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#JeSuis EinKopftuchMädchen!

Frauen mit Kopftuch werden die blödesten Fragen gestellt. Harte Antworten darauf gibt Lady Bitch Ray in ihrer neuen Kolumne.

03.03.15 > Kommentare

Von Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray

Warum lassen die sich denn so unterdrücken? Ist ihnen nicht zu warm unterm Kopftuch? Setzen die das eigentlich beim Schlafengehen ab? Was denn nun? Ist es nun eine Unterwerfungsgeste oder nicht!? Mit solchen Fragen werde ich konfrontiert, wenn ich Leuten sage, dass ich meine Doktorarbeit zur Bedeutung des muslimischen Kopftuchs geschrieben habe.

Bildidee: Lady Bitch Ray © Columbus

Viele Menschen denken immer noch, dass Musliminnen mit Kopftuch sich von ihren Vätern und Ehemännern unterdrücken lassen. Oft schwirrt das Bild der mit Aldi-Tüten bepackten Kopftuch-Türkin mit langem Mantel im Kopf herum – das ist vorbei, Bitches! Wacht auf! Das Kopftuch ist längst kein Zeichen der ungebildeten Kanaken-Putzfrau mehr – das Kopftuch ist Punk!

Früher war das Kopftuch ein Stigma für die türkische Gastarbeiter-Hausfrau, heute tragen es gebildete, modebewusste und souveräne Frauen. Der Inhalt des Stigmas Kopftuch wurde positiv umgedeutet – das nennt man Selbstermächtigung. Denn: Viele der jungen Frauen tragen das Kopftuch heutzutage freiwillig – sie übernehmen dabei nicht stumpf das traditionell behaftete Islamverständnis ihrer Eltern, sondern sie lesen, erkundigen sich und eignen sich ein neues Islamverständnis an. Dabei integrieren sie ihre religiösen Vorstellungen in ihren säkularisierten Alltag in Deutschland.

Und wie kommen Sie darauf, dass das Kopftuch ein Rebellionszeichen sein kann, Frau Dr. Şahin?, höre ich manch eine meiner Studierenden verdutzt fragen. Hört zu, Leute:

Die meisten der hier aufgewachsenen Kopftuchträgerinnen kleiden sich gängig-modisch, kombinieren ihr Kopftuch mit Jeans, Sneakers, schminken sich dezent und tragen Parfüm. Extreme Formen davon stoßen oftmals nicht nur bei strenggläubigen MuslimInnen auf Ablehnung, sondern auch bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die dann laut „Widerspruch!“ ruft.

Dabei ist doch der eigentliche Widerspruch, dass etwa Kopftuch tragende Referendarinnen im Lehramt in vielen Bundesländern einen Wisch unterschreiben müssen, dass sie – solange sie das Kopftuch nicht absetzen – nicht verbeamtet werden. Was bedeutet, dass sie bis zu 400 Euro weniger während ihres Referendariats bekommen! So werden die Frauen in traditionell-patriarchische Rollen gewiesen, die man ja eigentlich abschaffen will, wenn man von der „Unterdrückung“ der Kopftuchträgerin spricht – völlig absurd.

Viele fühlen sich automatisch dafür verantwortlich, die „unterdrückte“ Kopftuchträgerin zu befreien. Sobald das Wort „Kopftuch“ aufkommt, denken sie, sie müssten die verschleierte Frau entschleiern – was für eine koloniale Geste. „Die brauchen eure Freiheit nicht!“, will ich da am liebsten losschreien, so wie es die MuslimaPride-Anhängerinnen in ihrer Gegenaktion gegen Femen auf ihre Plakate geschrieben haben, „die sind schon frei!“

Haben Sie früher Kopftuch getragen? Oder warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Das sind beliebte Schlussfragen vieler InteressentInnen. Nein, hab ich nicht, aber vielleicht tu ich das bald mal – ohne mich dafür zu erklären, denn das geht die Leute nichts an. Ich habe keinen Bock, Menschen wie ein Zirkusaffe erklären zu müssen, warum eine Muslimin ein Kopftuch trägt. Oftmals kommt’s mir so vor, als würde die Mehrheit sich nur am Kopftuch aufgeilen wollen, um zu beweisen, wie „emanzipiert“ sie selbst oder nicht-muslimische Frauen im Allgemeinen doch sind.

Wenn mir dann Frauen wie Sonya Kraus oder Daniela Katzenberger begegnen, möchte ich am liebsten selbst eine Burka tragen und zwar mit Gesichtsschleier und ohne Augenschlitze – damit ich solche Weibsbilder nicht sehen muss. Kann bitch das in etwa nachvollziehen? Übrigens: Die Burka, sprich die Ganzkörperverschleierung, kommt in Deutschland kaum vor. Die Mehrheit der bedeckten Musliminnen trägt Kopftuch und keine Burka. Außerdem sind viele Kopftuchträgerinnen selbst gegen die Burka.
All diese und weitere Punkte werden in meiner 500-seitigen Doktorarbeit „Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland“ theoretisch und empirisch abgehandelt – lest und bildet euch, Bitches, Bitcher und Bitchx!


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