Seitennavigation Katze Körper
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Fusion Revisited: Karneval der Kulturlosen

Bis in zwei Jahren. Vielleicht auch bis nie.

05.07.16 > Körper

Von Hengameh Yaghoobifarah

Vor zwei Jahren hatte ich mir fest vorgenommen, endlich mal auf die Fusion zu fahren. Die meisten Leute in meinem Umfeld schwärmten von ihr und obwohl ich meistens dort sein will, wo Menschen nicht sind, war ich sehr aufgeregt, als ich bei der Ticketverlosung gezogen wurde. Eine Woche vor dem Event machte ich allerdings den Realitätscheck: Ich war depressiv, zwei Wochen vor meiner Bachelorarbeit-Abgabe und stellte mir die Frage, was gerade schöner wäre, als fünf Tage lang inmitten von Druffis in der Pampa zu Techno zu tanzen. Die Antwort war: so ziemlich alles. Also verkaufte ich mein Ticket und genoss das leere Berlin für einige Tage.

IMG_2235
Ich so im Taxi auf der Hinfahrt. © privat

(Bildbeschreibung: Selfie von der Autorin im Taxi mit aufgemalter Träne und dem Schriftzug „i made it to the cab“.)

Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass die Fusion nichts für mich ist. Weil mein Selbsthass oder einfach der Wunsch, die Welt brennen zu sehen, mich manchmal überschüttet, fuhr ich Sonntagabend in die Wursthaar-Hölle. Ja, ich wusste schon vorher, dass viele weiße Personen mit Filzhaaren das Festival besuchen würden. Schon allein die Fahrt brachte mich an meine Grenzen. In der Regionalbahn begegneten mir zwei weiße Hippies. Der eine war ein Schwede und seine zu Würsten geformten dünnen Haare lösten Mitleidsschauer in mir aus. Die andere kam aus Barcelona und sah aus wie ein Charakter aus „The Tribe“. Über seine schlechten Boxen hörten sie Reggae und fühlten sich wie Freigeister, sprachen über das Reisen und die Schönheit der Welt. Ich beschloss, sie zunächst einmal zu ignorieren und mein Ding zu machen. Als mir meine Freund*innen schrieben, dass ich mir Leute zum Taxi-Teilen suchen sollte, da die Busse nicht mehr fuhren, lachte ich bei der Vorstellung, mit den beiden zu reden, leise in mich hinein.

Der Game-Changer passierte auf dem Weg zum Klo, wo ich einen betrunkenen Nazi traf. Er fragte mich, wo der Snackautomat sei. Ich wies ihn auf die andere Seite des Zuges hin, damit er bloß nicht in meine Richtung kam. Für einen Moment hatte ich vergessen, dass die Fusion in einem Bundesland mit sehr vielen Nazis (leider wie fast alle Bundesländer in Deutschland) stattfindet und dass meine Angst vor dem Glatzkopf mit der 0,2l-Wodka-Flasche berechtigt war. Es war zehn Minuten vor Fahrtende und ich wusste, was ich tun musste.

Ich fragte die Hippies, ob sie auch zur Fusion führen (eher eine rhetorische Frage) und ob wir uns ein Taxi teilen wollten. Sie freuten sich und wollten meinen Namen wissen. Ich stellte mich als Sara (Nachtrag: der erste kulturell mehrdeutige Name, der mir einfiel – die Geschichte des Namens im Kontext Schoah hatte ich in dem Augenblick nicht parat und es tut mir Leid. Ich las den Namen aufgrund meiner eigenen Biografie – die Alternative zu meinem Namen war für meine Eltern „Zahrah“ – einfach als einen Namen, der sowohl muslimisch, als auch jüdisch oder christlich gelesen werden kann und damit eindeutig uneindeutig ist.) vor und tat so, als sei ich schüchtern, um nicht mit ihnen reden zu müssen. Ich beobachtete, wie der Typ sich mitten in der Bahn das Shirt umzog. Ich wurde auch Zeugin ihres sentimentalen Flirt-Moments. Während sie über ihre White Supremacy bondeten, murmelte er ihr zu, dass sie süß sei. Sie lächelte und in Zeitlupe näherte er sich ihr an, beugte sich über sie und ich hörte (sic!) sie rummachen. Ich starrte auf mein Handy, versuchte das Scham-Lächeln in ein „Love is Love“-Lächeln umzuwandeln, um meine Mitfahrgelegenheit zu sichern.

