Der große Zweifel

Im grandiosen Comic der Zeichnerin Marijpol sitzt ein Eremit mit gespaltenem Schädel im Dschungel und träumt von einer Gesellschaft, in der es nur noch eine Sorte Eis gibt: Vanille.

Im grandiosen neuen Comic der Illustratorin und Zeichnerin Marijpol sitzt ein Eremit mit gespaltenem Schädel im Dschungel und träumt von einer Gesellschaft, in der es nur noch eine Sorte Eis gibt: Vanille.

Marijpol sitzt in einer Höhle mit Fenster zur Straße. Das ist vielleicht nicht plausibel, aber plausibel ist im Universum von Marijpol, die bürgerlich Marie Pohl heißt und in der Hamburger Klasse von Anke Feuchtenberger zeichnen lernte, ohnehin keine relevante Kategorie. Hier haben schließlich auch Eremiten Berufe und Menschen können ohne Körper weiterleben. Da ist eine Höhle mit Tageslichteinfall und Wasserkocher nicht weiter abwegig.

Die Höhle ist eine zwölf Quadratmeter große Kammer am Ende eines langen Ganges in der Hamburger Viktoriakaserne, die vor ein paar Jahren zum Künstlerhaus umfunktioniert wurde. Darin steht nicht viel mehr als zwei Arbeitstische, zwischen ihnen sitzt Marijpol – lange dunkle Haare, dunkle Augen hinter großer Brille – wie die weise Leiterin einer Schaltzentrale auf einem Drehstuhl. In den vergangenen Monaten arbeitete sie bis zu zehn Stunden am Tag hier über die Tische gebeugt, im März musste ihr aktueller Band „Eremit“ fertig werden. Es war ein zufriedenes Einsiedlertum: „Das Buch zu zeichnen, vor allem im Endspurt, war herrlich. Das sind die Momente, in denen ich mich in der Höhle am wohlsten fühle. Wenn dann jemand vorbeikommt, bin ich extrem kurz angebunden“, sagt sie und grinst wie eine, die das ganz in Ordnung findet.

In „Eremit“ geht es um einen mageren Einsiedler, der mit einem von Zweifeln gespaltenen Kopf in einem Baumhaus im Dschungel lebt und lustlos seiner Tätigkeit als Außenmitarbeiter für ein Bestattungsunternehmen nachgeht. Diese Fallhöhe ist typisch für die Geschichten Pohls, in denen mythologische Figuren und dunkle Magie auf so banale Dinge wie die alltägliche Lohnarbeit treffen. „Nein, ich werde Ihr Gehalt nicht erhöhen! Es entspricht den Tarifverordnungen!“, wird der Eremit zu Beginn der Geschichte per Videofon von seinem Chef angeraunzt, während er in seiner lianenumrankten Behausung thront – mit nichts als einem Lendenschurz bekleidet. Die mit verhältnismäßig wenig Text auskommenden Geschichten illustriert Pohl mit verschlungenen Bleistiftzeichnungen, deren Erforschung oft Minuten dauert und die einen manchmal schlicht ins Buch zu ziehen drohen.

Ihre Bilder und Metaphern kann Marijpol oft selbst nicht erklären – und will es auch nicht. „Ich mag rätselhafte Bilder. Wenn ich ein Buch komplett verstehe, interessiert es mich eigentlich nicht mehr.“ Manchmal ist es einfach die zeichnerische Motivation, die den Ausgangspunkt für eine Geschichte bildet, wie im Fall des Eremiten die Lust darauf, eine Figur zu zeichnen, die innen hohl ist („Lust, das klingt immer so hirnlos, aber hirnlos ist ja manchmal gut.“). Bei der Figur des verhärmten Eremiten, dessen Zwiespalt so wörtlich sichtbar wird, ist aber ausnahmsweise klar, um wen es geht: „Diese Tendenz, zwei Sichtweisen auf Dinge eingepflanzt zu haben und dann den Kern zu suchen, den es vielleicht gar nicht gibt – das bin ich“, sagt sie und man kann sich das gut vorstellen bei dieser Künstlerin, die eine ihren 30 Jahren übermäßig scheinende Ernsthaftigkeit ausstrahlt und deren Antworten deutlich machen, wie lange sie über diese Fragen bereits nachgedacht hat.

