Wir spritzen zurück!

Ein neues Toy rüttelt am Monopol aufs Inseminieren. Das ändert die Spielregeln der Reproduktion.

Von Laura Méritt

Samen wird meist als männlich definiert und mit Spermium verwechselt. Die Bezeichnung Samen bezieht sich eigentlich auf Pflanzen und meint die Miniaturgewächse (Embryos) der nächsten Generation, die alles beinhalten, was die junge Pflanze zum Leben braucht. Auf Menschen übertragen entwickelten sich die unterschiedlichsten Vorstellungen, die die jeweiligen Geschlechterideologien und Machtstrukturen widerspiegelten. Eine besagte, dass der männliche Samen ein kleiner fertiger Mensch sei, der im Gefäß des Mutterleibs nur noch heranzureifen brauche. Andere gingen von weiblichen und männlichen Samen aus, die zusammenfließen müssen, um neues Leben entstehen zu lassen.

© Stephanie F. Scholz

Mit der Entdeckung der Befruchtungsvorgänge im 19. Jahrhundert setzte sich aber das Bild des männlichen Samens endgültig durch. Ab diesem Zeitpunkt der „Aufklärung“ (ein Spermium = männliche Keimzelle in einer Eizelle) verschwindet nicht nur der weibliche Samen, sondern auch das Wissen um die „weibliche Ejakulation“ sowie alles, was an Lust und Sexualität der Frau jenseits des Fortpflanzungsaktes existiert. Sexualität wird mit Reproduktion gleichgesetzt, Zeugungsfähigkeit und Potenz Männern zugeschrieben.

Glücklicherweise lassen sich Definitionen ändern. Es ist ein großer Erfolg der sexpositiven Frauenbewegung, dass die Prostata und die Ejakulation von Personen mit Vulvas zunehmend ins Allgemeinwissen sickern. Heute formulieren Cisfrauen und Transpersonen selbstbewusst und lustvoll plakativ: „Wir spritzen zurück!“ Jetzt hat Stephanie Berman aus Boston den ersten spritzenden Silikondildo „PoP – The Semenette“ präsentiert. Da unsere US-amerikanischen Schwestern weniger Berührungsängste mit Kommerz und Correctness haben, ist die Bezeichnung entsprechend direkt und explizit gewählt: „to pop“ heißt so viel wie knallen, ficken, poppen. „Semenette“ ist eine Wortschöpfung, die an Seminette (ein Gerät, das bei Haus- und Nutztieren der Einführung des Spermiums in die Gebärmutter dient) angelehnt ist und Samen (engl. semen) assoziiert. Zweifelsohne ist der Name ideologisch aufgeladen und reproduziert das alte Penis-Vagina-Modell (abgesehen davon müsste es richtigerweise „Sperminette“ heißen). Die Nachahmu…

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