Die Auseinandersetzung mit Porno ist bei den Herren Regisseuren ein sich durchziehendes Thema auf der diesjährigen Berlinale

Da wäre zum Beispiel die leidvolle Geschichte des unfreiwilligen Pornostars Linda Lovelace, die Rob Epstein und Jeffrey Friedman in dem leider recht oberflächlichen Biopic „Lovelace“ zu erzählen versuchen. Die Regisseure des psychedelischen Ginsberg-Biopics „Howl“ konzentrieren sich auf die von häuslicher Gewalt geprägte Beziehung von Linda Borneman (Amanda Seyfried) – wie der Pornostar des 70er Jahre Megahits „Deep Throat“ mit bürgerlichem Namen hieß – zu ihrem Ehemann, Peiniger und Zuhälter Chuck Traynor. Warum ausgerechnet dieser haarsträubende Hardcore-Porno über eine Frau, die zunächst keine sexuelle Befriedigung erlangen kann, weil ihre Klitoris im Hals sitzt (Hallo Patriarchen dieser Welt…), den Pornofilm aus seiner Schmuddelecke herausholte und gesellschaftsfähig machte, bleibt unklar. Auch der engagierte Kampf gegen Pornografie, den Boreman nach der Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann führte, wird in dem mit etlichen Stars aufwartenden Biopic (darunter eine nicht wiederzuerkennende Sharon Stone als Lindas Mutter) nur angerissen.

[vsw id=“8SNIC7THA-Q“ source=“youtube“ width=“425″ height=“344″ autoplay=“no“]

Der Wunderknabe Joseph Gordon-Levitt traut sich was. In seinem Regie- und Drehbuchdebüt „Don Jon’s Addiction“ spielte er den recht einfältigen Don Jon aus New Jersey, den nur wenige Dinge im Leben interessieren: Seine Kumpels, sein Auto, sein Körper, seine Familie, seine Kirche, seine Frauen – am allermeisten aber seine Internetpornos.

Gefühlt ein Viertel der Zeit sehen wir Hollywoods neuen Liebling vor seinem Labtop masturbieren, nachdem er jeweils endlich das ultimative Pornofilmchen im Netz gefunden hat. Und dann als Kind einer strenggläubigen Familie ab in die Kirche, um sich für seine Versündigung ein paar Ave-Marias abzuholen. Und dann ab ins Fitnessstudio, um beim täglichen Workout die Ave Marias runterzubeten. Und abends in die Disco, um eine attraktive Frau abzuschleppen, von der seine auf der Pirsch weniger erfolgreichen Kumpel behaupten: She’s a dime.

Der hochtalentierte Gordon-Levitt schafft es tatsächlich diesen stereotypen, frauenverachtenden Charakter authentisch wirken zu lassen – und auch nicht gänzlich unsympathisch. Don Jon’s Problem: Der Sex mit einer wirklichen Frau, die womöglich keinen Bock darauf hat sich ins Gesicht spritzen zu lassen oder andere Sexspielchen zu spielen, befriedigt ihn bei weitem nicht so sehr wie seine Pornovideos, bei denen er sich gänzlich fallen lassen kann. Das scheint sich zu ändern als er die blonde Prinzessin Barbara (Scarlett Johansson!!!) kennenlernt, die den Playboy zunächst mal auf Abstand hält, um ihn in ihren Prince Charming umzuwandeln. Doch während Barbara von romantischen Liebesfilmen besessen ist, bleibt auch – zur Verärgerung der kontrollsüchtigen Barbara – Jons Besessenheit von Internetpornos bestehen…
Diese selbstironische Filmsatire um das Thema Internet-Pornosucht ist wahnsinnig energiegeladen und witzig und dermaßen toll besetzt (u.a. auch mit der wunderwunderbaren Julianne Moore), dass man darüber das etwas reaktionäre Ende beinahe vergisst. Beinahe.

Der Tausendsassa James Franco, der sich kontinuierlich in seinen Filmen für die Rechte der Homosexuellen einsetzt , ist auf der Berlinale gleich mit /in drei Filmen vertreten: Zum einen in „Maladies“ von seinem Freund Carter, in dem er einen Serienschauspieler spielt, der aufgrund seiner fortschreitenden Schizophrenie nicht mehr spielt.

