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Extrem laut und unglaublich vergessen

In der DDR gab es zwar keinen Tomatenwurf, dafür aber einige andere knackige Parolen: Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd. Wo die Frauen von damals sind und was sie uns heute noch zu sagen haben

21.02.14 >

In der DDR gab es zwar keinen Tomatenwurf, dafür aber einige Parolen, die genauso gesessen haben: Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd. Wo die Frauen von damals sind und was sie uns heute noch zu sagen haben – eine Spurensuche.

Wahlplakat der Unabhängigen Frauenverbandes, 1990 (Illustration: Anke Feuchtenberger)

Der Satz platzt aus ihr heraus: „Wir hatten einen großen Emanzipationsvorsprung!“ Katrin Rohnstock sitzt in ihrem Büro am Senefelder Platz in Berlin. Sie ist eine laute Frau, die viel lacht und die großen Räume mit ihrer Präsenz ausfüllt. Es klingt, als würde sie über eine Person sprechen, von der sie einmal sehr viel hielt, die sie dann aber unendlich gekränkt hat – und der sie diese Kränkung nie verzeihen wird. „Der Westen war doch frauenpolitisch gesehen ein Entwicklungsland.“ Oder ist das Überheblichkeit? Um die 52-Jährige zu verstehen, um den Frust vieler Frauen aus der ehemaligen DDR zu verstehen, muss man zurückblicken. Zurück in eine Zeit, als sich Frauen zusammenschlossen, um ihren Staat zu reformieren – und stattdessen einen neuen bekamen. Und jetzt – alles verloren, alles vorbei?

Dabei waren sie viele. Sie waren laut. Also zurück zum Herbst 1989. Katrin Rohnstock, damals 28, sitzt mit ihrer gerade geborenen Tochter bei ihren Eltern in Jena vor dem Fernseher und sieht ihr eigenes Land im Aufbruch. Neue politische Gruppen entstehen: SPD. Demokratischer Aufbruch. Neues Forum. „Aber es gab nichts für Frauen!“ Also packt Rohnstock ihre Koffer, reist zurück nach Berlin und gründet Mitte Oktober eine feministische Gruppe: die Lila Offensive.

Bei einem ersten öffentlichen Treffen am 23. November heißt es in der Eröffnungsrede: „Der Schein verwirklichter Frauenemanzipation in der DDR trügt. Die DDR ist eine männerdominierte, d. h. patriarchalisch organisierte Gesellschaft.“ Von offizieller Seite galt „die Frauenfrage“ als gelöst. Dabei wurde diese von der Regierung als zentral betrachtet. Schließlich hatten schon Marx und Engels gesagt, dass es für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichstellung der Frau bedürfe. Nur hatten ein paar Gesetze nicht zur Auflösung klassischer Rollenbilder geführt: Berufstätigkeit war unter Frauen normal, Haus- und Erziehungsarbeit unter den Männern nicht. Waren die Kinder krank, blieb die Frau zu Hause. Gekocht und geputzt hat sie auch. Außerdem hatten Frauen auch in der DDR keinen Zugang in das höchste politische Gremium oder andere Chefpositionen.

Nicht allen war es in dem Haus der Kirche behaglich, Schutz bot es trotzdem.

Zum ersten öffentlichen Treffen der Lila Offensive in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg kommen 200 Leute – gerechnet hatten die Frauen mit etwa 30. „Das war Wahnsinn“, erinnert sich Katrin Rohnstock. Zu diesem Zeitpunkt ist „die Gethsemane“ ein zentraler Ort des Widerstands in der DDR. Eine der wichtigsten Lesbengruppen trifft sich dort. Es ist eine Besonderheit der DDR-Geschichte, dass die Freiräume, die der Staat der Kirche ab 1978 gewährte, von widerständigen Gruppen besetzt wurden. Das waren Friedens- und Ökologiegruppen wie etwa die 1982 gegründeten Frauen für den Frieden, FeministInnen und ab Anfang der 1980er-Jahre auch Schwule und Lesben. Nicht allen war es im Haus der Kirche behaglich, Schutz bot es trotzdem.

