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„Ich will kein Internetphänomen sein“

Princess Nokia spricht im Interview über Ästhetik, Spiritualität und die junge feministische Generation.

13.10.16 > Musik

Von Hengameh Yaghoobifarah

Ihre Beats sind mächtig, ihre Mission feministisch und ihre Texte irgendwo zwischen harten Ansagen und Zauberformeln. Die 24-jährige afronuyorikanische Rapperin Destiny Frasqueri alias Princess Nokia hatte schon lange vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums1992“ ein hohes Standing im Netz. Das liegt zum einen an ihrem Talent, zum anderen sicherlich auch an der Zugänglichkeit ihrer Arbeit. Ihre Tracks und ihr Podcast „Smart Girl Radio“ waren immer kostenlos auf Soundcloud auffindbar, in ihren Interviews verzichtet sie auf prätentiöses Gehabe. Während ihrer Tour spielte sie auch im Urban Spree in Berlin und machte während ihres Konzerts klar, für wen sie spielt. Sie kam mit angezündetem Salbei auf die Bühne und räucherte mögliche schlechte Energien aus der Halle. In klassischer Riot-Grrrl-Tradition bat sie die girls to the front und ermahnte die Typen vor aggressivem Verhalten. „Wenn die Frauen hier vorne ruppig sein wollen, sorgen sie schon selbst dafür.“

© Shaheen Wacker
© Shaheen Wacker

Destiny, was treibt dich dazu an, du selbst zu sein und deine Arbeit zu machen?
Ich habe ein sehr schönes, bequemes Leben gelebt, in dem ich einfach albern sein und für jeden Aspekt meines Lebens dankbar sein konnte. Ich nehme mein Leben sehr ernst und ich möchte so glücklich und kindlich wie möglich sein. Ein kindlicher Geist ist etwas, das ich niemals aufgeben möchte. Es ist mein Fundament, mein Licht. Es ist auch etwas, das sich immer weiterentwickeln kann. Wo kann ich meine Erfahrung am meisten genießen? Wo kann ich am dankbarsten sein?

Auf Twitter hast du alle nicht-weißen und Schwarzen Mädchen dazu eingeladen, auf deine Konzerte in Europa zu kommen. Was bedeutet es für dich, wenn sie kommen?
Ich wollte, dass sie wissen, dass ich hier bin. Ich wollte gerne viele bekannte Gesichter sehen. Es ist wichtig. Ich weiß nicht so viel über die Vielfalt in Europa, aber ich weiß, dass es hier auch eine browne und Schwarze Community gibt. Und ich weiß auch, dass Jugendliche gerne zu lokalen Veranstaltungen gehen, vor allem, wenn sie in kleineren Städten leben. Man fragt sich da oft: Was geht heute Abend eigentlich in meiner Nähe? Und ich wollte so gerne, dass diese Menschen zu meinen Konzerten kommen. Selbst, wenn sie nicht wissen, wer ich bin.

Du bezeichnest dich selbst als „bruja“, also als Hexe. Was sind deine Rituale während du tourst?
Ich bete jeden Tag. Besonders auf Tour, wenn ich sehr isoliert bin. Ich halte den Dialog dann aufrecht. Und ich glaube, das ist auch das, was meinem Flow hilft und mich dabei unterstützt, zum ersten Mal eine 20-Städte-Tour zu bewältigen. Es ist auch das, was mir überhaupt erst diese Möglichkeit verschafft hat. Spiritualität ist für mich auch Wissenschaft und sie ist dafür verantwortlich, dass Menschen so funktionieren können. Ich möchte verdammt noch mal eine bessere Person werden. Ich möchte mich nicht ängstlich oder nervös fühlen. Ich habe psychische Krankheiten, deshalb muss ich meine Spiritualität unter Kontrolle haben. Und mich selbst. Ich möchte nicht, dass mein Ego überhandnimmt. Ich bin total narzisstisch, aber nicht oberflächlich. Das ist etwas Gutes.

