Bis zum Schluss

Der Film „24 Wochen“ der Regisseurin Anne Zohra Berrached erzählt vom Tabuthema Spätabtreibung.

22.09.16 > Film & Serien

Von Anna Mayrhauser

Ich sehe den Film „24 Wochen“ zweimal. Zum ersten Mal in einer Pressevorführung auf der Berlinale im Februar 2016. Dort läuft der Film der 34-jährigen Regisseurin Anne Zohra Berrached als einziger Beitrag aus dem deutschsprachigen Raum im Wettbewerb. Ich fange etwa bei Minute zehn an zu weinen – das Paar Astrid und Markus sitzt das erste Mal gemeinsam bei der Frauenärztin – und höre, bis der Abspann beginnt, nicht mehr damit auf.

Astrid (Julia Jentsch) trauert. © Neue Visionen Filmverleih

Ich merke, dass ich nicht die Einzige bin. Noch nie zuvor habe ich erlebt, dass so viele Menschen, die beruflich mit Film zu tun haben, zeitgleich die Fassung verlieren. Normalerweise steht etwas zwischen Kritiker*in und Film – ironische Distanz, ästhetische Kritik, der professionelle Wunsch, sich nicht einlullen zu lassen. Später, auf der Toilette des Kinos, wasche ich mir das Gesicht. Um mich herum Personen mit geröteten Augen. Eine Frau um die fünfzig lächelt mich aufmunternd an. Ich frage mich, wie viele Personen in diesem Raum wohl ähnliche Erfahrungen gemacht haben – mit Schwangerschaftsabbrüchen, Spätabtreibungen, der Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Behinderung, Fehl- und stillen Geburten.

Zum zweiten Mal sehe ich „24 Wochen“ in Vorbereitung auf diesen Artikel. Ich bin fest entschlossen, etwas zu finden, das mich stört – zu emotionale Musik, eine manipulative Bildsprache, zu deutsche Fernsehästhetik. Aber es gelingt mir nicht.

Anne Zohra Berrached ist selbst ein bisschen überrascht von den heftigen Emotionen, die ihr seit der Präsentation des Films auf der Berlinale immer wieder begegnen. „Nach dem Film geben viele zu, dass sie in irgendeiner Form einen Berührungspunkt mit dem Thema haben“, sagt sie. Sie ist froh und stolz, dass ihr Film so viele Menschen berührt. Pränataldiagonistik sei gerade ein großes Thema, meint sie, für viel Geld würden sich werdende Eltern in vermeintlicher Sicherheit wiegen. „Aber in Wirklichkeit gibt es keine Sicherheit. Das ist ein unglaublich ungemütliches Thema. Wer redet schon gerne beim Kaffee darüber, ein Kind in der 24. Woche abgetrieben zu haben?“

„24 Wochen“ erzählt die Geschichte von Astrid und Markus, d…

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