oktober, feierte ihre Ausstellung „Gender Studies“ in Berlin in der Galerie Camera Work Vernissage.

Anlässlich der Ausstellungseröffnung führte Missy ein Interview mit der französischen Fotografin. Da Frau Rheims nicht wirklich in Frage-Antwort-Spiel-Laune war und ihr gänzlich die Lust fehlte, über ihre Ausstellung zu sprechen, verlief das Interview ein bisschen anders als erwartet. Ganz nebenbei durfte Missy vor Frau Rheims auch noch ein Plaidoyer für den Feminismus halten.

Missy: Frau Rheims, erzählen Sie mir die Geschichte hinter den Bildern Ihrer Ausstellung.

Rheims: Die Geschichte hinter diesen Bildern (seufzt). Ich habe diese Story Gestern eine Million Mal erzählt, mir fehlt die Inspiration für diese Antwort.

Missy: Gut, dann möchte ich Sie etwas anderes fragen. Was bedeutet Schönheit für Sie?

Rheims: Schönheit hat für mich definitiv keine ästhetischen Kriterien. Es geht um Stärke und Verletzlichkeit gleichermaßen. Die schönsten Menschen für mich sind jene, die diese beiden Seiten in sich akzeptieren. Wenn jemand einen Raum betritt und ich empfinde diesen Menchen als schön, gibt es oftmals Dinge, die ich in ihm wiedererkenne, ohne genau zu wissen, woher. Aber es hat dann ganz sicher nichts mit einem bestimmten Körperteil zu tun, es geht doch stets um innere Schönheit, die jemand nach außen trägt. Jemand dummes kann nicht schön sein, jemand arrogantes ebensowenig, das glaube ich zumindest.

Missy: Und Schönheit haben Sie in all diesen Menschen gefunden, die Sie für „Gender Studies“ fotografierten?

Rheims: Ja natürlich, ich habe diese Menschen aufgrund ihrer Schönheit ausgewählt. Sie sind jedoch nicht nur äußerlich schön, sondern auch durch die Dinge, die sie erlebt haben und von denen sie erzählen. Sie alle haben eine Geschichte erlebt, mussten kämpfen, um ihren Platz im Leben zu finden, und das ist wunderschön.

Missy: Was heißt es für Sie, eine Frau zu sein?

Rheims: Ich weiß nicht, ich war ja immer eine (lacht). Ich konnte in meiner Arbeit erfolgreich werden, gerade weil ich eine Frau bin. Ich bin keine Feministin (Anmerkung: Rheims hatte sich in einem Interview aus dem Jahr 2009 indirekt schon als Feministin bezeichnet), weil ich keinen Grund sehe, mich zu beklagen. Ich finde, dass wir die wichtigsten Kämpfe in meiner Generation gewonnen haben. Sie widersprechen mir da sicherlich. Wir waren keine militante Kämpfergeneration wie die Generation vor uns. Ich habe nie unter der Tatsache gelitten, eine Frau zu sein, weder als Künstlerin noch in den Beziehungen zu anderen Menschen, ich litt auch nie unter Benachteiligungen als Mutter. Was es für mich bedeutet, eine Frau zu sein..ich kann das schwer sagen, andererseits ist es doch ganz offensichtlich. Ich mache diese Arbeit, weil ich eine Frau bin und das wiederum zeichnet mich als Frau aus. Aber eine Feministin bin ich nicht. Was ist überhaupt Feminismus heutzutage?

Missy: Es gibt ja nicht nur den einen Feminismus, sondern viele unterschiedliche Feminismen, so viele wahrscheinlich, wie es Frauen und auch Männer gibt, die sagen: Ich bin FeministIn. Daher ist die Frage, was Feminismus ist, auch nicht mit einem Satz beantwortet.

Rheims: Dann erklären Sie mir, was es für Ihre Generation bedeutet, FeministIn zu sein, dann muss ich nicht reden und erzählen und kann Ihnen zuhören.

