Deutsche Werte

Für Rassist*innen gibt es keinen Style-Guide und auch keinen allgemeinen Verhaltenskodex.

30.03.16 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Tove Tovesson (*1986) studierte Pädagogik und Angewandte Ethik, lebt und arbeitet als freie*r Übersetzer*in und Autor*in in Berlin und twittert als @nichtschubsen über linke Themen.

Von Tove Tovesson

Kommt ein gebildeter Rassist ohne alberne Haare, mit genau zwei Eiern und durchschnittlichem Schniedel in eine Bar. Keine*r hat was gegen ihn einzuwenden.

Woran erkennt man sie eigentlich, die Rassist*innen? Die Leute, die irgendwie daneben aussehen, nicht ganz so helle sind oder gar „asozial“, die haben wir offenbar im Griff oder zumindest im Visier. Phew! Eigenartigerweise sind zwei dieser Kategorien ideologisch von Nazis geprägt, und doch verwendet die deutsche Linke sie immer wieder direkt oder indirekt als Kampfbegriffe. Als wäre dumm und hässlich sein das eigentliche Verbrechen, nicht Rassismus. Als wäre da eine Kausalität.

Hatten und haben keine besondere Verkleidung, um sich als Nazis kenntlich zu machen: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. © Tine Fetz

Misstrauisch werden könnte man ja in all den Momenten, in denen jemand im Bekanntenkreis oder der Familie völlig unerwartet etwas Rassistisches sagt. Warum unerwartet? Weil man es den Leuten eben nicht ansieht und weil Rassismus nicht an sonstige Eigenschaften geknüpft ist, außer jene zur Selbstverständlichkeit verinnerlichte weiße Überlegenheitsfantasie, die er selbst erfindet. Und die sitzt, wenn man nicht von Wölfen fernab dieser Zivilisation aufgezogen wurde. Unangenehm. Amina schrieb neulich, wenn die Leute nach der Demo ihre Transpis zusammenrollen, wisse man gar nicht mehr, wer zu welcher Seite gehört. Let that sink in.

Leider bloß für die Nichtbetroffenen bequemer ist es, Rassismus in einer Rätselhaftigkeit zu belassen, die immer nur – zu spät – fragt, „Wie konnte das passieren?“, und keine Antwort weiß, die etwas mit uns, hier, heute zu tun hat. Wer, wenn nicht die anderen? Wann, wenn nicht ein anderes Mal/früher/später? Wir haben mit Hitler auch einen etwas extremen Maßstab für brenzlige Haltungen zu anderen Menschen. Möglicherweise reicht ein „So schlimm darf es nie wieder werden“ nicht, sondern es darf bereits viel weniger schlimm nie wieder werden. Wer noch lachen kann, ist vielleicht auch kein guter Maßstab.

Deutsche Aufarbeitung so: „Nazi ist man einfach nicht mehr! Unsere schöne Nation steht heute für etc.“ Ja, wofür eigentlich? Und wie ist man kein Nazi? Vielleicht würde ein weniger positives Selbstbild die Selbsterkenntnis erleichtern. Dass Rassismus schon vor Hitler-Ausmaßen eventuell problematisch wird, ist kein selbstverständlicher Konsens. Warum nicht? Weil das Problem dann bedrohlich nahe rückt? Wenn nicht erst die AfD mit grotesken Schieß- und Zaunvisionen „unsere Werte“ bedroht, sondern vielleicht schon das, was bereits Realität ist. Idomeni, Lesbos, Lageso, Gewalt gegen Geflüchtete. Und was sind eigentlich „unsere Werte“, wenn wir die Macht haben, all das zu verhindern, es aber nicht tun?

Vielleicht sind die Wähler*innen das Problem, nicht nur die Nichtwähler*innen. Vielleicht ist Rassismus kein Bildungsdefizit, sondern etwas, was ich bewusst entlernen muss. Die Kränkung, privilegiert zu sein und nichts davon geahnt zu haben, mag bei denen, die sich für besonders intelligent halten, größer ausfallen. Wer aber hält sich für dumm? Das macht die rhetorische Verknüpfung von fehlender Intelligenz und Rassismus zur Sabotage. Das macht Rassismus als Gesellschaftsstruktur unantastbar. Fast als wäre Rassismus einer unserer Werte.


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