Als Playboy-Gründer Hugh Hefner hat er einen kurzen Auftritt in dem bereits erwähnten Biopic „Lovelace“.
Soeben lief auf dem diesjährigen Sundance-Festival seine Doku „Kink“ über die Arbeit der sehr erfolgreichen gleichnamigen Firma, die im Internet mehrere pornographische Webseiten betreibt. Gezeigt werden hauptsächlich BDSM-( Bondage, Discipline, Dominance, Submission, Sadism, Masochism) Filme und Bilder.

Nun auch noch „Interior.Leather Bar“ – benannt nach der so überschriebenen Szene aus dem Skript „Cruising“ von William Friedkin aus dem Jahre 1980. In dem Thriller spielt Al Pacino einen Undercover-Polizisten, der im S&M-Milieu ermittelt.
Nach Fertigstellung des Kultfilms veranlasste ihn die amerikanische MPAA vierzig Minuten Hardcore-Ledersexszenen aus dem fertigen Film herauszuschneiden.
Franco und der Regisseur Travis Mathews, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was zeigbar ist und was nicht und der Meinung sind, das jegliche Form von Sexualität auch im Mainstream-Kino als Erzählwerkzeug selbstverständlich sein sollte, engagieren nun eine Gruppe von homo- und heterosexuellen Schauspielern und geben an, die fehlenden Szenen „reimaginieren“ zu wollen.
Unter den Mitwirkenden auch der verheiratete, heterosexuelle Schauspieler Val Lauren, der sich von Beginn an unwohl mit diesem Projekt fühlt, aber mitmacht, weil er Franco seit 15 Jahren kennt und vertraut. Und weil er als Mensch und Künstler bei etwas mitwirken möchte, „wovor er Angst hat“.
Toller Ansatz, aber an der Ausführung hapert es dann doch ein wenig. Vor allem, da es den Anschein hat, dass die meisten der pseudodokumentarischen Szenen geskriptet sind und Franco doch recht viele Allgemeinplätze von sich gibt…Am Ende des Drehtags, an dem auch ein bisschen geblasen und mit den Ketten gerasselt wird, sagt der verschwitzte Lauren: „Ich habe etwas gelernt, ich weiß nur nicht genau was.“ Ehrlich gesagt habe ich nichts Neues hinzugelernt, bin aber neugierig auf das angeblich verschollene, auch in der Szene kontrovers diskutierte Material aus „Cruising“ geworden…

Auch der Berlinale-Special-Beitrag „The Look of Love“ von 24-Hour-Party-People-Regisseur Michael Winterbottom dreht sich um Pornografie.  Es geht um den britischen „Pornokönig“ Paul Raymond (Steve Coogan), der 1958 seinen ersten Stripclub eröffnete und in den darauffolgenden Jahren ein Riesenvermögen, aber auch viel persönliches Unglück anhäufte….

 

 

 

 

 

 

 

Ein Tipp noch für diejenigen unter Euch, die es sich heute abend lieber auf dem Sofa gemütlich machen wollen:

Heute Nacht um 0:00 zeigt Arte vier Episoden aus Isabella Rossellinis Film „Mammas“, der auf der Berlinale im Forum Expanded läuft. (Die Weltpremiere der zehn Kurzfilme – mit Live-Klavierbegleitung – findet morgen um 21.30 Uhr im Delphi Filmpalast statt, da wird Mamma Rossellini auch gleich noch mit der Berlinale Kamera geehrt….)

In verschieden Tiergewändern – vielleicht noch eine Inspiration für die anstehenden Karnevalspartys – geht sie der Frage nach, wie es eigentlich die Tierwelt mit der im Menschenreich vielzitierten Bürde des sogenannten Mutterinstinktes hält. Soviel sei schon verraten: Von Operbereitschaft und Altruismus fehlt bei der Hamster- und Kuckucksmama jede Spur….

Mein Lieblingsmoment: Wenn Isabella Rossellini genüsslich die lateinischen Tiernamen von sich gibt…

http://videos.arte.tv/de/videos/mammas-von-isabella-rossellini-trailer–7282540.html