Missy: Unsere Generation von Frauen wächst ja zunächst mit der Gewissheit auf, dass uns alle Türen offen stehen, dass unsere Mütter lange genug für Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung auf die Straße gegangen sind und wir nun quasi die Ernte einfahren dürfen: Ein nettes Leben, in dem wir tun und lassen können, wozu wir Lust haben und es für uns als Frauen keinerlei Barrieren und Probleme mehr gibt. Also keine sogenannte Gläserne Decke, keine sexistische Sprüche im Büro, keine Gehaltsdiskussionen über gleichen Lohn, keine nackten Brüste, die für die Apotheken Rundschau oder für Hörgeräte werben, keine verbotenen Schwangerschaftsabbrüche u.s.w. Diese Liste könnte ich ewig weiterführen. Und dann merken wir nach ein paar Jahren in Studium, Beruf und Familienleben: Dem ist ja gar nicht so! All diese Errungenschaften sind noch überhaupt nicht in trockenen Tüchern, ja viele davon sind überhaupt noch weit davon entfernt, Usus zu sein. Die Ernte einfahren und ein nettes Leben genießen können vielleicht mal unsere Ur-Ur-Urenkelinnen. Aber auch nur, wenn wir uns jetzt anstrengen und Dinge ins Rollen bringen, Druck machen, auf politischer und auch auf privater Ebene. Die Lohngleichheit stellt sich nicht von allein ein. Dass Sie als Frau niemals vor verschlossenen Türen standen, hat möglicherweise mit ihrer künstlerischen Arbeit zu tun. In der Kunst wird sicher oftmals, aber auch nicht immer, ein egalitärer Umgang zwischen Frauen und Männern gepflegt. Jetzt sind sie berühmt und alle Menschen respektieren Sie. Sie werden wohl nie um ein gleichberechtigtes Gehalt kämpfen müssen. Das ist wundervoll für Sie, für den Rest der Frauen gibt es u.a. dafür den Feminismus! So sehe ich das, für meine Generation im allgemeinen kann ich aber selbstredend nicht sprechen.

Rheims: Sie beschreiben eine Welt, die nicht die meine ist. Deshalb weiß ich also über all diese Probleme auch zu wenig.

Missy: Nun sind Sie ja in erster Linie Künstlerin. Waren Sie sich denn über die politische Schlagkraft Ihrer Ausstellung ebenfalls bewusst? Transsexuelle Menschen sind ein heikles Thema, es ist noch gar nicht lange her, da wurden an Säuglingen und Kleinkindern noch sogenannte Geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt. Die Menschen auf Ihren Bildern haben sich aber ganz bewusst für das Dazwischen entschieden (Anmerkung: Mit Ausnahme von Kael T. B., der sich zum biologischen Mann umoperieren ließ).

Rheims: Natürlich weiß ich um den politischen Aspekt der Bilder, gar keine Frage. Ich habe die Bilder ja auch nicht aus reinem Vergnügen an der Ästhetik gemacht. Nicht nur die Bilder sondern auch die Tonaufnahmen, die wir parallel zu den Shootings gemacht haben und bei denen die Menschen auf den Bildern ihre Geschichten erzählen, sollten das sehr deutlich zeigen. Ich finde es wichtig, diesen Menschen eine Bühne zu bieten, um sich auszudrücken und gehört zu werden. Ich hoffe, dass ihnen diese Arbeit gut getan hat. Ich habe versucht, ihnen so nahe wie möglich zu kommen. Meine Aufgabe sah ich darin, den Menschen ein stärkeres, schöneres Bild ihrerselbst zu vermitteln. Ich bin sicher, alle von ihnen haben ein ziemlich hartes Leben und es war sicher nicht einfach für sie, sich vor meine Linse zu stellen und alle Hüllen fallen zu lassen, die textilen aber auch die psychischen Schutzhüllen. Sie in ihrer ganzen Schönheit zu fotografieren, das ist das Mindeste, was ich ihnen schuldig bin. Das ist mein Geschenk an sie.

 

 

Wo & Wann

„Gender Studies“

Vom 20. Oktober – 1. Dezember 2012

Camera Work

Kantstraße 149
10623 Berlin

Dienstag bis Samstag
11 bis 18 Uhr
Eintritt frei

Die Ausstellung „Gender Studies“ findet im Rahmen des 5. Europäischen Monats der Fotografie statt, innerhalb dessen noch bis zum 25. November viele weitere Ausstellungen und Veranstaltungen stattfinden. Mehr Informationen zum Monat der Fotografie findet ihr hier.