„Die üblichen Träume, der übliche Trott“

In ihrem Gedichtband „Hold Your Own“ erzählt Kate Tempest lakonisch vom Erwachsen- und Älterwerden.

Von Anna Mayrhauser

Der blinde Prophet Teiresias ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Sie war in ihrem Leben Mann und Frau, wurde von den Göttern geblendet und mit prophetischer Begabung ausgestattet. Teiresias spricht die Wahrheit und wurde dafür bestraft, so sagt es – je nachdem welcher Geschichte man Glauben schenken möchte – die Legende.

© Flickr/Tramlines Festival-Kevin Wells/CC BY 2.0
© Flickr/Tramlines Festival-Kevin Wells/CC BY 2.0

Im Fall der im Moment viel besprochenen britischen Schriftstellerin Kate Tempest, 30 Jahre alt, aus Südlondon stammend, hört sich die Wahrheit des Teiresias dann so an: „If you say something funny on Twitter, it doesn’t matter.“

In ihrem Gedichtband „Hold Your Own“ hat sie Teiresias zum Hauptmotiv erhoben und folgt der Gestalt aus der griechischen Mythologie durch ihre Verwandlungen und ihr Leben. Nur dass Teiresias diesmal im London der Jetztzeit lebt. Das hört sich erst etwas abgehoben an – griechische Mythologie, die etwas über die Gegenwart erzählen soll.

Vor allem für eine Autorin, die mit HipHop, Poetry Slam und Spoken Word bekannt geworden ist und über die oft zu lesen ist, dass einer ihre wichtigsten Einflüsse der Wu-Tang Clan und Public Enemy sei. Doch schon für ihren Gedichtband „Brand New Ancients“ für den sie mit dem renommierten Ted Hughes Award ausgezeichnet wurde, spielte sie mit diesen klassischen Motiven. Und so führt Tempest in ihrem Gedichtzyklus ihre Teiresias präzise durch ein Teenagerleben, ein Frauenleben und ein Männerleben der Gegenwart.

Manche Absätze klingen wie aus einem Coming-of-Age-Film, beschreiben knapp das Drama, 13 Jahre alt zu sein:

„The boys have football and skate ramps.
They can ride BMX
and play basketball in the courts by the flats until midnight.
The girls have shame.“

Oder beschreiben pubertäre Unsicherheiten und Selbstbehauptung:

„My shoulders are squared.
I move like the boys,
I talk like the boys,
but my words are my own.“

Am Anfang ist Teiresias 15 Jahre alt, ein Teenagerjunge „With the usual dreams, and the usual routine“, der HipHop hörend und mit dem Rest des Joints von letzter Nacht an den Lippen zur Schule fährt. Und so hangelt sich Teiresias weiter durchs Leben, wird erst zur jungen Frau, dann zum Mann, kämpft immer wieder mit Unsicherheiten und der Frage, wie man leben soll. „Hold your own“ bedeutet: Behaupte dich.

© Suhrkamp Verlag Kate Tempest: „Hold Your Own“
editon suhrkamp, 200 Seiten, 16 Euro

Die Gedichte in der zweisprachigen Ausgabe zu lesen macht Spaß, die deutsche Übersetzung von Johanna Wange ist sensibel und nah am Sound des Originals – doch noch mehr Spaß muss es machen, sie sich von der Spoken-Word-Artistin und Rapperin Kate Tempest selbst vorlesen zu lassen.