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War doch nicht so gemeint. Warum auch Satire sexistisch sein kann.

Unser Dossier zum Thema Sexismus geht in die dritte Runde. Im folgenden Beitrag setzt sich Gast-Autorin Danja Ulrich damit auseinander, dass Humor häufig als Legitimation von Diskriminierungen dient.

14.03.13 >

Unser Dossier zum Thema Sexismus geht in die dritte Runde. Im folgenden Beitrag setzt sich Gast-Autorin Danja Ulrich damit auseinander, dass Humor häufig als Legitimation von Diskriminierungen dient.

Vor über einem Jahr gab es ein seltsames Ereignis, das ich schon fast vergessen hatte. Durch den aktuellen Sexismusdiskurs wurde es mir jedoch wieder unsanft in Erinnerung gerufen. Damals hörten wir sonntagmittags auf Radio1 das Programm „Girls of Summer“. Zwei Stunden drehte sich alles um Frauen. In diesem Kontext spielten sie auch das Lied „Frauen sind böse“ von Stefan Remmler mit folgendem Text:

Frauen sind Würger, sie machen uns kalt.
Sie denken nicht logisch, und sie werden schnell alt.
Selbst verträumt und esoterisch sind sie trotzdem noch hysterisch.
Und sie hau’n dir eine rein, denn sie sind gerne auch cholerisch.
Frauen sind zickig, sie flippen gern aus.
Machen Theater und fressen uns auf.
Sie tun am Anfang gern exotisch, sind ’ne zeitlang dann erotisch,
aber wenn der Lack erst ab ist, sind sie meistens nur idiotisch.
Jaja – Frauen sind böse
Jaja – woll’n immer mehr
Jaja – wollen nach vorne
Jaja – nie hinterher
Jaja – Frauen sind böse
Jaja – wollen zerstör’n
Jaja – wollen viel reden
Jaja – können nicht hör’n
Frauen sind Spinner, sie kaufen viel ein.
Sie machen sich wichtig und sie reden uns rein.
Egal ob brav, ob diabolisch, evangelisch, ob katholisch.
Sie drücken uns nach unten, ganz in echt und auch symbolisch.
Sie sind so gierig, so gierig, sie woll’n immer mehr.
Sie schubsen uns beiseite, laufen nicht mehr hinterher.
Sie nerven uns ab und labern uns voll,
und sie finden sich noch toll dabei, sie finden sich toll.

Um ehrlich zu sein: Dieses Lied hat mich verletzt. Ich empfand es als diskriminierend und frauenverachtend, da ich keine Distanz zum Gesungenen aufbauen konnte. Stefan Remmler singt explizit über “Frauen”; wie kann ich mich da als Adressatin ausklammern? Nach der Verletzung wurde ich wütend. Sauer über die Tatsache, dass eine der größten Radioanstalten Berlins so einem Lied eine Plattform bietet. Was die Sache schlimmer macht: Das Lied lief innerhalb einer Sondersendung zum Thema “Frauen”. Die Selbstverständlichkeit mit der dieser frauenverachtende Blick artikuliert und durch Ausstrahlung von Sender akzeptiert wird, lässt ein misogynes Frauenbild somit friedlich mit anderen Perspektiven koexistieren.

Dann geschah etwas Seltsames: Der Freund, mit dem ich das Lied gehört habe (der emanzipierte Frauen und den Feminismus übrigens anhimmelt), konnte meine Reaktion nicht nachvollziehen. In seiner Wahrnehmung sei das Lied derart bescheuert, dass man es nicht Ernst nehmen könne. Das Lied wäre so dumm, es zwinge eine ironische Lesart auf. Ich könnte es doch unmöglich auf mich beziehen.

Eine ironische Rezeptionsweise ist tatsächlich der einzig adäquate Rezeptionsmodus, um mich nicht als eine diskriminierte Minderheit zu fühlen. Selbstironie funktioniert aber nur so lange, wie ich den Witz mache und nicht der andere. Ironische Distanz zum Text bedeutet eine männliche Lesart einnehmen, um Distanz zum weiblichen Geschlecht einzunehmen. So könnte ich mit hegemonialer Sicht über mich selbst als Minderheit lachen. Super. Mir ist aber nicht zum lachen. Bin ich dann humorfrei? Ich bin ein sehr ironischer Mensch, lache gerne über mich, aber: Normative Selbstironie, weil es sonst verletzend wäre, ist nicht lustig sondern traurig und ein Problem. In der Literaturwissenschaft spricht man bei Ironie auch von “entpflichteter Rede”. Ich finde aber, Herr Remmler sollte sich nicht der Verantwortung entziehen dürfen.

