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Das Geschäft mit Äußerlichkeiten, Teil III: Schönheit

Diese Reportage soll ein Beitrag zum Thema Schönheit, Schönheitsideale und den extremen Schönheitskult unserer heutigen Gesellschaft sein.

31.07.14 > ,

Diese Reportage soll ein Beitrag zum Thema Schönheit, Schönheitsideale und den extremen Schönheitskult unserer heutigen Gesellschaft sein. Ein Anschauliches Beispiel ist die 23jährige Lara (Name wurde geändert), die uns dazu ihre persönlichen Erfahrungen bezüglich Schönheits-OPs erzählte und damit unsere Recherchen unterstützte.
Von Kira Oldenburg & Domenico Rondinelli

Das Thema Schönheit und Schönheitsideale ist sehr weit gefasst und bereits aus vielen Perspektiven erforscht worden. Und die Orientierung an Schönheitsidealen gibt es nicht erst seit heute – diese reicht weit in die Geschichte zurück.

Aber was ist „Schönheit“ überhaupt? Was empfinden Menschen als „schön“?

Die Idealvorstellungen einer schönen Frau – denn Frauen werden nach wie vor primär mit dem „Schönen“ verbunden – sind heute beispielsweise ganz andere als noch vor 100 Jahren. Heute muss eine Frau schlank, faltenfrei und sportlich sein, ihr Gesicht symmetrisch, ihre Haut ebenmäßig, ihre Nase klein und zierlich, ihre Brüste wohlgeformt und nirgends darf ein „Fettpölsterchen“ zu viel zu sehen sein. Eine solche Frau, so gehen die volkstümlichen Vorstellungen, hat Erfolg im Leben, Glück in der Liebe und wird allgemein sozial anerkannt, und alle Frauen, die von dieser konstruierten, eigentlich unerreichbaren Norm abweichen, haben es schwer im Leben.

In Laras Fall waren es ihre vermeintlich kleinen Brüste, die sie in ihrer Lebensqualität eingeschränkt hatten und ihr zufolge der Auslöser für viele Probleme waren. Sie schämte sich, enge T-Shirts zu tragen, die alles (bzw. „nichts“) abzeichneten, ins Schwimmbad traute sie sich nicht und Beziehungen zu Männern gingen kaputt durch ihr geringes Selbstwertgefühl und die Scham sich zu entkleiden. „[…] Vor meiner OP hatte ich immer nur Pech mit Männern […]“, so Laras Aussage.

Schönheitsideale werden gesellschaftlich produziert und immer wieder reproduziert – über Institutionen wie die Werbung, die Modebranche, die Pharmaindustrie, die Lebensmittelbranche, die Schönheitschirurgie, das Fernsehen, aber auch über die Frauen selbst, die diese Werte durch Orientierung am herrschenden Schönheitsideal nach außen tragen und repräsentieren. Über Medien werden uns Szenen in die Köpfe „gejagt“, die unsere Umwelt beeinflussen. Der Maßstab wird im Unrealen definiert und schon im Kindesalter eingeprägt – man betrachte nur zum Beispiel die beliebten Barbiepuppen, die das Schönheitsideal in Perfektion widerspiegeln. Der Druck, sich diesen Normen anzupassen, ist durch ihre permanente Präsenz enorm.

Mit allen möglichen Mitteln wird schließlich versucht, an das vorgegebene Idealmaß heranzukommen, sodass Schönheit zu einer florierenden Industrie wird. In unserer modernen westlichen Gesellschaft ist das Thema Schönheit vermutlich präsenter und relevanter denn je – die Medien spielen dabei eine große Rolle. Über die heute allgegenwertige Werbung und etliche Zeitschriften und Magazine zum Thema Mode, Lifestyle, Diäten, Fitness etc. werden uns Normen vorgegeben, wie man als Frau oder als Mann auszusehen hat, um dem Schönheitsideal unserer Zeit zu entsprechen.

Werbung und Fernsehen geben uns außerdem vor, wie dieses Schönheitsideal erreicht werden soll. Auch Lara lässt sich gerne inspirieren von den neusten Diättipps und Modetrends. Jeden Frühling blättert sie etliche Frauenzeitschriften durch, die alle mit Blitzdiäten, Schlankheits-Wunder-Kuren oder diversen Diätdrinks werben, um so schnell wie möglich die gewünschte Bikinifigur zu erreichen.

„Wenn ich selbst etwas für mein Aussehen tun kann, dann mache ich das auch. Diese Blitzdiäten sind super – wenn man rechtzeitig anfängt, bekommt man bis zum Sommer eine ‚Hammer‘-Figur. Seitdem ich das mache, muss ich mich wenigstens nicht mehr wegen meinen Fettpolstern im Schwimmbad schämen. Mit meinen Brüsten war das etwas anderes, da konnte ich nicht selbst etwas dagegen tun. Aber zum Glück gibt es die Schönheits-Docs, die machen heutzutage ja alles möglich.