Eine der „Lesben in der Kirche“ ist Samirah Kenawi, die zusammen mit Katrin Rohnstock die Lila Offensive gegründet hatte. Ihr kostbarster Beitrag zur Frauenbewegung der DDR liegt etwa fünf Minuten Fußweg von der Gethsemanekirche entfernt, versteckt in einer Berliner Altbauwohnung. Das Klingelschild: Schwarz auf Weiß. Dahinter: das Archiv GrauZone. 1988 fängt Kenawi an, alles von Informationsblättern, Flugschriften und Fotos bis hin zu Briefwechseln der etwa 100 Frauengruppen zu sammeln, die in den 1980er-Jahren entstanden sind. In unscheinbaren Mappen verstecken sich Geschichten von Frauen, die sich leise eingestehen, dass sie anders begehren. Dass sie als Alleinerziehende finanziell nicht klarkommen – und als Mutter einer Großfamilie auch nicht. Hier liegen Ausgaben des ersten Informationsblatts für Lesben. Und es gibt viel, sehr viel Material von und über den Unabhängigen Frauenverband der DDR, dessen Gründung am 3. Dezember 1989 etwa 1200 Frauen mit einem Fest in der Berliner Volksbühne feiern. Ihr Manifest: Ohne Frauen ist kein Staat zu machen!

An diesem Tag ist die Bühne des Theaters mit Wäscheleinen voller Kleider dekoriert, auf einem großen Transparent an der Außenwand steht programmatisch: Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd. Mit diesem Spruch, der heute dank der Diskussionen um die „Herdprämie“ wieder aktuell ist, schielen die Frauen schon auf eine eventuelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten – und sind nicht erfreut. In ihrem Manifest heißt es: „Wiedervereinigung hieße in der Frauenfrage drei Schritte zurück – es hieße überspitzt gesagt: Frauen zurück an den Herd. Es hieße: wieder kämpfen um das Recht auf Arbeit, kämpfen um einen Platz für den Kindergarten, um die Schulspeisung. Es hieße, vieles mühsam Errungene aufzugeben, statt es auf eine neue qualitative Stufe zu heben.“

Dabei haben die Frauen in der DDR nichts wirklich selbst erkämpft. Die Vollbeschäftigung, die Kindergärten – alles machtpolitisches Kalkül eines sozialistischen Patriarchats. Das bekommen sie nach der Wiedervereinigung von mancher Westfrau vorgehalten. In der BRD habe frau sich ihre Rechte erstritten, in der DDR sie nur geschenkt bekommen. Wo eine starke frauenpolitische Kraft hätte entstehen können, gibt es vor allem eines: Streit. Dabei haben die Frauen auch konkrete gemeinsame Ziele: den Kampf gegen den § 218. In Westdeutschland gibt es ihn noch, den Paragrafen, der den Schwangerschaftsabbruch illegalisiert. Die Frauen in der DDR sind ihn schon los – und haben so gar keine Lust, ihn wiederzubekommen. Doch zwischen den Gemeinsamkeiten: Welten.

Die eine Seite schimpft die andere theorielastige Emanzen. Die wiederum rufen „männerfixierte Muttis!“ zurück. Ostfrauen werfen den anderen Arroganz vor, rühmen sich selbst, mit der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes eine große Dachorganisation geschaffen zu haben. Die Frauenbewegung in Westdeutschland war zerstückelt, zerstritten. Viel besser würde Frauensolidarität in Ostdeutschland funktionieren!

Dabei fängt das gemeinsame Dach schon bald an zu bröckeln. Bei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 geht der Unabhängige Frauenverband, der immer auch politische Partei sein wollte, leer aus. Es ist die große Enttäuschung. Auch intern gibt es Krisen. Zwischen den autonomen Frauen und den Parteifrauen, die vorher noch in der SED waren. Zwischen Ehrenamt und Existenzsicherung, denn mit der Auflösung der DDR kommt für viele auch die Arbeitslosigkeit.

„Im Gefängnis knallte ich in die Frauen rein. Da habe ich Sachen gesehen, von denen hatte Mutti mir nichts erzählt.“

Und es wird aufgedeckt, was manche bis heute nicht aufdecken wollen: dass Menschen aus dem direkten Umfeld inoffizielle MitarbeiterInnen der Stasi waren. Dass es sie gab, wussten auch zu DDR-Zeiten alle – und dass die Beweise dafür in den Stasi-Zentralen lagerten, wo sie in der Zeit des großen Umbruchs nicht sicher vor der heimlichen Vernichtung waren. Also besetzen die BürgerInnen die Stasi-Zentralen. Den Anfang machten fünf Frauen in Erfurt.

„Kerstin Schön und Sabine Fabian kamen zu mir, weil sie dachten: Das ist auch eine Verrückte, die macht da mit.“ Das war am 4. Dezember 1989, Gabriele Stötzer ist sofort dabei. Sie kannte die Stasi-Zentrale schon von innen. Als sie 1976, mit 23 Jahren, einen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschreibt und sich weigert, ihre Unterschrift zurückzunehmen, bekommt sie ein Jahr Haft im Frauengefängnis Hoheneck – ein Ort, der mittlerweile bekannt ist für seine miserablen Haftbedingungen. Zu diesem Zeitpunkt ist Stötzer schon vom Studium ausgeschlossen, weil sie sich offen gegen die Exmatrikulation eines Kommilitonen aussprach. Sie muss sich „in der Produktion bewähren“.

Das Recht auf Arbeit, für Stötzer war es ein Zwang. Wer nicht arbeitete, galt als asozial: „Ich wollte Intellektuelle sein und musste Strumpfhosen nähen.“ Vor der Haft habe sie viele männliche Vorbilder gehabt, Denker, die sich trauten, anders zu sein. „Und in Hoheneck knallte ich dann in die Frauen rein. Da habe ich Sachen gesehen, von denen hat mir meine Mutti nichts erzählt.“ Gabriele Stötzer lacht. Vieles andere, was sie von der Zeit im Gefängnis erzählt, ist nicht zum Lachen. Sie sei „in den Eingeweiden des Staates“ gewesen.

Die 60-Jährige sitzt in ihrer Erfurter Wohnung, spricht mit einem warmen thüringischen Dialekt. Sie hat leicht graue Haare, trägt praktische Kleidung. Viel Platz hat sie nicht. Der Schreibtisch steht in der Küche, dafür mit Blick in den Garten. Es ist ein sonniger, warmer Tag. Es gibt Eierschecke und Krapfen, frische Erdbeeren und einen Salat. Der graue Haftalltag erscheint unvorstellbar. Mit einer Freundin denkt sich Stötzer „aus dem Knast“ heraus, bastelt kleine Plastiken, träumt von grünen Wolken – und entdeckt so die Kunst. Und das Schreiben.

Wieder aus der Haft entlassen, treibt sich Gabriele Stötzer, die damals noch Kachold heißt, in der Kunstszene Erfurts herum, betreibt erst eine private Galerie und gründet schließlich eine Künstlerinnengruppe, mit der sie öffentliche Auftritte veranstaltet und Filme dreht. Gemeinsam übertreten sie Grenzen, zeigen ihre nackten Körper, verausgaben sich. „Ich wollte das Wesen der Frau erkunden. Und das war für mich nackt.“ Einige Videos von ihr und der Gruppe sind gerade in der Ausstellung „re.act feminism“ in Berlin zu sehen.

