Von Katrin Gottschalk

Vor ein paar Monaten hatte Teresa Bücker vom feministischen Burnout geschrieben. Überschrift: #müde. Da war ich eigentlich noch ziemlich munter. Und auch, als Meredith Haaf im Juni diese weisen Worte schrieb, habe ich mich nicht beeindrucken lassen: „Wie ein Parasit hält sich eine publizistische Feminismusverbesserungs-Industrie am Leben, indem sie jene große Frage, wie die Gesellschaft gerechter werden kann, umwälzt auf die ungleich leichter zu beantwortende Frage, was am ‚Feminismus‘ unangenehm, abschreckend oder kompliziert ist.“

Debattenkultur im deutschen Medienwald: Ein Dauer-Pingpong.

Aber jetzt, jetzt bin ich vom Burnout zwar noch entfernt, aber trotzdem scheiß müde und würde alles darum geben, diesem Parasiten die Nahrungsgrundlage zu nehmen. Der vor ein paar Tagen veröffentlichte Text „Menstruationscomics, nein danke“ arbeitet sich, wie so viele andere, am Image des Feminismus ab, anstatt sich mit seinen Inhalten zu beschäftigen. Statt dessen geht es um Humor. Also einen ganz bestimmten. Wie genau der aussehen soll, ist nicht klar, aber auf jeden Fall machen es Anne Wizorek und das Missy Magazine falsch.

Ein klar formulierter Wunsch der Autorin an „den Feminismus“ ist eine „Führungsgestalt, sagen wir: eine Intellektuelle“. Es ist seltsam, wenn eine Deutsche eine „Führungsgestalt“ fordert. Aber gut. Das ist Geschmackssache, wie Humor eben. Das wirkliche Problem ist eher: Natürlich gibt es feministische Intellektuelle. Sehr viele sogar. Genau genommen gibt es gerade in Deutschland eine derartige Vielfalt an FeministInnen, die mithilfe von ein, zwei Rechercheschritten im Netz so leicht zu finden sind, wie noch nie zuvor.

Dass gerade Menschen, die sich als JournalistInnen sehen, einfach zu faul zum Recherchieren sind, stört mich als Journalistin. Und immer sind es FeministInnen, die in einer Art Bringschuld sind, ihre Inhalte ansprechend zu verkaufen, um nicht diese Massen zu verschrecken, die Gleichberechtigung an sich befürworten würden, aber sich dann doch lieber nicht dafür einsetzen, weil Feminismus so einen schlechten Ruf habe.

Seit wann muss eine politische Haltung „humorvoll“ sein? Kommt als nächstes eine Diskussion, wie „ansprechend“ Antirassismus sein sollte? Es gibt Machtstrukturen in dieser Gesellschaft, die manche bevorteilen und entsprechend andere benachteiligen. Und es gibt Menschen, die sich für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen – auf verschiedenen Wegen. Es gibt nicht den einen Feminismus, der die eine „Führungsgestalt“ braucht. Das gerade erschienene Buch „Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis“ (transcript, 2014) bietet übrigens einen sehr guten Überblick.

All die klugen Menschen, die in diesem Buch mit Beiträgen vertreten sind, sind nicht gerade erst in Erscheinung getreten, sondern bereichern schon länger den feministischen Diskurs im deutschsprachigen Raum. Sabine Mohamed etwa mit ihren Beiträgen zu Feminismus und Rassismus, Maria Wersig mit ihrer juristischen Perspektive oder Mithu M. Sanyal mit ihren immer wieder starken Essays zu sexueller Gewalt.

In diesem Buch würde die Autorin des Zeit-Artikels auch ausreichend geistreiche Intellektuelle finden. Allerdings: Letztlich geht es der Autorin vermutlich mehr um sich, denn um Gleichberechtigung. Anstatt zu fragen: Wie kann ich eine gerechtere Gesellschaft erreichen, fragt sie: Wie können FeministInnen mich für Gleichberechtigung begeistern.

Ein Ende dieser Flut an Meinungstexten à la #UlfHaraldJanMatthias ist nicht abzusehen. Dafür laufen sie Online einfach zu gut. Und ja, auch wir sind Teil dieser Empörungsspirale, die den entsprechenden Seiten zu mehr Klickzahlen verhilft. Schließlich wollen wir ja tatsächlich mehr Menschen für feministische Themen sensibilisieren, oder zumindest ein paar Fakten klarstellen.

