Die schmerzhafte Realität der Chris Kraus

In ihrem Kultroman „I love dick“ erzählt die Autorin Chris Kraus radikal von Begehren und Intellektualität.

Von Christina Mohr

Seit einigen Monaten kann man via Amazon Prime den Pilotfilm zur Serie „I Love Dick““ streamen, die nun startet. Kevin Bacon spielt darin den ebenso machohaften wie charismatischen Einzelgänger Dick, dem das Intellektuellenpaar Chris und Sylvère mit Haut und Haaren verfällt. Gedreht wurde „I Love Dick“ von der US-amerikanischen Comedienne und Regisseurin Jill Soloway, die auch die TV-Serie „Transparent“ über Transidentität und Familie erfunden und produziert hat. Mit der humorvollen Vermittlung feministischer und queerer Thematiken hat Soloway also Erfahrung – im Fall von „I Love Dick“ will das Herunterbrechen auf fernsehgerechte Pointen und das Reduzieren der Protagonist*innen auf die Rollen nerdiger Hipster aber nicht so wirklich passen.

„Als ‚I Love Dick‘ 1997 herauskam, hassten zwei Drittel der Leser das Buch, das übrige Drittel liebte es umso heftiger“ Chris Kraus © John Kelsey

Denn die Serie beruht auf dem gleichnamigen, inzwischen legendär gewordenen Roman der New Yorker Autorin und Filmemacherin Chris Kraus, der jetzt – zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung des Originals – auf Deutsch erscheint. „Als ‚I Love Dick‘ 1997 herauskam, hassten zwei Drittel der Leser das Buch, das übrige Drittel liebte es umso heftiger“, gab Kraus einmal in einem Interview zu Protokoll. Und tatsächlich polarisiert der Roman durch seine radikale Offenheit und sein unbedingtes Bekenntnis zu Intellektualität bei gleichzeitig expliziter Darstellung von Sex und Körperlichkeit. Ohne Zweifel hat Chris Kraus mit „I Love Dick“ den Weg für Serien wie Lena Dunhams „Girls“ oder Bücher wie Sheila Hetis „Wie sollten wir sein?“ geebnet.

Dass die 1955 in New York City geborene und in Neuseeland aufgewachsene Kraus trotz ihres unstrittigen Einflusses auf jüngere feministischefeministische Autorinnen weitgehend unbekannt ist und allenfalls den Status einer Underground-Ikone genießt, mag daran liegen, dass ihre Filme und Bücher sperrig, anspruchsvoll und wenig gefällig sind. Im Roman „Aliens & Anorexia“ (2000) plädiert sie etwa für eine philosophische Sichtweise von Magersucht, in „Torpor“ (2006) erzählt sie von „wurzellosen Kosmopoliten“, jungen Jüdinnen und Juden, die nach der Emigration ihrer Familien während des Zweiten Weltkriegs in die USA in den 1990ern nach Deutschland und Osteuropa zurückkehrten.

Die Werke von Chris Kraus zeichnen sich durch dialogische Bezugnahmen auf andere Autor*innen aus – auch „I Love Dick“ ist streng genommen kein Roman, vielmehr verknüpft die Autorin Briefe, Gespräche, Zitate,Tagebucheinträge, Essays und Roadmovie-Elemente zu einer heterogenen, herausfordernden …

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