Endlich hielt der Zug in Neustrelitz und ich wäre am liebsten auf Rollschuhen rausgeflogen. Ich trug allerdings ganz normale Sneakers. Wir stiegen aus und trafen weitere Leute, die sich ein Taxi teilen wollten. Einer von ihnen hatte zwei kurze Dreads und ein Chelsea-Smile als Tattoo im Gesicht. Er lehnte sich schon ans Taxifenster und ich ging dazwischen, weil ich ihm nicht die Verantwortung über unsere Fahrt und unser Geld überlassen wollte. Ich machte dem Fahrer ein Angebot, das er nicht abschlagen konnte („Wie viel?“ –“50.“ –“40?“ –“45.“ –“Ok.“) und rief in die Runde: „Ich sitze vorne, mir wird sonst schlecht.“ Das war gelogen. Ich wollte einfach generell Körperkontakt oder Konversationen vermeiden. Der Schwede aus der Bahn wollte auf jeden Fall seine Musik im Taxi anmachen, ich übersetzte es dem Fahrer aber so, dass er wirklich nicht „ja“ sagen müsste. Ihm war es egal, wir waren eh fast da.

In Lärz angekommen ging ich zum vereinbarten Treffpunkt zu meinen Freund*innen. Nun konnte ich meine Feldstudie beginnen. Überraschenderweise musste ich feststellen, dass ich trotz meiner tief verankerten Aversion immer noch erschrocken war über das, was mir dort begegnete. Ja, es war schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Alle behaupten immer, man dürfe Sachen erst scheiße finden, wenn man auch dort war, und ich merkte, dass die Fusion tatsächlich besser bei mir weggekommen wäre, wäre ich zu Hause geblieben.

Neben weißen Dreadlocks, Federschmuck, Bindis und Pluderhosen ist auch dieser Hut im "I can trace my wealth back to slavery"-Starter-Pack.
Neben weißen Dreadlocks, Federschmuck, Bindis und Pluderhosen ist auch dieser Hut im „I can trace my wealth back to slavery“-Starter-Pack.

(Bildbeschreibung: Foto eines Tropenhelms, der auf einem großen Reiserucksack steht.)

Wo fange ich an? Vielleicht bei der hohen Quote von weißen Personen mit Wursthaaren. Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass es ihre Hochburg sein würde, jedoch nicht damit, dass sie die Mehrzahl abbilden würden. Kurz dachte ich, ich sei auf einer „White Dreadlocks“-Convention gelandet. Ich fragte mich, wie viele weiße Personen mit Filzhaaren aus Deutschland eigentlich nicht zur Fusion gefahren sind. Zwei Infos hätten zum Thema weißsein und Dreadlocks weiter verbreitet werden müssen: dass es eine kolonialrassistische Praxis ist und zusätzlich einfach scheiße aussieht. Aber kann man nichts machen, fürchte ich.

Mir war klar, dass die Fusion sehr weiß sein würde. Aber so weiß? Das Verhältnis zwischen weißen und rassifizierten Personen stellte ich mir bei 80 zu 20 vor. Nicht 99 zu 1, wie es in der Realität dann war. Hinzu kam, dass ich fast alle People of Color, die mir begegneten, persönlich kannte. Diejenigen, die seit Anfang des Festivals vor Ort waren, bewegten sich emotional irgendwo zwischen Lebenskrise und Nervenzusammenbruch. „Ein Schauplatz der White Supremacy“, murmelte ein*e Freund*in und zog von einem Holzrührstab für Kaffee Ketamin, während wir nebeneinander am Lagerfeuer saßen. Vielleicht waren vor Sonntagabend noch mehr dort gewesen und zu meiner Ankunft bereits abgereist. Mehrere Tausend werden es aber mit Sicherheit nicht gewesen sein.

Warum macht er so? © privat
Warum macht er so? © privat

(Bildbeschreibung: Mehrere Personen warten vor dem Zaun auf die Shuttle-Busse. Eine weiße Person trägt ein Warbonnet.)

