Get Out Of My Hair

Für viele Queers und BPoC wird der Friseur*innenbesuch zur ­haarigen Angelegenheit – und zu Community-Matters.

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist ein windiger Februartag in Hoxton, einem Stadtteil im Osten Londons. Die Gegend wirkt ein wenig trostlos, denn obwohl sonntags die Geschäfte geöffnet haben, sind hier mehr geparkte Autos als Menschen zu sehen. Wohnblocks aus beigebraunen Ziegelsteinen reihen sich hintereinander. Auf einem Balkon weht ein Union Jack im Großformat. Gleich hinter der Siedlung befindet sich neben einem kleinen türkischen Supermarkt und einem Waschsalon ein Friseurladen. