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Bei Muttern: Wir rannten um unser Leben

Parwin erzählt ihrer Tochter Armaghan von ihrer Flucht als politische Aktivistin von Iran nach Deutschland.

14.11.12 >

Parwin erhielt als erstes Mädchen aus ihrem iranischen Dorf einen Studienplatz für Medizin. Später musste sie als politische Aktivistin mit ihrer Familie nach Deutschland fliehen. Wie dramatisch das ablief und wie sie in Deutschland doch noch ihren Traum verwirklichte und Ärztin wurde, erzählt sie ihrer Tochter Armaghan.

Während des Studiums: Parwin (rechts) und ihre Kommilitoninnen (Foto: privat)

Als erstes Mädchen in meinem kleinen Heimatdorf im Westen Irans bekam ich 1975 einen Studienplatz für Medizin an der renommierten Universität Tabriz. Mein Vater äußerte seinen Stolz mit den Worten: „Sie kann nur ein Junge sein”. Er unterbrach nach seiner Aussage zum ersten Mal in seinem Leben während des Ramadan sein Fasten, um mit mir nach Tabriz zum Einschreiben zu fahren – gegen den Protest zahlreicher Verwandter und Bekannter. Es folgte eine unbeschwerte Studienzeit. Wanderungen, organisiert von der politischen Linken, der ich auch angehörte, gaben uns zumindest an den Wochenenden Freiraum vom so omnipräsenten Regime des Schah und prägten unsere politischen Ansichten.

1979 dann, zur Sternstunde der kulturellen Revolution, sah ich mich gezwungen in den Untergrund zu fliehen. Wegen der politischen Aktivitäten meiner Geschwister, allen voran meiner beiden älteren Brüder, war es zu gefährlich, unter meinem Nachnamen weiter an der Universität zu bleiben. Über meinen ältesten Bruder gelangte ich nach Teheran. Dort kam ich in der Pension eines Bekannten unter und arbeitete inkognito in dessen Krankenhaus. Die wenigen Freiheitsmomente erlebte ich wieder auf Wanderungen. Auf einer dieser Wanderungen verguckte dein Vater sich in mich. Wir merkten schnell, dass wir uns sympathisch und unsere Vorstellungen einander ähnlich waren und wurden ein Paar. Mein Studium konnte ich nicht mehr fortsetzen, da man mich wegen der vielen Fehltage exmatrikuliert hatte. Als du dann auf die Welt kamst, stand es schon sehr schlecht um unsere Sicherheit. Das zwang uns 1985, nach monatelangen Ablenkungsmanövern gegenüber dem Geheimdienst, nach Deutschland zu fliehen.

Kein einziges Mal hast du uns während dieser monatelangen Flucht dein Kindsein spüren lassen. Im Gegenteil, sogar als wir stundenlang in einer Berghöhle darauf warteten, dass uns die Schleuser abholen, spieltest du neugierig mit den Ameisen, die auf dem Boden herumkrochen. Nur einmal, auf dem Fluchtpferd nahe der türkischen Grenze, fingst du an zu schreien. Die Schleuser wollten dich aus Angst vor der Grenzpolizei ruhig stellen. Unter diesen lebensbedrohlichen Umständen sahen wir uns schließlich gezwungen dir ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. Als du, angekommen am nächsten Zwischenziel, nicht aufwachen wolltest, durchlebte ich schlimme Stunden. Immer wieder schüttelte ich dich. Erst nach einigen Stunden öffnetest du mit einem strahlenden Lächeln die Augen. Du schienst gut geträumt zu haben. Das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens.

Auf unserem Zwischenstopp in der Türkei kamen wir in Istanbul unter, bis Pässe für die Weiterreise nach Deutschland fertiggestellt waren. Das alles entscheidende Hindernis sollte uns am Flughafen erwarten. Ein Grenzoffizier hatte gemerkt, dass unsere Pässe gefälscht waren und wollte uns mit der nächsten Maschine zurück in den Iran schicken. Das hätte unsere sofortige Inhaftierung und Hinrichtung bedeutet. Unbedarft spieltest du mit den funkelnden Abzeichen des Offiziers und strahltest ihn an. Ich weiß nicht, ob ihn für einen Moment Mitleid überkam. „Wir können Sie keinen Moment länger hier behalten. Entweder Sie kriegen jetzt die Maschine nach Deutschland oder wir müssen Sie sofort in das nächste Flugzeug nach Teheran setzen“, hieß es. Wir hatten verstanden und rannten wieder um unser Leben. Die Maschine haben wir bekommen, sie hatte Verspätung.

Angekommen in Deutschland, stimmten zwar die Rahmenbedingungen, doch erneut sah ich mich in der Widerstandsrolle. Diesmal musste ich meinen Wunsch Medizin zu studieren gegenüber Bekannten durchsetzen, die meinten, dass dafür neben unserem Exil-Aktivismus keine Zeit bleibe. Die Unterlagen über meine bisherigen Studienleistungen hatten es nie bis nach Deutschland geschafft, weshalb ich das Studium komplett wiederholen musste – mit dir und deiner Schwester, die als Frühchen kurz vor meinem Physikum geboren wurde. Ohne die unermüdliche Unterstützung eures Vaters, der trotz abgeschlossenen Studiums Taxi fuhr, um uns über Wasser zu halten, hätte ich mir diesen Herzenswunsch nicht erfüllen können. Heute bin ich unendlich froh, dass ich hartnäckig geblieben bin. Ich kam kürzlich in die Lage eine eigene Praxis zu eröffnen, in welcher ich als Internistin meinen Wunschberuf lebe, nach 30 Jahren kämpferischen Daseins.

Protokoll: Armaghan Naghipour