Ob ihre Abwesenheit wohl der Anlass dafür war, dass weiße Leute Personen of Color cosplayten? Ihre stereotypen, rassistischen Kostüme waren jedenfalls überall. Neben den Dreadlocks trugen weiße Menschen Kimonos, Kegelhüte, Oberteile mit random chinesischen Zeichen, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel, Turbane, Sharwals oder einzelne Federn im Haar (gerne einfach ins verfilzte Haar gesteckt). Wie Karneval der Kulturen in Berlin, nur ohne Kulturen. Wir schreiben das Jahr 2016 und bei der Mehrheit der Festivalbesucher*innen ist nicht angekommen, dass Red-, Black-, Brown- und Yellow-Facing unterste Schublade in der Garderobenwahl sind. Selbst bei Noise ist die Info bekannt. Warum ist es für so viele Leute so schwierig, ein Outfit zu finden, ohne andere damit anzugreifen? Wie wäre es mit einer Jeans und einem Shirt? Einem Blümchenkleid? Einem karierten Rock? Oder, wenn es dich glücklich macht, einem Einhornkostüm?

Ich fragte eine meiner Freundinnen, wie denn das Essensangebot so sei. Sie antwortete mit einer Gegenfrage: „Was hat die Fusion eigentlich gegen Gewürze?“ Ein Rundgang auf dem Marktplatz mit den Imbissständen bot Ansätze für Theorien: Die meisten (fast alle) Stände wurden von weißen Personen betrieben und der Geschmack war nach dem deutschen Gaumen ausgerichtet. Was an sich ja in Ordnung wäre, würden sie nicht den Exotikfaktor erzwingen. Stichwort: Black and brown food served by white people.

Exotisch können wir selber. © privat
Exotisch können wir selber. © privat

(Bildbeschreibung: Eine Hand hält einen Granatapfel.)

Während meiner Suche nach einem Snack blieb ich ungläubig vor dem Stand stehen, der laut eigenem Schild „Indianisches (sic!) Essen“ verkaufte. Wenn die Fusion wirklich so auf links und kritisch macht, warum gibt es null Sensibilität in puncto Rassismus? Wo ist hier der Unterschied zu einem Stadtfest in einer nordostdeutschen, bürgerlichen Provinz? Wahrscheinlich darin, dass die Besucher*innen des Stadtfests wenigstens ehrlich zu sich sind und gar nicht erst behaupten, antirassistisch zu sein.

Aus irgendeinem Grund hatte ich mir den Ort auch queerer vorgestellt. Zumindest zu einem gewissen Grad. Aber auch hier war ich in meiner Vorstellung über das Festival zu wohlwollend. Das lag wahrscheinlich daran, dass die meisten meiner Bekannten, die hinreisten, überwiegend queer oder of Color – oder sogar beides – waren. Stattdessen waren einfach ganz, ganz viele Cistypen dort. Auch einige von der bedrängenden Sorte. Ein Typ tänzelte über zwei Stunden um uns herum, obwohl wir ihm sagten, dass wir weder mit ihm kuscheln oder reden wollten, noch in seinem Zeichenblock seine Eindrücke vom Drogentrip anschauen wollten. „Schön … scheiße!“, schrieb er auf ein Stück Papier und hielt es vor mein Gesicht. Ich zuckte mit den Schultern und konnte mich nicht an einen Zeitpunkt erinnern, an dem mir die Gefühle eines weißen Typen egaler waren. Mit seinen zwei kurzen Dreads, der Feder in seinem Haar und seiner Teetasse aus Metall versuchte er es noch ein paar Mal, bis er endlich ging.

IMG_2249
Ausblick auf der gemütlichen Zugfahrt nach Berlin © privat

(Bildbeschreibung: Überfüllte Regionalbahn, in der selbst auf dem Boden kein Platz mehr ist.)

Wenigstens gegen Sexismus leitete die Orga einige Maßnahmen ein. Das „No shirt, no service“-Schild am Infopoint feierte ich sehr. Ich wünschte nur, dass oberkörperfreie Cistypen nicht als einzige Form der Rücksichtslosigkeit verstanden würden. Cool war auch, dass es kostenloses Trinkwasser gab. Allerdings aus permanent aufgedrehten Wasserschläuchen, die niemanden zum Zudrehen animieren zu schienen. Wir haben’s ja.

Ungefähr 15 Stunden später sitze ich mit meinen Freund*innen im Shuttle-Bus nach Neustrelitz. „Wir sehen uns in zwei Jahren“, hörte ich Leute beim Einsteigen rufen. (Nächstes Jahr setzt die Fusion aus, 2018 geht es weiter.) An meiner Schulter lehnt eine meiner dösenden Freundinnen und auf meiner Nase ein leichter Sonnenbrand. Ich fahre mit der Hand über mein Gesicht und spüre auf der Wange schon die ersten Stresspickel. I went to Fusion and all I got was bad skin.


Beitragsnavigation