Heute gibt die Künstlerin ihre Erfahrungen in der Performancekunst einmal im Semester an StudentInnen der Uni Erfurt weiter. Und erzählt. Von ihrer Haft. Vom Leben in der DDR. Von der politischen Gruppe Frauen für Veränderung, die sie mitgründete und mit der auch sie den Staat verändern wollte. Ob sie enttäuscht war, als es einfach keine DDR mehr gab? „Ich habe hier in Erfurt noch Christa Wolfs Brief für den Dritten Weg, den reformierten Sozialismus, vorgelesen, aber eigentlich wusste ich, dass das absoluter Quatsch ist. Ich habe nicht an diese paar Gruppen geglaubt. Das war nicht stark genug. Wir hatten das nicht gelernt.“ Für Stötzer zählte die persönliche Freiheit mehr als die soziale Sicherheit.

Es macht einen Unterschied, ob Frauen die Wende als kinderlose Künstlerin erlebten oder als arbeitende Familienmutter. KünstlerInnen haben profitiert von den persönlichen Freiheiten des Westens. Mütter waren mit finanziellen Nöten konfrontiert. Ihre Berufstätigkeit wurde ihnen als „Erwerbsneigung“ ausgelegt, ihre Ausbildungen zum Teil wertlos. In einer Welt, in der finanzielle Unabhängigkeit fest im Selbstbild der Frauen verankert ist, wirkt sich Arbeitslosigkeit traumatisch aus. Gerade die Aktivistinnen fühlten sich doppelt gescheitert: Sie hatten die DDR nicht reformiert und obendrauf ihren Arbeitsplatz verloren.

„Im Osten wird nicht gefragt, ob Erwerbstätigkeit eine Option ist, sie ist eine Selbstverständlichkeit.“

In einem gesamtdeutschen feministischen Bewusstsein tauchen die Frauen von damals kaum auf. Dabei sind sie für viele Junge direkte Wirklichkeit: Es sind ihre Mütter. Die 34-jährige Judith Enders gehört zu jener „Dritten Generation Ost“, deren gleichnamiges Buch letztes Jahr erschien. Darin schreiben zwischen 1975 und 1985 geborene AutorInnen darüber, zwar in der DDR geboren, aber in der Bundesrepublik groß geworden zu sein. „Ich glaube, es gibt da noch Unterschiede, etwa was das Selbstbild als Frau betrifft“, meint die Diplompolitologin. „Im Osten wird nicht gefragt, ob Erwerbstätigkeit eine Option ist, sie ist eine Selbstverständlichkeit.“ Während etwa die Hälfte aller Frauen im Osten Deutschlands Vollzeit arbeiten gehen, sind dies im Westen des Landes gerade mal ein Fünftel.

Fragen nach der Rolle der Kinderbetreuung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien aber auch Themen, bei denen junge Frauen und ihre Mütter in Ostdeutschland aneinandergeraten, meint Enders. Selbstverständlichkeiten von damals, etwa das Kind nach drei bis sechs Monaten in eine Kinderkrippe zu geben oder mit der Flasche zu stillen, gelten heute als furchtbar. Wenn diese Themen in Gesprächen auftauchen, fühlen sich viele Mütter von damals sofort angegriffen. Judith Enders ist selbst gerade Mutter geworden und hat sich viel mit ihrer Mutter darüber ausgetauscht. Es gibt kein Ost und West mehr, aber es gibt verschiedene Erfahrungen, die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben.

„Mir war es vor allem wichtig, dass meine Kinder mitbekommen, was man falsch machen kann – und wie man aus der Misere herauskommt“, erzählt Katrin Rohnstock. „Ich finde, das ist das Wichtigste, das man Kindern beibringen kann: Bewältigungsstrategien.“ Ihre größte Krise? „Die Wende. Das war die Katastrophe. Wir hatten uns eingerichtet, in der DDR zu leben.“ Die Katastrophe hat Rohnstock längst überwunden. 1998 gründet sie ihren eigenen Verlag Rohnstock Biografien und beschäftigt etwa 30 freie und feste MitarbeiterInnen, mit denen sie im Auftrag von Privatpersonen Lebensgeschichten interessanter Menschen schreibt. Ihre eigene Geschichte als Buch? „Nee, überhaupt nicht!“ Dafür sei jetzt nicht der Moment. Dabei hätte sie einiges zu erzählen.