„Eremit“ ist aber noch auf einer ganz anderen Ebene sehr persönlich: In dem Jahr, in dem die Geschichte entstand, ist Marijpols Mutter an Krebs gestorben, kurz darauf starben ihre beiden Großeltern. „Ich hatte das Bedürfnis, diese Todeserfahrung zu bearbeiten, aber nicht auf so eine brave, stille Art, sondern eher auf eine fiese, brachiale.“ Heraus kam dabei der Fleischmagnet, eine mythische Kreuzung aus Walross und Boa Constrictor, die den menschlichen Körper Muskel um Muskel bis auf die Knochen abzieht, bis am Ende nur noch ein Kopf übrig bleibt – der wohl beeindruckendste Teil des Buches, der nicht nur in der Seitenanordnung das Zentrum der Geschichte bildet. „Das ist furchtbar und auch eklig. Aber wenn jemand krank ist und stirbt, ist das nicht schön, das kann man nicht verklären.“

Solche Bilder haben Pohls Comics den Ruf eingebracht, düster zu sein, aber wer das behauptet, hat nur oberflächlich gelesen. Mindestens ebenso wichtig ist der immer sehr feine Humor. Wenn etwa lebensmüde Senioren letzte Reisen in den Tod buchen können, die ihnen im Reisebüro schmackhaft in einem Prospekt präsentiert werden, oder wenn aus dem Kopf eines alten Mannes wieder ein kleiner Körper sprießt, nachdem man ihn wie einen Avocadokern ins Wasser gestellt hat. Lustig und zugleich absolut rührend ist auch eine Szene, die den Eremiten als hässliches Kind zeigt, wie es an der Hand seiner Mutter, unfähig aus den unzähligen Sorten eine Kugel Eis auszuwählen, letztlich gar kein Eis bekommt. Ein profanes Dilemma, das die Zeichnerin als symptomatisch für das größere Ganze sieht: „Tatsächlich geht es mir am Eisstand auch so. Ich denke: Ich muss irgendwas Aufregendes nehmen, ich muss etwas Neues nehmen. Für was wir uns entscheiden, sagt ja auch etwas darüber aus, wer wir sind. Natürlich ist das schwer.“ Und so träumt dann auch der Eremit im letzten Kapitel von einer tröstlichen Gesellschaft, in der niemand mehr zwischen Tartuffo, Zabaione, Kaffee, Erdnuss, Zimt, Krokant und Panna Cotta auswählen muss, sondern es nur noch eine Sorte gibt: Vanille.

Die oft unerwarteten, nicht immer plausiblen Wendungen, die die Geschichte dabei nimmt, sind charakteristisch für Marijpol: „Ich fange nicht vorne an und höre hinten auf. Es kann sein, dass ich eine ganze Geschichte nur baue, um ein Motiv einzubetten.“ Bis kurz vor der Abgabe wusste sie auch noch nicht, wie die Erzählung enden würde. Was wahnwitzig klingt, wenn man bedenkt, wie lange es dauert, auch nur eine einzige Seite neu zu zeichnen, erklärt auf einen Schlag, woher diese besondere Leichtigkeit der Geschichten und Bilder von Pohl rührt, die immer etwas rätselhaft bleiben, nie alles erklären und über deren absurden Einfalls- und Referenzreichtum man als Leserin oft nur staunend den Kopf kratzen kann.

Die Zeichnerin als Eremit. Auch wenn Marie Pohl, die mit großen Augen und Stupsnase eher einer melancholischen Mangafigur aussieht, ihrem kauzigen Protagonisten auf den ersten Blick nicht besonders ähnelt – so abwegig ist der Vergleich nicht. Wenn selbst Pohl, die seit ihrer ersten Graphic Novel „Trommelfels“ (2011) zu den meistbeachteten Zeichnerinnen der deutschen Szene gehört und aktuell mit einer Ausstellung beim renommierten Schweizer Comicfestival Fumetto geehrt wurde, von ihrer Arbeit kaum leben kann, dann sagt das viel über die Bedingungen aus, in denen Comics entstehen. Geld verdient sie mit ihren Büchern kaum.

Derzeit arbeitet Pohl in ihrer Höhle an einer Geschichte für die nächste Ausgabe der Hamburger Comicanthologie „Spring“. Es geht um einen müden Muskel im wilden Westen, der sich mal ausruhen muss. Das muss man nicht verstehen, man kann sich einfach freuen darauf.

Marijpol, „Eremit“ Avant Verlag, 216 Seiten, 19,95 Euro.


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