Heute kann jede Frau schön sein, das ist doch toll! Für alles gibt es Mittel und Wege, auch wenn man manchmal etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Für sein Aussehen macht man das doch gerne! Ich verstehe auch die Leute nicht, die schlecht über Schönheits-OPs reden – die sind doch nur neidisch, weil sie sich selbst nie trauen würden und sich selbst unwohl fühlen. Mir jedenfalls geht es besonders seit meiner Entscheidung für die Brustvergrößerung wieder richtig gut.“<

Das Schönheitsgeschäft boomt also: Diverse Schönheitspräparate, Fitnesscoaching, spezielle Diäten, die Pharmaindustrie oder sogar Schönheitsoperationen bieten dabei scheinbare Lösungen an. Wir sollen uns anpassen – mit der Masse mitschwimmen. In den Geschäften ist mittlerweile überall Size-Zero-Kleidung zu finden und auch die Model-Welt lebt uns nichts anderes vor. Negative Folgen wie Magersucht, die daraus resultieren können (auch wenn nicht zwingend, da viele Faktoren dafür entscheidend sind), werden oft ignoriert oder es wird ihnen zu wenig Beachtung geschenkt. Todesfälle unter bekannten Models aufgrund zu starken Untergewichts führen zwar kurzzeitig zu „Aufschreien“ in der Gesellschaft und der Medienwelt – ändern können solche Vorfälle meist jedoch nicht viel. Zu tief verankert sind die normierten Vorstellungen vom Schönheitsideal.

Es wird uns medial vermittelt, dass wir unseren Körper selbst gestalten und das Ideal schnell und unkompliziert erreichen können – nach dem Motto: „Schönheit ist käuflich“ und mit den richtigen Hilfsmitteln, vor allem der plastischen Chirurgie, ohne großen Aufwand zu erreichen. Doch nicht nur Werbung und Fernsehen, sondern auch die Menschen in unserem Umfeld halten uns täglich einen Spiegel vor, welches Körperideal wir anzustreben haben. Auf den Straßen begegnen uns überall Frauen, die diesem Ideal nacheifern. So auch im Fall von Lara, die sich ganz offen und ehrlich am gängigen Schönheitsideal orientiert: „Als ich mich im Spiegel angeschaut habe, hätte ich kotzen können. […] Natürlich will ich so aussehen wie die. Ein schönes Gesicht und große Brüste … Wer will das denn nicht?“

Als das „schöne Geschlecht“ bezeichnet man in unserer Gesellschaft noch immer die Frauen – ihre Körper stehen nach wie vor im Mittelpunkt des Interesses und sie werden häufig nach ihrem Aussehen beurteilt. Die Gesellschaft hat die Schönheit zur Domäne der Frauen gemacht, was dazu geführt hat, dass sich Weiblichkeit über das Bemühen um einen schönen Körper definiert. Schönheitsideale sind daher gesellschaftlich konstruiert und werden durch die Massenmedien verbreitet und in unseren Köpfen verfestigt.

Die genormte, virtuelle Schönheit der medialen Vorbilder führt zu Unsicherheit und Unzufriedenheit bei den RezipientInnen, da die kulturell geforderte Idealfigur nur schwer bis gar nicht erreichbar ist und sich dadurch negativ auf die eigene Körperwahrnehmung auswirkt – man selbst ist nie so toll, so schön, so schlank, so perfekt wie die in den Medien präsentierten Personen und Models. Die Maßstäbe sind nahezu unmöglich und gefährlich für das Selbstbewusstsein. Überall begegnen wir der Schönheit in Form perfekter idealisierter Körper, die zu scheinbaren Vorbildern werden.

Prominente sehen meist um Jahre jünger aus, als sie es eigentlich sind, und das Fernsehprogramm besteht zu einem großen Teil aus Shows, in denen es um die Gestaltung des eigenen Körpers und Aussehens geht, was mit Identitätsstiftung und dem Erreichen eines „besseren“ Lebens einhergeht. „Es geht immer noch schöner. Ich bin zwar zufrieden und glücklich, seit ich größere Brüste habe und auch ansonsten hart an meinem Körper arbeite, aber wie ein Model sehe ich auf keinen Fall aus. Aber das kann ja noch werden – abgeneigt von weiteren OPs, besonders wenn ich älter werde, bin ich nicht. Ich glaube auch, dass solche erfolgreichen Schönheits-OPs süchtig machen können, wie Tattoos zum Beispiel.“

Lara geht sehr offen mit dem Thema um und hat kein Problem zuzugeben, dass sie sich nochmal unters Messer legen würde. Sogar die Suchtgefahr solcher chirurgischen Körperveränderungen gesteht sie sich ein. Sie strebt offensichtlich ein noch höheres Ziel an, bis sie dem Ideal entspricht. Jegliche Gefahren bezüglich der Operationen blendet sie aus, und auch der Vergleich mit dem Stechen von Tattoos zeigt die Verharmlosung dieser eigentlich doch schweren körperlichen Eingriffe.