Und auch diese Artikel werden von denselben Medien gerne gedruckt, denn auch diese werden wiederum durch die Netzstammtische gereicht. Am Ende heißt das Debattenkultur. So beschreibt etwa ein Text in der Welt „Wie der Genderwahn deutsche Studenten tyrannisiert“ und ein anderer sagt „Professx statt Professor? So irre ist das nicht!“ Ausgewogen also. Nur die Haltung, die geht dabei verloren. Wer allen möglichen Meinungen Raum gibt,  bietet keine Orientierung an, sondern bedient einfach. Und genau darum geht es.

Den großen Medienhäusern geht der Arsch auf Grundeis. Ihre Blätter werden nicht mehr gekauft, hunderte MitarbeiterInnen müssen entlassen werden. Und auch wenn es eigentlich noch ganz gut läuft, herrscht ein diffuses Gefühl der Angst in den Redaktionsräumen. Der Grund, natürlich: das Internet, mit dem sich kein Geld verdienen lasse.

Geld verdienen im Netz heißt für viele einfach: Online-Anzeigen verkaufen. Diese funktionieren über Klickzahlen – je mehr BesucherInnen eine Seite hat, desto hochwertiger kann sie ihre Anzeigen verkaufen. Also braucht es Themen, die online gut laufen, immer wieder. Oder wie ein Blogger es erst kürzlich ausdrückte: „Gut ist, was beliebt ist und Klicks generiert.“

„Genderwahn“ und Feminismus sind seit jeher Aufregerthemen, weil sie die gesamte Gesellschaft bis ins Intimste betreffen und da das Private tatsächlich politisch ist, sich auch alle angesprochen fühlen können – und eben auch müssen. Und wer die bestehenden Machtstrukturen angreift, verärgert zwangsläufig gerade diejenigen, die von ihnen profitieren. Das sind nicht nur weiße, alte Männer, sondern auch weiße, junge Frauen. Und viele andere.

Statt diese Menschen aber mitzunehmen, Ängste aufzugreifen statt zu schüren, Meinungen zu moderieren statt hinzurotzen – was ich mir persönlich von gutem Journalismus wünschen würde –, setzen FAZ, Zeit, Welt & Co auf Polarisierung: Hass und Schmähe auf der einen, Zuspruch und Verteidigung auf der anderen Seite. Ein Dauer-Pingpong. Nur die Haltung fehlt.

Zu Recht geht gerade auf Twitter eine Coverbild-Sammlung von Spiegel und Stern herum, die zeigt, wie diese Blätter auch ihren Anteil an dem wachsenden Islamhass in unserer Gesellschaft haben.

 

Was wäre denn, wenn nicht das Internet per se Schuld an sinkenden Auflagen ist, sondern genau diese Haltungsschwierigkeiten? Wer sich anders und gezielter informieren kann, braucht nicht länger Medien konsumieren, die mal die Gesellschaft als ungerecht kritisieren und ein andermal genau diejenigen, die diese Kritik äußern.

Selbst bei Buzzfeed Deutschland, von altgediegenden JournalistInnen als „Boulevard“ belächelt, ist die politische Haltung der verantwortlichen Redaktion im Prinzip deutlicher zu erkennen, als etwa bei der Zeit. Buzzfeed Deutschland hat Beiträge über die missglückte Werbekampagne der ARD zur Toleranzwoche, eine Bildersammlung von Pegida-Gegenaktionen oder eine Liste mit sinnlos gegenderten Produkten – Stichwort: Frauenbratwurst.

Ja, es gibt auch viele alberne Listen, aber es gibt eben keine Liste über die „10 albernsten Witze, die Anne Wizorek in ihrem aktuellen Buch macht“ – obwohl diese Liste zumindest einen höheren Unterhaltungswert hätte, als der aktuelle Artikel in der Zeit mit demselben Inhalt.

Die traurige Wahrheit ist: Feminismus kann die kaputten Medienhäuser auch nicht retten. Tragt ihm das bitte nicht nach. Versucht es statt des ständigen Debatten-Loops vielleicht lieber mit Haltung und Offenheit für neue Formate. Ja, wir haben auch gerne mitdiskutiert. Aber um es mit einem Tweet zu sagen: Langsam reicht es. #JahrIn3Worten. 2014 ist kurz vorm Ausklingen – möge 2015 echte Debatten bringen. Über Inhalte statt Verpackungen.