Ich stelle die Frage: Warum laufen im Radio keine Lieder mit ironischen Texten wie z.B. “Behinderte sind böse”, “Ausländer sind böse” oder gar “Juden sind böse”? Wäre doch superlustig, weil superironisch. Solche Lieder laufen aber nicht bei Radio 1. Warum? Es handelt sich hierbei um Menschen, die sozialhistorisch tatsächlich öffentlich als “Minderheiten” verhandelt wurden. Hier funktioniert das Argument der ironischen Distanz nicht. Es wäre politisch unkorrekt Witze über sie zu machen. Diese Lieder landen auf dem Index. Warum laufen dann im Radio aber Lieder, die Frauen vermeintlich parodistisch diskreditieren? Darauf gibt es zwei Antworten: Entweder gibt es keine Ungleichbehandlung der Geschlechter mehr, Frauen werden nicht dominiert oder ihre Unterdrückung ist gesellschaftlich akzeptiert.

Das Interessante ist, dass ich mich im Freundeskreis umgehört habe. Ergebnis war: Alle männlichen Befragten (außer einem) teilten die Ansicht meines Freundes, das Lied müsse ironisch gelesen werden; es sei einfach zu dumm. Die Frauen jedoch teilten meine Meinung, es sei sexistisch und unmöglich. Was also soll ich daraus lernen? Es scheint, als würde hier das gleiche Phänomen unter zwei verschiedenen Vorzeichen gelesen werden und daher zu unterschiedlichen Ergebnissen führen: die befragten Männer schienen eher davon auszugehen, die Gleichberechtigung der Geschlechter sei in unserem gesellschaftlichen Alltag bereits vollzogen und Normalität. Frauen würden nicht mehr dominiert. (“Da sind wir doch drüber hinweg”, “Das ist ein so offensichtlich verzerrtes Frauenbild, das kann man nicht ernst nehmen”). Bei Frauen hingegen fungiert dieses Lied eher als Artefakt, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aufzeigt und gleichzeitig diskursiv festschreibt.

In einer emanzipierten aufgeklärten Gesellschaft kommt es zu einer Dialektik: Sexismen sind nicht mehr salonfähig. Treten sie doch auf, werden sich nicht problematisiert, sondern pathologisiert und ironisiert, damit aber auch relativiert und verharmlost. Sie werden nicht mehr eindeutig als Sexismen artikuliert. Doch das stellt uns vor ein Dilemma: So wenig, wie ich mich selbst unterdrücken kann, so wenig können Männer konstatieren: Sexismen sind keine Sexismen mehr. Die ironische, „männliche“ Lesart ist falsch, weil es die Frage aufwirft: Warum muss ich mich als Diskreditierte um eine ironische Distanz bemühen, um mich aus der Position des Adressaten zu befreien? Genauso wenig, wie es richtig ist im aktuellen Sexismus-Diskurs die Opfer aufzufordern: Ihr müsst euch doch nur wehren. Ist es inakzeptabel von den Diskreditierten zu erwarten, sie sollten einfach ihre Haltung zum Missstand (in diesem Beispiel das Lied) ändern? Viel richtiger wäre es, dass es Missstände oder solche Lieder gar nicht erst gibt!

Noch weniger gehören sie ins Radio. Ironie ist kein Deckmantel, der irgendwelche misogynen Aussagen verharmlosen und legitimieren darf. Das wäre nur ein Paradigmenwechsel hin zu seiner postmodernen Art der Misogynie. Die Postmoderne liebt doch die Selbstironie: da würden sich nicht mehr die Männer über Frauen lustig machen. Nein! Die Frauen würden sich über sich selbst lustig machen (so wie es auch nicht mehr die Männer sind, die Frauen zwingen, sich auszuziehen. Die Frauen machen es ja heute als Zeichen der Selbstbestimmung und unter dem “Deckmantel” des Feminismus auch schon selbst). Nicht nur die Tatsache, dass Remmlers Lied im Radio läuft, sondern auch mein Gefühl von Wut und Verletztheit, sowie der #Aufschrei-Diskurs sind lebhafte Zeichen dafür, dass Sexismus im Alltag tatsächlich genau das noch immer ist: Alltag.

Also: Sexismen problematisieren, nicht ironisieren. Wenn Frauen Sexismen weglächeln, werden diese nur salonfähig und fallen nicht mehr auf. Man könnte sie irgendwann problemlos öffentlich artikulieren, zum Beispiel im Radio. Da ich denke, ein Radiosender sollte sich seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung als Massenmedium stellen, deshalb habe ich zweimal an Radio1 mit der Bitte um Stellungnahme geschrieben. Warum sie zur Hauptsendezeit frauenfeindliche Lieder spielen, wurde mir jedoch nie beantwortet.
Text: Danja Ulrich


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