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„That’s what we do in Germany“

Napuli Langa, Mitgründerin der Flüchtlingscamps am Oranienplatz, war in eine Fahrkartenkontrolle geraten. Was ihrem Bericht zufolge im Anschluss an sexistischer und rassistischer Beschimpfung geschah, lässt die Polizei beschämend aussehen.

03.02.14 > ,

Vor zwei Wochen war Napuli Paul Langa, eine der Mitbegründerinnen des Flüchtlings-Camps auf dem Berliner Oranienplatz und die Protagonistin unserer Reportage aus Missy 04/13, nach einer Fahrkartenkontrolle in der Berliner U-Bahn festgenommen und anschließend in Polizeigewahrsam genommen worden. Wie sie berichtet, wurde sie dort rassistisch und sexistisch beschimpft und misshandelt. Vergangene Woche wurden die Ermittlungen aufgenommen. Eine dritte Person hatte von dem Vorfall gelesen und Anzeige gegen die Polizist_innen erstattet, die an diesem Tag Dienst hatten. Hier erzählt Napuli, was passiert ist und warum sie selbst keine juristischen Schritte in Erwägung gezogen hatte.

Napuli, Ihr Knie ist bandagiert, Ihr Handgelenk verbunden und Ihr Nacken noch immer steif. Zugefügt hat Ihnen diese Verletzungen: die deutsche Polizei.

Genau, mein Freund und Helfer! Unglaublich, dass ich der Folter im Sudan entkommen bin, um hier Schutz zu suchen, und dann auf dem Boden einer Polizeiwache erneut den Tritten von Beamten ausgeliefert bin. Aber es geht nicht um mich im Einzelnen. Das war ein rassistischer Übergriff, der schon vorher in der U-Bahn begann.

Sie waren mit einer Gruppe von Aktivist_innen vom Oranienplatz auf dem Weg zu Verhandlungen mit der Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) in eine Fahrscheinkontrolle geraten. Es war kurz vor 10 Uhr, einer aus der Gruppe hatte ein Ticket, das erst ab 10 Uhr galt. Die Kontrolleur_innen drängten Sie alle, auch die mit gültigem Fahrschein, aus der Bahn und haben auf Ihren Widerstand hin die Polizei gerufen. Was ist dann passiert?

Ich erinnere mich an eine Menge Polizisten, sie brachten mich zu Boden und knieten auf meinem Körper. Ich habe versucht, mich zu befreien. Ich musste doch weiter, ich bin schließlich eine der Verhandlungsführerinnen der Flüchtlinge, und die Senatorin wartete auf uns. Doch die Polizisten traten mich, auch gegen mein Knie, das ohnehin schon ramponiert ist, seitdem ich im Sudan vom Geheimdienst gefoltert wurde. Als ich mich kaum mehr rühren konnte, zogen sie mich hoch und schleppten mich mit Handschellen gefesselt weg. Parallel wurde ein anderer von unserer Gruppe festgenommen.

Was passierte dann auf der Wache?

Als ich dort ankam, war mit immer noch schwindlig und übel. Die Polizisten nahmen meine Fingerabdrücke ab und sperrten mich in eine Zelle. Plötzlich wurde ich wieder aus der Zelle geholt und sollte erneut Fingerabdrücke abgeben. Ich verstand nicht, warum, und weigerte mich. Da warfen sie mich um. Sechs Polizisten hielten mich fest, drückten mich mit ihren Füßen oder Knien auf den Boden. Als ich „Kein Mensch ist illegal“ rief, wurde mir der Mund zugehalten. Einer von ihnen nahm einen Mülleimer und stülpte ihn mir über den Kopf. Der restliche Abfall fiel mir ins Gesicht. Ich bekam Angst, begann zu beten. Ein Beamter sagte: „Ich bin nicht Gott. Ich bin der Gott der Fingerabdrücke, Affe!“ Ich rief unter dem Eimer: „Danke, bin ich also dein Affe. Gott segne Dich!“. Worauf ich hören musste: „Oh ja, I fuck your ass! That’s what we do in Germany!“

Unglaublich.

Eine Polizistin, die mich am Arm auf dem Boden festhielt, verdrehte mein Handgelenk so stark, dass ich schrie, es würde brechen. Woraufhin sie sagte, das mache nichts, dann würde es eben brechen. Am Abend ließ man mich frei, ich ging sofort ins Krankenhaus. Mein Arm war verstaucht, mein Knie geprellt und die Kniescheibe herausgesprungen, mein Hals war gezerrt. Mein Körper fühlte sich an wie damals nach der Folter.

Sie haben dennoch keine Anzeige erstattet. Warum nicht?

Wir haben hier mit unserem Camp einen essentiellen Kampf zu führen, es geht um die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland und darum, gesellschaftlichen Wandel zu initiieren. Ich wollte meine Arbeit fortsetzen und die Wut und Empörung über das, was geschehen war, loslassen. Dieser Vorfall hat mir schon genügend Kraft geraubt. Trotz der Schmerzen saß ich am nächsten Tag schon wieder auf einem Podium an der Humboldt Universität. Ich dachte, selbst wenn ich nicht sprechen und mich kaum bewegen kann: Ich will dort sitzen, bandagiert, aber mit Würde. Denn die können uns auch Polizisten nicht nehmen! Ich war dort ein Zeichen.

Und Sie hatten nicht das Bedürfnis, die Polizist_innen zur Verantwortung zu ziehen für ihr Handeln?

Ich will niemanden bestrafen, das ist nicht meine Lösung. Ich bin für gewaltfreie Kommunikation, also für eine Diskussionsrunde zwischen VertreterInnen der Polizei und uns Flüchtlingen. Aber da ich nicht will, dass noch einmal jemand solchen Übergriffen ausgesetzt ist, finde ich es auch okay, dass nun jemand Anzeige erstattet hat – ich weiß gar nicht, wer das war. Mir ist vor allem wichtig, dass die Menschen davon erfahren. Dass die Menschen sich damit auseinandersetzen, wie rassistisch und sexistisch Institutionen wie die Polizei hierzulande sein können.

Interview: Carolin Wiedemann


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