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Nicht die Schlampen sind whack, sondern Cro

Der Stuttgarter Rapper wäre gern besser als seine Azzlack-Kollegen, versteht aber nicht mal das Sexismus 101.

26.10.16 > Musik

Von Leyla Yenirce

In der Reihe „Auf ein erstes Date mit …“ trifft sich „Noisey“-Autorin Nina Damsch mit Musiker*innen aus Rap und HipHop. „Das erste Date mit … Cro“ ist die zuletzt erschienene Episode in dem Musikformat der „Vice“, die mir auf meine Facebook-Timeline gespült wurde. Jedenfalls hatte mich die Zitatüberschrift „Alle Mädchen in Deutschland sind langweilig“ stutzig gemacht. Hmmmm, spannende Meinung eines privilegierten Mittelstandsrappers. Zumal die meisten Frauen in Deutschland, die ich kenne, ziemlich interessant sind.

© Wikimedia Commons/Chimperator Productions/CC BY-SA 2.0

Ich habe mir also das ganze Interview durchgelesen, um festzustellen, dass eine frauenverachtende Aussage der nächsten folgt. Mädchen haben keine Hobbys und werden abschätzig als Schlampen/Nutten bezeichnet. Oder die These, mit Frauen können Männer nicht einfach nur befreundet sein, weil wegen Sexobjekt. Am Ende wünscht sich der heteronormative Mann für die Zukunft aber trotzdem eine wunderschöne Frau – die bestimmt keine Bitch sein soll – und ihm am besten auch noch zwei Söhne und zwei Mädchen schenkt. Den Höhepunkt findet das Ganze dann, wenn der sympathische Junge aus Stuttgart von seiner „Villa Kunterbunt“ erzählt, in der die Typen immer kreativ arbeiten und die Mädchen eigentlich nur inkompetent rumstehen: „Eigentlich ganz süß. Ich beobachte das dann [in einer geschäftigen Mädchenstimme sprechend], ‚Ja, ich mach jetzt auch was, soooo …‘, und dann nimmt sie irgendwas in die Hand und fängt an, was zu bauen. Aber das ist cool, versucht’s halt.“

Bei einem weißen Mittelstandsboy, der die ganze Zeit auf fröhlich tut, in seiner Kindheit mit Regenwürmern gespielt hat und dessen Träume immer in Erfüllung gehen (warum auch nicht bei dem Life), kümmert der Sexismus wenige. Frauenverachtend ist Cro aber nicht erst seit heute, schon in seinem Kassenschlager „Easy“ propagierte er Misogynie, indem er davon redet, dass ihn die Girls stressen und er dann lieber chillen geht. Im Videoclip hält ihm demonstrativ ein normschönes Model einen Schwangerschaftstest hin und er schlüpft lieber in seine Nikes und geht skaten. Richtig lässig. Für die schwangere Frau wahrscheinlich weniger, aber wen kümmert’s? Cro auf jeden Fall nicht.

Sexismus im Rap ist auch nichts Neues, aber das ist nicht das eigentliche Problem, das die Person Cro darstellt. In meinem sozialen Umfeld haben wir als Kinder auch 2Pac, Lil’Kim und Ludacris gehört, zu Mörder*innen und Sexist*innen sind wir deshalb nicht geworden. Spurlos an uns vorbeigegangen sind die gewaltverherrlichenden Texte mit Sicherheit nicht, aber die Verantwortung unserer Erziehung lag trotzdem nicht bei Biggy, sondern bei unseren Eltern. Argumente, die in diesem Diskurs aufgebracht werden – wie beispielsweise, dass die künstlerische Persona eine andere ist als die private oder dass sexistische Verhaltensweisen die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen widerspiegeln, aus denen die Musik hervorgeht – werden bei Cro mit einem Sunnyboy-Image relativiert. Er hat das Prollen ja nicht nötig, wie er so schön sagt: „Spielt ihr in eurer Billig-Glitzer-Fake-Goldketten-Quatsch-Welt euren Film. Ich bin hier oben.“ Bist du auch, Cro. Denn du bist ein privilegierter reicher Mann und machst mit dem Image des netten Jungen von nebenan ziemlich viel Geld. Sexistisch bist du dabei aber genauso wie die Lower-Class-Rapper, auf die du keinen Bock hast und zu denen du elegant „fickt euch“ sagst. Ich sage aber: Fick dich, Cro.

Denn was für eine Message verbreitest du? Eine ganz klare: Frauen sind geistlos und werden von dir als Schlampen bezeichnet. Wenn sie nicht gerade hinter deinem Geld her jagen, dann sind sie die Traumfrauen fürs Leben und sehen in den Videos durchweg so aus, als führten sie einen strengen Diätplan. Ach ja, und im Leben geht es nur darum, möglichst cool zu sein, sich hart zu gönnen, viel zu feiern und, wann immer es geht, auf alles zu scheißen, weil du es dir ja leisten kannst. Jetzt 90 Prozent deiner Tracks hören und sie alle diesen Kategorien zuordnen können, egal ob „Easy“, „Einmal um die Welt“, „Bad Check“ oder eigentlich alle deine Tracks. Schade nur, dass wenige Menschen so unbekümmert durch das Leben laufen können. Diejenigen, die nicht von strukturellem Rassismus, Sexismus, Klassismus oder sonstigen Diskriminierungen betroffen sind, aber wohl noch am besten die Sorte Carlo Waibel: weiß, männlich, hetero. Warum auch die Gesellschaft anprangern, ist ja alles heititeiti und sowieso Whatever, wie es in deinem 41-Millionen-Klick-Video heißt. Als hedonistisches Kapitalismusmaskottchen bietest du ein perfektes Identifikationspotenzial für bürgerliche Kinder, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Die Tracks gehen auch sofort ins Ohr.

Du stellst ein Paradebeispiel dafür dar, dass Sexismus nicht nur etwas mit der Unterschicht zu tun hat, sondern klassenübergreifend funktioniert. Ob Gangster-Rapper oder Hanswurst. Die Strategien sind andere, das Prinzip ist dasselbe. In dem „Vice“-Interview bietest du hierfür reichlich Indizien. Beispielsweise mit Sätzen wie „Wenn man mit irgendwelchen Schlampen feiert, dann ist alles so oberflächlich whack.“ Die Schlampen, mit denen du nicht feiern willst und die von dir im Interview öffentlich denunziert werden, sind übrigens auch dieselben Schlampen, die dein Album kaufen, deine Konzerte besuchen und zu deinem Erfolg beitragen, du Popstar. Schon mal darüber nachgedacht? Das find ich leider gar nicht easy, Pandaboy.

Und übrigens, in deiner Villa Kunterbunt würden die Bad Chicks, die ich kenne, garantiert nicht den Jungs beim Produzieren zuschauen, sondern selber an den Rechnern sitzen.

 


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