Eine im Jahr 2008 veröffentlichte Studie besagt, dass gerade die kosmetische Chirurgie in den Medien deutlich präsenter ist, als sie in der Realität zum Einsatz kommt. TV-Formate wie „Extrem Schön“ oder auch die mittlerweile abgesetzte Sendung „The Swan“, die dem gleichen Prinzip folgt, machen Schönheitsoperationen und damit das Erreichen von Idealen über chirurgische Eingriffe am Körper zum Thema. Es wird suggeriert, dass mit den richtigen körperlichen Eingriffen alles möglich ist und die Veränderung am eigenen Körper Voraussetzung für gesellschaftlichen Erfolg ist. Die Schönheitschirurgie ist somit einer der radikalsten Weg, den eigenen Körper verändern zu lassen. Hat man ein paar Speckröllchen zu viel, lässt man sich das Fett absaugen; sind die Brüste zu klein, werden sie mittels Hilfsimplantaten größer gemacht; ist die Nase krumm, zu groß oder zu klein, kann man dies auch sofort per operativem Eingriff beheben.

So entschied sich auch Lara für die schnelle, aber kostspielige Lösung einer Schönheits-OP. „Für mich stand fest, dass es keinen anderen Ausweg gab. Auch wenn Freunde und Familie mich für bescheuert hielten und es sei ja ach so gefährlich; ich hatte einfach die Schnauze voll mich wegen meinen kleinen Brüsten in der Öffentlichkeit und vor allem der Männerwelt zu schämen. Ich wollte endlich attraktiv sein, statt auszusehen wie ein kleines Kind […].“

Die Möglichkeiten sind enorm und mit dem Voranschreiten der neuen Technologien entwickeln sich auch die Verfahren des „Körperumbaus“. Wer das nötige Geld zu solch einer drastischen Maßnahme hat, findet schnell jemanden, der oder die behilflich sein kann. Denn egal ob privat oder gesetzlich versichert, nur in extremen Ausnahmefällen werden Operationen am Körper, bei denen es um eine Verschönerung geht, von der Krankenkasse bezahlt. Wie Lara uns berichtete, wurde ihre Operation nicht von der Krankenkasse übernommen, obwohl sie unter starken Minderwertigkeitskomplexen litt, die ihren Lebensalltag negativ beeinflusst haben.

Als ihr „größtes Glück“ bezeichnete Lara die Tatsache, dass in ihrer Klinik die Brustvergrößerung in Raten abbezahlt werden konnte. Sind die einheimischen ÄrztInnen zu teuer, kann man wie bei Lara in Raten zahlen oder man greift auf das Ausland zurück, wo dieselben Operationen oft um einiges günstiger sind. Im Internet findet man haufenweise Angebote solcher Schönheits-Kliniken.

Oft merken wir gar nicht, inwieweit uns Fernsehformate, Werbung oder unser soziales Umfeld beeinflussen – gerade bezüglich der Idealvorstellungen von Aussehen und Schönheit. Passen wir uns nicht alle ein Stück weit dem an, was wir sehen und hören, ohne es zu merken? Denn keiner möchte auf irgendeine Weise negativ auffallen in unserer Gesellschaft. Muss man unterscheiden zwischen „normaler“, akzeptabler Beeinflussung und krankhafter Beeinflussung? Weiterhin stellen sich an dieser Stelle Fragen wie: Was kann der Einzelne tun gegen die scheinbare Macht der Medien, ihre Klischees, Werte, gesellschaftliche Muster, Rollenbilder etc. zu verbreiten und zu verfestigen? Kann man überhaupt etwas tun? Aber je zufriedener man mit sich selbst ist, desto weniger kann uns das beeinflussen, was wir vermittelt bekommen – zumindest was das Aussehen und die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper betrifft.

„Die Operation hat mein Leben verändert […] ich bereue nichts und würde auch weitere Operationen machen lassen.“

Bei Lara hat es also funktioniert – die Schönheits-OP als vermeintlich lebensverändernde Maßnahme. Aber ob dies immer die richtige Lösung für Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ist – und vor allem, ob sich tatsächlich gleich das ganze Leben zum Besseren wendet, nur weil ein Arzt „herumgeschnibbelt“ hat – das sei dahingestellt. In manchem Fällen ist den Personen sicherlich eher mit einer Therapie geholfen. Aus der langen Geschichte der kulturellen Vorstellungen von Schönheit lässt sich sehen, dass diese auch die nächsten 1000 Jahre einen starken Einfluss haben wird. Nur in welchen Formen und mit welchen Idealen – das zeigt uns erst die Zukunft. Und wer weiß, welche Mittel und Techniken uns in ein paar Jahren noch zu Verfügung stehen werden, um Schönheit zu erkaufen bzw. künstlich herzustellen? Bleibt der Kult um die Schönheit weiterhin so präsent, so stehen die Chancen gut, dass sich das Schönheitsgeschäft noch weiter ausdehnt.


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