Unterbüchs de luxe

“Miss Sexy and Crazy” trifft “Tarantino” in der Unterwäscheabteilung.

07.11.12 > Duales System

 “Miss Sexy and Crazy” trifft “Tarantino” in der Unterwäscheabteilung.

Schon mal von einem Damenkleidungsstück gehört, das „Comfort Minimizer“ heißt? Ein Terminus, der die Fantasie augenblicklich ­beflügelt: Versteckt sich dahinter eine modische Burka? Eine flotte Zwangsjacke? Nichts da. Der „Comfort Minimizer“ ist nichts als ein schlichter weißer Bügel-BH der Marke ­Triumph. Wohltuend abtörnend stechen solche Produktnamen hervor zwischen den sonstigen Wäschetiteln, die so anstrengend gut gelaunt, so bedeutungsgeladen daherkommen. So heißt etwa eine schlichte weiße Unterhose „Miss Sexy and Crazy“. Ein ­augenscheinlich identisches Modell der Konkurrenz nennt sich „Rock ’n’ Roll“, woanders gar „Cruel Domina“ – es ist dieselbe Unterhose, die meine Großmutter immer trug und im Dreierpack von Woolworth kaufte. Schlichte Damenschlüpfer könnten doch auch red­lichere Namen haben, gern auch anglisiert: „Grandma’s Secret“, „Miss 08/15“, „No ­Sensation“, „Nothing Special“. Stattdessen ­Aufgekratzt-Romantisierendes, wohin man greift: „Poetry Feelings“, „Sensual Kiss“.

Männerunterhosen sind dagegen getauft nach konkreten Lichtgestalten, nach kernigen Heroen, gar Intellektuellen: Unter „Goya“, „Montaigne“ und „Tarantino“ machen sie es nicht. Frauen dürfen sich bestenfalls mit „Glitter Diva“ identifizieren, dabei könnten doch auch Produktlinien wie ­„Curie“, „Kahlo“ oder „Arendt“ zugkräftig sein. Ähnlich große Gräben gibt’s auf dem Feld der Hochzeitswäsche, deren Produktpalette für Frauen gewaltig ist. Männerhochzeitswäsche ist hingegen nicht existent. Männer ziehen einfach in der Hochzeitsnacht ihre lieb gewonnenen Buchsen „Tombeur“ (Frauenheld) oder „Party Ego“ an. Die größte Kluft findet sich aber auf dem Feld der „Business Underwear“: Während für beide Geschlechter noch in den Sechzigern die einfache Regel galt, am Arbeitsplatz dunkle Wäsche zu tragen, gibt’s für Frauen heute „Angel Curves Leo Print“ oder „Business Shaper“, mit dem Verweis: „Tragekomfort, den hart arbeitende Frauen verdienen“. Warum nur heißt ein Business-Slip für Männer dagegen ohne Umschweife „Holiday June“?