Come on.

Über die Erfindung eines neuen Wortes, das sich aufdrängt – und unser Sprechen über Sex revolutionieren wird.

08.03.16 > Sex & Beziehung

Von Bini Adamczak

Ich schlage ein neues Wort vor, das schon lange fehlt. Es lautet Circlusion, altmodisch auch Circumclusion. Circlusion ist der Gegenbegriff zu Penetration. Beide Worte bezeichnen etwa denselben materiellen Prozess. Aber aus entgegengesetzter Perspektive. Penetration bedeutet einführen oder reinstecken. Circlusion bedeutet umschließen oder überstülpen. That’s it. Damit ist aber auch das Verhältnis von Aktivität und Passivität verkehrt.

Penetration bedeutet: etwas – einen Halm oder Nippel – in etwas anderes – einen Ring oder ein Rohr – hineinschieben. Halm oder Nippel sind dabei aktiv. Circlusion bedeutet: etwas – einen Ring oder ein Rohr – auf etwas anderes – einen Halm oder Nippel – drauf schieben. Dabei sind Ring oder Rohr aktiv.

© Diane Haefner
© Diane Haefner

Das Wort Circlusion (eingedeutscht Zirklusion) ermöglicht uns, über manchen Sex anders zu sprechen. Es wird benötigt, weil das Elend der Penetration noch immer das heteronormative Imaginäre regiert und – als wäre das nicht schon genug – das queere Imaginäre noch dazu. Das lässt sich im Mainstreamporno sehen, aber auch bei BDSM und Postporn. Fast unangefochten fungieren Dildo oder Penis* als praktische Zeichen von Macht.

Verwirrenderweise selbst bei Machtexpertinnen. Doms allerlei Geschlechts verknüpfen sich so eher mit Dildo, Penis*, ausgestreckten Fingern. Subs verknüpfen sich eher mit Mund, Vagina*, Anus. Zuweilen scheint es gar als würden Vulva oder Anus einer Domme tabuisiert, so als habe deren Verwendung entmächtigende Effekte. Vielleicht nicht gegenüber Zunge, wohl aber gegenüber Dildo.

Dabei geht es natürlich nicht darum, welche Teile ein Körper hat, sondern welche er einsetzt. Fast alle haben einen Anus, aber wer ihn sexuell benutzt – in Verbindung mit Dildo, Penis oder Hand – gilt als Bottom, als Sub, als passiv. Fast alle können sich einen Dildo/Strap-On leisten, aber wer ihn sexuell benutzt gilt in aller Regel als Top, Dom, aktiv. What the Fuck? Was ein Unfick!

So soll es Menschen geben, die vierzig Minuten lang genitalen Sex haben, Beckenmuskulatur anspannen, Hüfte vorstoßen und dabei oben liegen – und dennoch der Meinung sind, sie seien diejenigen, die gefickt wurden. Und das nur, weil sie als Träger*in von Vagina*/Anus fungierten, ihr Gegenüber als Träger*in von Dildo/Penis*. Das Phantasma der Penetration bleibt intakt, auch wenn es alle Fakten gegen sich hat. Frustrierend.

Dabei ist der Konnex von Aktivität und Macht in einer bürgerlichen Gesellschaft, die auf der Ausbeutung der Arbeit anderer beruht, ohnehin völlig unplausibel. Entsprechend schnell wird er beim Blasen auch wieder vergessen. Aber das interessiert hier nicht. Was interessiert ist die Direktverbindung zwischen Penetration und Macht. Die kann weg. Unnötig all die Assoziationen aufzurufen, die der Penetrationsdiskurs in seinem Deutungsbereich verteilt. Da geht es oft recht gewalttätig her, es gibt Bohrer und Löcher, Ruten, Schwerter und Scheiden und dergleichen märchenhaftes mehr.

© Diane Haefner
© Diane Haefner

Fach- und Alltagssprachgebrauch beschränken Penetration zudem auf Praktiken, die mit Vagina*, Anus, Dildo oder Penis* ausgeführt werden. Finger in Po, Nippel in Mund werden oft nicht als Penetrationssex bezeichnet. Diese Beschränkung muss das Wort Circlusion nicht teilen. Munter kann es die Tätigkeit einer um einen Dildo geschlossenen Hand, einer über eine Faust gedrückten Vagina* als Circludieren bezeichnen. Muss es aber nicht. Da die Bedeutung eines Zeichens erst in der Verwendung entsteht, könnte Circlusion genau die Stelle übernehmen, die bislang Penetration einnahm, ohne Bilder aufzurufen, die beim Sex eher stören.

Vorbildhaft sind hier die Präventionsskurse zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Niemand käme auf die Idee, die Banane ins frisch ausgepackte Kondom zu schieben. Richtigrum wird ein Erfolg daraus. Ohnehin ist Circlusion bereits häufig in der Alltagserfahrung anzutreffen. Denken wir an das Netz, das die Fische fängt, den Gaumen, der die Nahrung umschließt, den Nussknacker, der Nüsse zermalmt, denken wir an die Hand, die den Steuerknüppel hält oder die Bierflasche.

Im Deutschen wird penetrant als aufdringlich übersetzt. Dabei müsste penetrant eindringlich heißen. Aufdringlich sein hingegen heißt circlusiv sein. Arbeiterinnen von Anus und Mund, Vagina und Hand: seid aufdringlich! Wer will kann hier Binnendifferenzierungen vornehmen: Wird die Schraube in die Mutter gedreht, findet Penetration statt. Wird die Mutter auf die Schraube gedreht, Circlusion. Tatsächlich aber laufen beide Prozesse gleichzeitig ab.

Der Begriff Circlusion ermöglicht so, eine Erfahrung auszusprechen, die wir schon lange machen. Wer möchte, kann auch weiterhin offene Hand, Vagina, Anus oder Mund zum Geficktwerden verwenden. Neu ist, dass wir auch gestreckten Finger, Penis*/Dildo oder Faust hierfür verwenden können. Nicht, dass wir das nicht ohnehin schon täten. Bislang fehlte uns nur das Wort.

Feministische Sprachpraxis gilt oft als kompliziert. Das Wort Circlusion aber ist leicht zu lernen und einfach in der Anwendung. Ich circludiere, du circludierst, er/sie/es wird circludiert. Vor allem ist es viel praktischer als sein Counterpart. Penetration hat ganze vier Silben, Circlusion nur drei. Seine Einführung ist damit auch im Interesse der Ökonomie. Wir sparen beim Reden nützliche Zeit, die wir ins Vögeln investieren können.

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