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Explosion statt Inklusion

Wer darf Sex haben?

28.09.16 > Körper

Von Heike Bestel

Menschen mit Behinderung werden immer noch vielfach diskriminiert. Josefine Thom, Gründerin der Initiative PRO21 Kampfassistenz in Wien, stemmt sich dagegen und fordert radikalen Aktivismus statt moralisierender Debatten.

© PRO21 / Veronique Giroud

Warum Kampfassistenz und nicht Selbstvertretung, Lebenshilfe oder „advisor“?
Meine Schwester ist mehrfach körperlich und geistig beeinträchtigt. Das bedeutet, sie kann weder sprechen noch sehen. Sie sitzt im Rollstuhl und ist inkontinent. In Verwaltungsdeutsch heißt das „Pflegestufe 3“. Meine Mama bekam irgendwann einen Brief von der Krankenkasse mit der Info, sie hätte für ihre Tochter nur mehr Anspruch auf fünf Windeln pro Tag. Plötzlich werden scheißen, urinieren und menstruieren zu öffentlichen Angelegenheiten. Aber meine Schwester kann nicht einfach zum Hörer greifen und meiner Mutter hilft bloße „Unterstützung“ nicht. Es bedarf eines ständigen Kampfes mit unterschiedlichen Stellen. Gesellschaftlich erzeugte Scham und Vereinzelung machen diesen Kampf noch schwieriger, vielen geht trotz heroischer Anstrengungen die Kraft aus. Deshalb braucht es Kampfassistenz.

Anstelle der Bezeichnung „geistig behindert“ ist in letzter Zeit oft der Ausdruck „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ zu hören. Ist das ein Schritt weg von der Stigmatisierung?
Manchmal hat das tatsächlich diesen positiven Effekt. Zugleich können dadurch neue Unsichtbarkeiten entstehen. Die Situation meiner Schwester als eine Form der Lernschwierigkeit zu bezeichnen wäre nicht nur zynisch, sondern könnte sogar zur Verminderung ihrer gesetzlichen Ansprüche führen. Im Kontext konkreter und gesellschaftlicher Kämpfe wird schnell sichtbar, dass „Behinderte“ keine homogene Gruppe sind. Alles unter die Matrix der „Lernschwierigkeit“ zu stellen, kehrt Probleme unter den Tisch. Eine Überbetonung des „korrekten Sprechens“ führt nach meiner Erfahrung oft zu einer Stagnation von Debatten – ich bin aber für deren Explosion. Ich wünsche mir im Behinderungsdiskurs mehr Radikalität in Worten und Taten, anstatt sich in wohliger Lebenshilfe-Ästhetik einzurichten. So …

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