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Mein Fett is(s)t vegan

Warum vegane Ernährung keine Diät ist – und auch nicht sein soll.

06.05.16 > Körper

Von SchwarzRund

Pille danach für alle? Nö, das Präparat „NorLevo“ wirkt nur bis zu einen Gewicht von 75 Kilo. Bei einem höheren Gewicht soll die Pille dieser Marke nicht verwendet werden. Die emanzipatorische Reaktion der Tierrechtsorganisation PETA, als der Fall 2013 durch die amerikanischen Medien ging? Ein Diätplan. Vizepräsidentin Tracy Reimans Idee: eine Kampagne für Veganismus als Diät. Durch „Plan V“ (Veganismus) wird Gewicht verloren, somit werden wieder die Kriterien der Pille danach erfüllt. „Plan B“ kann wieder genutzt werden.

© Hana Jang

Hier stecken so einige #whitevegans-Konzepte drin: Veganismus macht dünn, vegan sein heißt dünn sein. Außerdem wird eine alte Idee von PETA bemüht: um Menschen vom Veganismus zu überzeugen, muss dieser als Diät bezeichnet werden.

Aus Gründen scheint es einen großen Bedarf an Studien zu geben, die belegen, dass vegane Menschen fitter, dünner und toller sind. Und sowieso immer weiß. Race und Class werden in diesen Studien meist ausgelassen, macht es ja auch einfacher und so hübsch unrepräsentativ.

In antikapitalistischen weißen Kreisen wird oft das Bild des fetten, amerikanischen Mannes genutzt um Reichtum, Anhäufung und Maßlosigkeit zu illustrieren. Abzunehmen oder das eigene Gewicht zumindest kontinuierlich negativ zu erwähnen grenzt den eigenen Körper  von diesem klischiierten Feinbild ab. Auch ist es irgendwie bequem, denn auch außerhalb linker Kreise gilt Diet Talk als en vogue.

© Hana Jang

Deswegen war für mich leider auch lange der bequemste Weg auf die Frage, warum ich denn nur Couscous-Salat mit Brot esse, und ob ich denn wirklich vegan sei, zu antworten, dass ich auf Diät sei. Statt der üblichen Zuschreibungen wie Extremismus, Verzicht, Missionierung oder Charakterstärke („Also ICH könnte das ja nicht“) wurde mir verständnisvoll zugenickt.

Fette Bewegungen versuchen sich an einem Reclaiming. Sie wollen die Zuschreibung „Dicke Menschen essen zu viel Fleisch“ positiv neu besetzen: Dicke Menschen genießen das Leben und gönnen sich gerne etwas, dicke Menschen sind sinnlicher und leidenschaftlicher. Das soll vor allem durch den Konsum von tierischen Produkten verdeutlich werden.

Femme, vegan und dick_fett sein werden als kaum kombinierbar, ja kaum wünschenswert angesehen. Eine eigene Zuordnung zu einer Community wird erschwert, da die Selbstdarstellung der Community dem widerspricht: Vegan geht schon, aber dann bitte dünn. Fat Femme ist cool, aber dann doch nicht vegan.

In Netz begegnen mir im deutschsprachigen Kontext immer diese drei Typen veganer Menschen:

Die „Vegan for Fit“-Armee: Ihr Hauptmerkmal ist es, „dünn“ mit „gesund“ gleichzusetzen und dies als generell erstrebenswert anzusehen. Außerdem eine starke Selbstregulierung der eigenen Bedürfnisse, das Besitzen oder Rezipieren des dazugehörigen Buches „Vegan for Fit – Die Attila Hildmann 30-Tage-Challenge“, ein spezifistischer Tierschutz und keine Scheu davor, auch mal bei Faschos zu shoppen, hauptsache fettarm.

Der„Vegan for the Animals“-Fraktion geht es hingegen vor allem um die Lebensumstände und Rechte der nichtmenschlichen Tiere. Sie droppen gerne mal rassistische Kommentare oder fordern Kastrationen für Tierquäler.

Die „Political Vegans“: Diese betrachten Aspekte wie die eigene Gesundheit ohne zwangsläufige Glorifizierung als gesellschaftliches Ziel, beschäftigen sich mit Tier(rechts)schutz, Kolonialismus und den Auswirkungen des Fleischkonsums auf andere Nationen. Eine kleine Gruppe beschäftigt sich auch mit Themen wie der gesellschaftlichen Umsetzbarkeit von Veganismus unter Aspekten wie class und race, der kritischen Betrachtung der Gleichsetzung von vegan und weiß und des Whitewashings der veganen Geschichte.

© Hana Jang

Durch so beschissene Kampagnen wie PETAs „Save the Whales, Lose the Blubber“ und die ewige Aneinanderreihung gleicher Körper bei „Lieber nackt als Pelz“, werden fette Personen abgeschreckt, an veganen Communitys zu partizipieren. Die Bewegungen erleben einen erneuten Verlust an repräsentierten gleichberechtigten Diversitäten, infolgedessen dicke_fette/Schwarze Körper wieder stärker stigmatisiert werden.

Eine Umstellung hin zu einer veganen Ernährung aus moralischen oder empathischen Gründen ist in dieser Gesellschaft weiterhin stark stigmatisiert, abnehmen zu wollen andererseits sehr erwünscht. Rein strategisch betrachtet ist also die Gleichsetzung von „Vegan“ und „Diät“ absolut logisch. Trotzdem zweifele ich daran, dass dies zu einer tierproduktkritischeren, tiergerechteren Gesellschaft beiträgt, die zu mehr Gerechtigkeit für ehemals kolonialisierte Länder führen würde. Die Verstrickung von Tierkonsum und neokolonialen Strukturen ist recht offensichtlich, etwa wenn die Wirtschaftspolitik der EU mit importierten Hühnerfleisch die lokale Geflügelwirtschaft in Ghana zerstört.

Veganismus als Dauerdiät ist nur für wenige umsetzbar. Viele, die es ausprobieren, berichten später, wie anstrengend, teuer und schwer umzusetzen Veganismus doch sei. Auch zeigt die „Health-at-every-Size“-Studie, wie schädlich Diäten für das Selbstbewusstsein sind und dass diese oft zum Abbruch der angestrebten Ernährungsumstellung führen.

Veganismus aufgrund von politischen und sozialen Beweggründen, die nicht auf das Dezimieren der eigenen physischen Person abzielen, hat hingegen durchaus bessere Chancen  Teil des Lebens und politischen Eigenverständnisses zu werden. Ob mit Blubber oder ohne.

© Hana Jang

Kritischer Konsum hat vor allem dann Auswirkungen auf den Markt, wenn er längerfristig, kontinuierlich und marktanalytisch erfolgt. Diverse Rezepturen wurden nicht aufgrund der geringeren Käuferkraft veganisiert, sondern durch politischem Aktivismus. In Deutschland sind nur 1% der Konsument*innen vegan, keine relevante Größe für den Food-Markt. Doch vegane Personen übernehmen oft die Entscheidung, wo eingekauft wird und bringen durch politische Kampagnen und Initativen Konzerne dazu, sich mit veganen Produkten auseinander zu setzen.

Die Illustrationen zu diesem Artikel stammen von der koreanischen Künstlerin Hana Jang. Mehr ihrer Arbeiten gibt es auf ihrem Blog zu sehen.

Vegan sein war noch nie nur dünn, weiß, reich und nicht-behindert. Die Gründe für einen veganen Lebensstil sind so divers, wie die Personen, die ihn leben. Nur eins ist sicher: Der Großteil der tierkonsumkritischen Menschen ist nicht weiß. So ernähren sich in Indien immer noch rund  40% Prozent der Bevölkerung vegetarisch und der Verzicht auf den Konsum tierischer Produkte kann ein Teil der Dekolonialisierung des eigenen Körpers sein, wie es Amie Breeze Harpers in ihrem Buch Sistah Vegan facettenreich beschrieben hat. In Deutschland ernähren sich nur 9%  der Bevölkerung vegetarisch, in anderen europäischen Ländern noch weniger. Darüber lachen Vegan of Color dann mal heimlich, bei Cashewmilch und Schoki.


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