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Jenseits des Willkommens

Im ­Kollektiv machen die Performancegruppe Schwabinggrad Ballett und Geflüchtete gemeinsam Kunst und Politik.

14.12.16 > Musik

Von Margarita Tsomou

LaToya Manly-Spain, Mitglied der Gruppe Lampedusa in Hamburg, tanzt zu den Klängen einer elektronischen Orgel, singt bedrohlich in die Kamera und verspricht, dass die „Others“ der Kolonien die westlichen Me-tropolen überfluten werden: „There will be some time that bodies will be back. There will be some time that we will start from the streets around with crazy people and mongrels, robbers and hookers we meet, because we are the others and the others are us.“ Diese Szene stammt aus dem Videoclip zum Song „Bodies Will Be Back“ auf dem Album „Beyond Welcome“, einer Kollaboration zwischen Aktivist*innen der von Geflüchteten organisierten Protestgruppe Lampedusa in Hamburg und dem Polit- und Performancekollektiv Schwabinggrad Ballett. Die Platte handelt, so der Promotext, „vom europäischen Grenzregime, von Deutschen und Nichtdeutschen, vom Durchhalten ohne Papiere, von Yoruba-Göttern, dem Eurozentrismus oder dem Zusammenkommen jenseits einer Willkommenskultur“ und klingt wie eine Attacke aus der Peripherie.

© Frank Engel

Seit zwei Jahren arbeiten Mitglieder beider Gruppen zusammen, um mit Straßenperformances und elektronischer Musik politisch zu intervenieren. Einsatzorte waren bisher Geflüchtetenlager, Demos, Grenzcamps, öffentliche Plätze, Clubs oder Theaterfestivals. „Beyond Welcome“ ist das jüngste Produkt dieser unwahrscheinlichen Zusammenkunft diverser Menschen: zum einen Führungsfiguren der Kämpfe um kollektives Bleiberecht, die aus dem Libyen-Krieg flüchteten, über das Mittelmeer nach Lampedusa und dann nach Hamburg, St. Pauli kamen. Zum anderen das Schwabinggrad Ballett, das 2000 von prominenten Aktivist*innen und Künstler*innen aus der Szene rund um den Hamburger Buttclub gegründet wurde und seitdem als ulkige Agitprop-Kapelle mit künstlerischen Mitteln und ungewöhnlicher Protest­ästhetik Politik macht.

Aufgenommen wurde das Album in sieben Tagen und Nächten, in kommunenhafter Kollektivarbeit in einer zum Proberaum ausgebauten Scheune in Brandenburg. Dort finden nun auch die Proben für das gemeinsame Theaterstück „Die Chöre der Angekommenen“ statt, das die Proteste von Geflüchteten am Berliner Oranienplatz zwischen 2012 und 2014 thematisiert und im Frühjahr 2017 aufgeführt werden wird.

Ich selbst bin Teil des Schwabinggrad Balletts und nehme an diesem Probenprozess teil. Die Tage in der Brandenburger Scheune sind von langen Diskussionen geprägt, in die unterschiedliche Arten von Wissen einfließen: vom Hungerstreik der Ikone des Protests am Oranienplatz, Napuli Paul Langa bis zur choreografischen Erfahrung der Dramaturgin Liz Rech und der Theatermacherin Sylvi Kretzschmar. Die Platte ist das bisher am besten gelungene Beispiel dieser Kollaboration, die versucht, Kunstproduktion zu einem Vehikel für eine gleichberechtigte, gemeinsame Praxis zu machen.

Gesungen wird auf Französisch, Englisch und in diver…

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