Aber ich bete immer. Nehme mir immer einen Moment der Ruhe, um nach mir selbst zu sehen und mich selbst zu reflektieren, um zu verstehen, was ich mache und was ich vorhabe. Wenn die Leute auf meine Konzerte kommen, will ich nicht, dass sie aus mir ein Spektakel machen. Und das denke ich nicht aus Egogründen. Ich mache das für Feminismus. Ich mache das für Spiritualität. Ich mache es für das Leben, für eine Revolution. Für Frauen im HipHop. Ich habe keine Lust mehr, als „Frau im HipHop“ so hervorgehoben zu werden. Ich bin verdammt noch mal so gut wie diese ganzen Typen auch! Ich werde gebucht, ich bekomme mediale Aufmerksamkeit und mache Musik für mein Publikum. Das liegt nicht daran, dass ich als Frau so exzeptionell bin. Ich bin keine Quotenrapperin. Das liegt daran, dass ich mir verdammt noch mal den Arsch aufreiße und ich selbst bin. Alles andere ist mir egal. Deshalb ist es mir so wichtig, auf Tour meine Spiritualität am Laufen zu halten und meine Rituale zu machen. Was sich als sehr schwer herausstellt, ich werde oft krank davon, in so unterschiedlichen Räumen zu sein. Ich kann mir nicht überall Rosenwasser besorgen oder meine anderen magischen Werkzeuge. Und das ist schwer. Aber solange ich nicht aufhöre zu beten, zu lernen und zu schreiben – denn Gedichte sind auch wie Gebete –, chille ich.

© Shaheen Wacker
© Shaheen Wacker

In vielen Kontexten, die sich als modern verstehen – seien es berufliche oder aktivistische –, wird Spiritualität oft verpönt und im Gegensatz zur vermeintlichen Rationalität als unprofessionell angesehen. Das bedient oft dieses machoartige Verständnis von Stärke und Härte. Auch im HipHop definieren sich viele Künstler*innen über ihre Stärke, Härte oder Taffness. Wie koordinierst du das mit deiner soft konnotierten Spiritualität?
Es ist kein Entweder-oder. Dualismen existieren. Weißt du, ich bin eine taffe Bitch. Aber ich bin auch zierlich und wortgewandt. Mit solchen Polaritäten und Spiritualität ist es für mich komplett. So ein banales Gelaber à la „Ich bin spirituell, denn meine Chakren sind offen“ halte ich für Bullshit. Du musst dich konstant selber checken, um die Dinge zu verstehen, die du tust, warum du die Interaktionen hast, die du hast, warum du die Gefühle hast, die du empfindest, und diese Variationen deiner selbst in ein Gleichgewicht zu bringen – was etwas wirklich Schweres ist, Gleichgewicht ist wie das Nirwana, wie die unendliche Ruhe. Ich bin Zwilling und da laufen einige Dinge gegen mich, Alter! Deshalb muss ich noch härter an mir arbeiten. Es ist schwer, ich zu sein, da bin ich ehrlich mit dir. Ich bin so glücklich, wie ich nur sein kann.

Ich hab ein gutes Herz. Aber auch ich habe mit Dämonen zu kämpfen. Und ich muss sie unter Kontrolle halten. Sonst kann ich nicht kreativ und produktiv sein. In der Spiritualität liegt die Softness und die macht alles sehr fluide. Ich bin nicht eindimensional, sondern ein fluider Mensch. Es sind nicht-binäre Realitäten. Sowohl taff als auch weich. Femme und Butch. Heiß und kalt. Es ist, was es ist. Ich versuche nicht, das zu glamourisieren. Ich habe viele Facetten. Gott hat mich so geschaffen. Wenn ich in diesem Jahrtausend eine Posterperson sein sollte, dann ist es das, was Gott mit mir vorhatte. Wir sollten uns nicht auf irgendwas festlegen lassen, sondern all das sein, was wir sein möchten. Und unsere Kinder werden noch mehr besonders sein. Für die bauen wir das alles ja auf. Das ist alles, was ich vorhabe. Ich möchte die Welt für alle Princess Nokias formen. Ich möchte junge Frauen inspirieren, Bühnen auseinanderzunehmen und exzellente Kunst zu machen. In 50 bis 100 Jahren gibt es neue Generationen und für die möchte ich nicht, dass Konformität überhaupt noch eine Frage ist. Es wäre schön, wenn das Aus-der-Reihe-Tanzen die Norm wäre. Und ich glaube, es wird so sein. Ich habe sehr viel Vertrauen in diese junge Frauen, sie haben so tolle Vorstellungen vom Leben und Wachsen. Ich bin gerne ein Teil von ihnen.

© Shaheen Wacker
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Wer sind die Frauen, die dich im Leben inspiriert haben?
Meine Mutter Debra Frasqueri. Sie ist eine fantastische Frau. Sie ist tot, seit ich zwei Jahre alt bin, aber ich glaube, wir sind uns näher als viele Mütter und Töchter, die noch leben und sich physisch sehen. Meine Mutter hat mir beigebracht, taff und anmutig zu sein. Sie hat mir viel über Musik und mein Leben gelehrt. Ich bin die ganze Zeit in Kontakt mit ihr. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass sie bei mir ist. Sie war und ist immer meine Nummer 1. Und würde wahrscheinlich wütend werden, wenn ich noch eine andere Person neben ihr nennen würde.

