Who Run The World? Girl, Girls!

Kick it like Rihanna – Immer mehr weibliche Sneakerheads erobern die Sneakerszene.

08.02.17 > Mode & Beauty

Von Valerie-Siba Rousparast

Der „Schuhtick“ ist eines dieser Phänomene, das Marketingexpert*innen erfunden haben – ein unstillbarer Hunger nach Mode und Accessoires, der größer ist als der Appetit auf Essen und Carrie Bradshaw in „Sex And The City“ dazu verleitet, ihre High Heels im Backofen zu verstauen. Und auf diese bezieht sich der „Schuhtick“ – der in der Werbung immer noch vor allem Frauen zugeschrieben wird – auch. An Sneaker denkt man dabei selten. Das Sammeln und Weiterverkaufen von Sneakers und das Bloggen über die neuesten Designs waren bislang eine Männerdomäne. Frauen sind in der Sneakerszene zahlenmäßig noch unterrepräsentiert. Aber das ändert sich gerade.

© Meryem Slimani / the curvynista
© Meryem Slimani / the curvynista

Turnschuhe gibt es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie in den USA als „Sneakers“ bekannt. Der Markt wuchs, als Sport, besonders für Männer, zu einem wichtigen nationalpatriotischen Bestandteil der US-amerikanischen Kultur wurde. In Deutschland kreierte derweil nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg Adolf Dassler seine eigenen Turnschuhe in der Waschküche seiner Mutter und gründete einen der wichtigsten Sportmodekonzerne der Welt. In den 1950er-Jahren wurde es für breite Bevölkerungsschichten üblicher, „Freizeit“ zu haben und diese in bequemer Kleidung zu verbringen. Erstmals wurden Sneaker auch abseits des Sportplatzes getragen. Und auch für Frauen lockerte sich der Zwang, durch den Tag stöckeln zu müssen.

Heute sind Instagram, Pinterest und Tumblr voll mit ästhetisch in Szene gesetzten Sneakers. Ganze Printmagazine widmen sich einzig und allein diesem Schuhwerk. Die Bilder sind dabei meist heteronormativ geprägt. Es gibt beispielsweise Kalender mit Frauen, die nichts tragen außer Nike Air Jordans. Viele der Darstellungen im Netz stammen von Sneaker-Fans. Doch es gibt auch Projekte, die dieser Bildsprache etwas entgegensetzen. Der Blog „FEMYEAH“, der bis Anfang 2017 unter „snkr.art“ bekannt war, fokussiert explizit den Schuh und nicht den Körper dessen Träger*in.

Die Betreiberinnen des Blogs, Lisa Winter und Agathe Firlewicz, begannen vor ein paar Jahren, ihre neuesten Sneakertrophäen zu fotografieren und diese im Internet zu präsentieren. Dabei fiel ihnen auf, dass die Inszenierung der Fotos bestimmten Trends folgt. „Wenn man zum Beispiel Instagram durchschaut, fällt auf, dass männliche Shots eher dunkel sind und so eine Art Bad-Boy-Touch haben. Shots von Liebhaberinnen sind überwiegend hell, farblich abgestimmt und vermitteln eine perfekt inszenierte
Umgebung“, erklärt Agathe.

Die Sneakerszene kann ein hartes Business sein: Viele der Schuhe aus limitierten Editionen haben schon bei ihrem Erscheinen Sammlerwert. Teenager schleppen ihre Eltern in die Stores, nachdem sie sie dazu überredet haben, ein paar Hundert Euro locker zu machen und bis zum Release vor dem Laden zu campen. Geschäftstüchtige Sneakerheads nutzen dieses Prinzip der Exklusivität, mit dem Marken wie Adidas, Nike und New Balance ihre Schuhe vermarkten, für eigennützige Zwecke. Sie verbringen ihre Zeit damit, die Schuhe vor allen anderen im Internet zu bekommen, und verkaufen sie anschließend zu Preisen weiter, die oft ein Vielfaches des Originalpreises betragen.

Das funktioniert bisweilen so gut, dass Vereinzelte dadurch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Manchmal werden aber in den Läden sogar Lose verteilt, mit denen man das Kaufrecht für den neuen Schuh gewinnen kann. Diese sogenannten
„Raffles“ eskalieren schon mal. Erst kürzlich kam es vor einem Store in Vancouver zu einer Schlägerei – es ging um ein Paar Adidas NMD x Bape. Auch bei Übergaben von Privatverkäufen kommt es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen, weshalb in den USA inzwischen der szeneinterne Tipp kursiert, sich für die Kaufübergaben an sicheren Orten wie in öffentlichen Gebäuden – also vor Zeug*innen – zu verabreden.

