Ziemlich katholisch hier

Einfacher Schwangerschaftsabbruch? Abseits von Großstädten ist dies schwierig. Eine Reportage aus Paderborn.

20.05.16 > Uncategorized

Von Lisa-Marie Davies

Man spricht freundlich miteinander in der westfälischen Kreisstadt, ist anderen Menschen und Neuem gegenüber jedoch erst einmal verschlossen. Subkultur gibt es in Paderborn, der 145.000 Einwohner*innen zählenden Stadt im ländlichen Osten Nordrhein-Westfalens, kaum. Dafür befindet sich hier der Sitz des katholischen Erzbistums: Die vielen Kirchen und der Dom prägen das Stadtbild. Auch in der Politik zeigt sich die christliche Prägung der Region: 50 Prozent des Stadtrates stellt die CDU. Im Kreistag haben die Christdemokrat*innen mehr als die Hälfte der Sitze inne.

Zahlreiche Kirchen prägen das Stadtbild von Paderborn. © Christian Protte
Zahlreiche Kirchen prägen das Stadtbild von Paderborn. © Christian Protte

Entschied sich eine Frau in Paderborn für einen Schwangerschaftsabbruch, musste sie lange Jahre in die nächstgelegenen größeren Städte reisen, wenn sie sich konfessionell unabhängig der gesetzlich vorgeschriebenen Schwangerschaftskonfliktberatung unterziehen wollte. Das kleinere Detmold und das größere Bielefeld liegen über eine halbe Stunde bzw. fast eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto entfernt, die öffentlichen Verkehrsmittel sind noch länger unterwegs und fahren nur jede Stunde. Bis heute führt keines der drei konfessionellen Krankenhäuser Paderborns – zwei katholisch, eines evangelisch – einen Abbruch durch. Aus moralischen Gründen, heißt es. Eine belastende Situation für Schwangere im Ort, die in Notlagen lange nicht wussten, an wen sie sich wenden konnten.

Vor neun Jahren verbesserte sich die Lage: Eine Beratungsstelle von Pro Familia, dem größten unabhängigen Verband, der Beratungen und Projekte zu Sexualität, Partnerschaft, Familienplanung und Schwangerschaft anbietet, eröffnete in Paderborn. „Wir haben gemerkt, dass Frauen und Familien aus dem Kreis Paderborn in die Beratungsstellen in den umliegenden Städten kommen. Deshalb wollten wir ihnen ein unabhängiges Angebot vor Ort anbieten“,

blickt Sabine Lüttges, die sympathische und standhafte Leiterin der Beratungsstelle, zurück. Doch Pro Familia wurde nicht mit offenen Armen empfangen. „Auf die erste Anfrage nach Unterstützung bekamen wir eine negative Rückmeldung. Der Bedarf an Beratungsstellen sei gedeckt, hieß es damals vonseiten der Politik.“ Sabine Lüttges ist darüber immer noch erstaunt, denn dass Bedarf besteht, zeigte sich schnell. Sowohl Beratungsangebote als auch sexualpädagogische Schulprojekte wurden sehr gut angenommen.

Krankenhaus, konfessionell. @ Christian Protte
Krankenhaus, konfessionell. @ Christian Protte

Rund 500 Beratungen führten die Mitarbeiter*innen von Sabine Lüttges bis heute durch. 160 davon waren im vergangenen Jahr Schwangerschaftskonfliktberatungen. „Viele Fraue…

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