Die revolutionären Vivs und der Punk: „Uns war klar, dass wir Provokateurinnen waren.“

Viv Albertine und Viv Goldman mischten in den 1980ern Londons Subkultur auf. Nun blicken sie gemeinsam zurück.

Von Christina Mohr

Im Punk-London der späten 1970er nannte man sie „die drei Vivs“: Viv(ienne) Westwood, Viv(iane) Albertine und Viv(ien) Goldman – auch wenn sich der Vorname auf verschiedene Weisen schreiben lässt, gehört er offenbar immer zu einer starken, revolutionären Frau: Modedesignerin Vivienne Westwood ist gerade 75 geworden und zeigt keinerlei Anzeichen von Ermüdung. Die zwei jüngeren Vivs – beide Jahrgang 1954 – melden sich 2016 eindrucksvoll im Popgeschäft zurück, das sie zur Postpunk-Phase entscheidend mitgeprägt hatten.

Postpunk-Ikone Viv Goldman. © Janette Beckman

Viv Albertine war Gitarristin der Postpunk-Band The Slits, die mit ihrem einzigartigen Musik- und Modestil unzählige Bands beeinflusste. Albertine und ihre Mitmusikerinnen waren Riot Grrrls, lange bevor es diesen Begriff gab, mixten Punk mit Reggae und feministischer Attitude. Nach dem sich The Slits aufgelöst hatten, kehrte Albertine dem Popbiz den Rücken, arbeitete u. a. als Aerobic-Lehrerin und Filmregisseurin und zog sich ins Familienleben zurück. 2012 nahm sie nach 25 Jahren Pause das Album „The Vermilion Border“ auf und spielte 2014 die Hauptrolle im Film „Exhibition“. Ihre bewegende Autobiografie „A Typical Girl“ ist nun bei Suhrkamp erschienen.

Vivien Goldman, deren deutsch-jüdische Eltern während der NS-Zeit von Frankfurt nach London flohen, ist Journalistin, Musikerin, Buchautorin, Filmemacherin, Radiomoderatorin und Hochschullehrerin (BBC America führte eine Kolumne mit ihr als Punk-Professor) und lebt in New York City. In den 1970ern schrieb sie für „NME“, „Sounds“ und „Melody Maker“ und kam eher zufällig zum Musik machen – ihre Aufnahmen mit den Flying Lizards, dem Duo Chantage und Solotracks gehören zu den innovativsten Stücken der Postpunk-Ära; sie wurden u. a. von Asian Dub Foundation gecovert. Sie arbeitete z. B. mit Adrian Sherwood, Aswad und John Lydon. Das Album „Resolutionary“ präsentiert ihre Arbeiten von 1979–1982. Missy-Autorin Christina Mohr traf die beiden zum Doppelinterview.

Vivien Goldman, auf dem Album ist ein Track aus Ihrer Zeit mit den Flying Lizards, auf dem Viv Albertine Gitarre spielt – wie lief Ihre Zusammenarbeit?

VG: Wir waren leider nicht gemeinsam im Studio – ich habe die Tracks von den Lizards bekommen und darüber gesungen, Viv kam an einem anderen Tag ins Studio.

Viv Goldman, hier erst 24, hat bis heute so ziemlich alles gemacht: Musik, Film, Bücher, Unilehre. © David Corio

Viv Albertine, welche Erinnerungen haben Sie an Vivien Goldman?
VA: Viv Goldman arbeitete hart, war sehr kreativ und intelligent und half der Punkidee mit ihrer journalistischen Arbeit erst richtig auf die Sprünge. Außerdem war sie extrem ehrlich und freundlich – damals war mir nicht wirklich klar, wie außergewöhnlich Leute wie Vivien waren. Die Frauen der Punkära waren weitaus radikaler und wagemutiger als die Männer.

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