Du machst Musik und Podcasts, gleichzeitig giltst du als Stilikone. Welche Rolle spielt Ästhetik in deiner Arbeit?
Ach, ich bin eines dieser Scheißkunstkids, dabei war ich nicht mal auf der Kunsthochschule. Ich liebe Kunst und unterschiedliche Formen und Medien. Ich liebe es, Mode, Film, Fotografie, Lyrik, Performance und Konzeption zusammenzulegen. Die Leute sind überrascht darüber, dass meine Arbeit so konzeptuell ist und ich trotzdem erfolgreich damit bin, weil ich als kleine Internetkünstlerin angefangen habe. Dann habe ich gemerkt, dass ich viel mehr bin als diese mit den Augen rollende, poshe Rapperin. Ich bin verdammt seltsam und das will ich euch zeigen. Ästhetik ist von daher sehr wichtig für meine Arbeit. Ich liebe Konzeptionen und Collagen. Ich sehe meine Arbeit als ein Kaleidoskop. Ich versuche, nicht zu konzeptionell zu werden und etwas simpler zu sein. Ich liebe Farben und Dinge, die komisch aussehen oder total off sind.

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© Shaheen Wacker

Wie viel New York steckt in deiner Musik?
Ehrlich gesagt: Alles in meiner Musik ist New York. Es ist auch ein Teil der Schwarzen Südstaaten mit drin. Die Frau, die mich aufgezogen hat, kam aus dem Süden und ich war auch davon fasziniert, auch vom Rap des Südens. Ich habe dort viel Zeit verbracht. Meinen Dialekt hört man auch. Ich werde ständig gefragt, ob ich aus dem Süden komme, und ich vergesse ständig, dass ich von dieser Frau aufgezogen wurde. Ich rede nicht gern über sie. Für mich steckt viel New York in meiner Musik. Von „West Side Story“ bis zu A Tribe Called Quest ist alles dabei.

Du verhandelst deine Politiken sehr offen in deiner Musik. Hast du das Gefühl, auch Kompromisse eingehen zu müssen, je berühmter du wirst?
Die Kritik nimmt auf jeden Fall zu, besonders, seitdem mein Album draußen ist. Oft gibt es aber auch Missverständnisse, ich glaube nicht, dass ich verurteilt werde. Ich habe diese Zeile: „See, I know my money got raised by the Jews“ in „Bart Simpson“ gerappt und alle flippen aus und fragen mich, was das heißen soll und dass es beleidigend sei. Was ich damit aber sagen will, ist: Ich wurde von einer jüdischen Familie aufgezogen. Die Familie war reich und hat mir viel über die Kunstwelt beigebracht. Und innerhalb des New Yorker Kontexts verstehen die Leute das auch, denn das ist der einzige Ort in der Welt, an dem so etwas möglich sein könnte: Ein puertoricanisches Mädchen aus der Mittelschicht wird von einer jüdischen Familie aus der Kunstszene aufgezogen. Ihnen habe ich viel zu verdanken. Ich habe viel gelernt und verstanden. Sie haben mich großgezogen und ich habe viel über Reichtum gelernt und sogar in die aristokratische Welt Einblicke gewonnen. Meine Oma, eine afroamerikanische Frau aus der Mittelschicht, wurde zu all diesen feinen Abendessen eingeladen. Und ich fand es sehr interessant. Ich kenne niemanden, der wie ich großgezogen wurde, also als puertoricanisches Kind innerhalb einer jüdischen Gemeinde. Das war für mich immer etwas Positives und ich wollte nicht, dass diese Zeile so verstanden wird.

© Shaheen Wacker
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Manchmal sind auch Leute wütend darüber, dass ich über ein bestimmtes Thema nicht rappe. Ich muss meine Position nicht plakativ zeigen. Ich muss das nicht online machen. Wir können gern stundenlang darüber sprechen, aber ich muss mich damit nicht auf Facebook oder Instagram profilieren. Damit öffne ich nur Foren, in denen komische Leute ihre hasserfüllten Ansichten teilen. Meine Kommentarspalte ist kein Ort für solche Schlagabtausche. Wer sich mit mir auseinandersetzt, weiß auch genau, wo ich stehe. Mein Aktivismus sieht anders aus. Und ich muss mir auch nicht von allen Leuten die Meinung zu meinem Leben anhören. Ich bin sehr dankbar darüber, dass ich nicht schon am Anfang meiner Karriere gemobbt oder gestalkt wurde. Ich kann mich in New York frei bewegen. Ich bekomme keine Hassnachrichten und schätze mein Glück sehr. Meine Fans sind so unterschützend und positiv, sie verteidigen mich immer, wenn jemand Scheiße über mich schreibt. Das gibt mir online einen sicheren Raum. Ich will kein Internetphänomen sein.


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