© femyeah.com
© femyeah.com

Es gibt aber auch Solidarität in der Szene. Unter Freund*innen
verhilft man sich mit sogenannten „Hook-ups“ gerne zu neuen Liebhaberstücken, indem man Schuhe füreinander besorgt und ohne Aufpreis weitergibt. Abgesehen von neuen Releases sind auch Vintagemodelle wichtiger Teil einer echten Sneakersammlung. Dead-Stocks, Schuhe aus alten Kollektionen, die noch ungetragen in ihrem Karton darauf warten, ausgeführt zu werden, sind oft besonders viel wert. Als Person mit kleineren Füßen hat man hier einen entscheidenden Vorteil – kleine Größen sind einfacher zu finden. Der Sneaker ist nicht mehr nur ein Konsumobjekt, sondern ist zum Lifestyle geworden. Will man vergriffene Sneaker ergattern, frequentiert man Facebook-Gruppen und Instagram. Um dort Aufmerksamkeit für Suchanfragen zu erlangen, verwenden Mitglieder gerne
Platzhalterbilder mit nackten Frauen. Nicht selten führen Diskussionen um besonders beliebte Schuhe in solchen Facebook-Gruppen zu rassistischen, sexistischen und ableistischen Aussagen. Das geht so weit, dass „rape“, also Vergewaltigung, in der Szene
als Synonym für  den überhöhten Preis eines Sneakers verwendet wird. Manche Gruppen tolerieren dieses Verhalten jedoch nicht. „Please remember we do have females in this group as well, so stay respectful. The N word also will not be tolerated. Also the term rape is not to be used to describe a overpriced item“, wie es beispielweise in der Facebook-Gruppe „Asics, New Balance and Saucony“ heißt. Das Phänomen, dass große Gruppen von Männern untereinander Dynamiken entwickeln, die frauenverachtend sind, ist leider auch in der Sneakerszene anzutreffen.

Agathe von „FEMYEAH“ erklärt das so: „Ich hab das Gefühl, dass das Konkurrenzdenken bei den Jungs im Vordergrund steht. Der typische Längenvergleich kommt auch in der Sneakerszene durch. Wer hat den besten, seltensten, teuersten Schuh. Das ist bei den Mädels nicht so. Jedes Girl hat ihre Daseinsberechtigung in der Szene und den Support untereinander empfinde ich als sehr positiv.“ Ihre Kollegin Lisa konstatiert, dass Frauen in der Szene immer noch in der Minderheit sind, aber beide finden, dass das auch Vorteile hat. Zum Beispiel gebe es noch viel Raum, um einen eigenen Stil zu prägen und eine weibliche Stimme in die Sneakerszene hineinzutragen. „Die weibliche Szene hat viel Kraft und noch eine ganze Menge Potenzial“, sagt Agathe.

Die Sneakerheads Agathe Fir ewicz und Lisa Winter bloggen auf „femyeah.com“
über ihre liebsten Schuhe.

Als Kundinnen, Designerinnen, Stylistinnen, Bloggerinnen, Marketingexpertinnen und Händlerinnen haben Frauen schon lange ihren Platz in der Szene erkämpft. Immer mehr weibliche Sneakerheads begreifen ihr Hobby auch als Teil persönlicher Emanzipation. Dadurch, dass Sneaker so lange männlich konnotiert waren, hat es für manche Frauen auch jetzt noch etwas Bestärkendes, sich für Schuhe zu entscheiden, in denen man locker zur Arbeit joggen kann. Im Hip- Hop und R’n’B sind Sneaker inzwischen nicht mehr wegzudenken und Stars wie Rita Ora und Rihanna (die in Interviews erzählt, dass sie schon mit 14 gerne in Sneakers und Baggypants anstelle von Kleid und High Heels in den Club marschiert sei) kollaborieren immer häufiger mit großen Sneakerlabels. Die Shops Naked  in Kopenhagen und Alma in Köln verkaufen schon jetzt nur noch ausschließlich Modelle für Frauen und Kinder. Denn wer sicher mit beiden Füßen auf dem Boden steht, die*den wirft so schnell nichts um. Oder um Marilyn Monroe zu zitieren: „Give a woman the right shoes and she will conquer the world.“

 

 

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