Wege in die Freiheit

In China gehen Lesben Ehen mit Schwulen ein – für viele die einzige Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

27.02.17 > Sex & Beziehung, Welt

Von Katharin Tai

Als ich aufgewacht bin, habe ich meinen Augen fast nicht getraut – ich dachte, dass ich Ordnung machen müsste, nachdem wir gestern so viele Gäste bewirtet hatten, aber alles war aufgeräumt und sauber. Fast hätte ich gedacht, dass wir einen Geist in der Wohnung haben!“ Mit vielen Smileys garniert beschreibt Rugo den ersten Tag ihres Ehelebens auf der chinesischen Plattform WeChat. Am Tag zuvor hat sie dort ein Bild von sich und ihrem frisch gebackenen Ehemann gepostet: wie sie in die Kamera lächeln und zwei dunkelrote Büchlein mit goldener Aufschrift hochhalten – ihre Heiratslizenzen. Doch Rugo hat nicht aus Liebe geheiratet, sondern aus Pragmatismus. Sie ist lesbisch, ihr Mann, mit dem sie seit der Grundschule befreundet ist, ist schwul. Und sie sind nicht alleine: In Foren, Apps und Chatgruppen suchen lesbische Frauen und schwule Männer in China nach einem*r homosexuellen Partner*in, den*die sie heiraten können.

Ein Geschäft mit Hochzeitskleidern in China. © Katharina Tai

Wer in Chinas Hauptstadt Kontakte zur Queer Community sucht, kann sich an verschiedene NGOs wenden – allen voran das Beijing LGBT Center. In einem unscheinbaren Bürogebäude im Nordosten Pekings organisiert das Zentrum Workshops, Talks und Englischkurse. „Früher hatten wir Events, bei denen die Leute Partner*innen für Scheinehen finden konnten“, erinnert sich Xiao, eine Mitarbeiterin des Zentrums. Warum es diese Veranstaltungen nicht mehr gibt? „Wir stehen Scheinehen neutral gegenüber – wir unterstützen sie nicht, sind aber auch nicht dagegen“, antwortet sie ausweichend.

Trotzdem fallen den Mitarbeiterinnen des Beijing LGBT Center auf Anhieb gleich mehrere Frauen ein, die in queer-freundlichen Umfeldern offen mit ihren Scheinehen umgehen. Innerhalb weniger Stunden ist über WeChat der Kontakt zu verschiedenen Personen hergestellt, die sich bereit erklären für ein Interview. Fotografiert oder bei ihrem richtigen Namen genannt werden möchten allerdings die wenigsten. Schließlich ist es der Zweck dieser Ehen, eine Fassade für das familiäre und soziale Umfeld aufzubauen und so dem allgegenwärtigen Heiratsdruck und arrangierten Blind Dates zu entkommen. Auf keinen Fall sollen Familie oder Bekannte herausfinden, was hinter den glücklichen Hochzeitsbildern steckt.

Oft wird der chinesische Begriff für diese Ehen, „xinghun“, mit „Vertragsehe“ übersetzt – auch um zu betonen, dass die Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. Wer eine*n Partner*in sucht, kann in den diversen Gruppenchats, Foren, Vermittlungsevents oder Apps ohne Umschweife klarmachen, was wichtig ist: maximales Alter des*der Ehepartner*in, Kinderwunsch, bevorzugter Herkunftsort, gemeinsamer Haushalt oder nicht. Der gesamte Prozess ist sehr formalisiert, nur in Ausnahmefällen heiraten wie bei Rugo Jugendfreund*innen. Wie viele schwule und lesbische Chines*innen in einvernehmlichen Scheinehen leben, ist unklar. Zhang Beichuan, Professor an der Medizinuniversität Qingdao, schätzt, dass neunzig Prozent aller schwulen Chinesen verheiratet sind. Wie verlässlich diese Zahl ist, ist umstritten und für Lesben gibt es gar keine vergleichbaren Statistiken. Auch wenn bereits 2001 etwa eine prominente Sexualwissenschaftlerin eine Gesetzesänderung forderte, sind gleichgeschlechtliche Ehen in China bislang verboten.

Die Gründe, warum lesbische Frauen Scheinehen eingehen, sind unterschiedlich. Viele nennen familiären und sozialen Druck – die Vorstellung, dass mit einer Frau, die keinen Mann hat, etwas nicht stimmt, ist weitverbreitet. In den letzten Jahren hat sich aber noch ein anderes Narrativ etabliert: Die Frauen seien zu anspruchsvoll und würden Männer ablehnen, die es doch eigentlich verdient hätten, sie zu heiraten. Wer als Frau mit Ende zwanzig noch nicht unter der Haube ist, wird von den chinesischen Medien wenig schmeichelhaft „shengnü“ genannt, eine „Restfrau“.

Um zu verhindern, dass ihre Töchter zu „Restfrauen“ werden, legen sich Eltern und Verwandte unverheirateter Frauen richtig ins Zeug. Kim, die in der Verwaltung einer Pekinger Universität arbeitet, kennt das nur zu gut. Auf WeChat wirkt sie routiniert, macht keinen Small Talk und schlägt als Treffpunkt ein ruhiges Café im Untergeschoss eines Einkaufszentrums vor. An einem Tisch fernab von den anderen Gästen erzählt sie von ihrer Familie: Ihre Eltern haben sie lange in Ruhe gelassen, doch sie bekam E-Mails, Anrufe und SMS von ihrer Tante. Wenn sie zum Frühlingsfest, dem chinesischen Neujahr, nach Hause in ein Dorf in Nordchina fuhr, kamen die Fragen: „Solltest du nicht langsam mal ans Heiraten denken? Wann bekommst du Kinder?“

Kun Shou,…

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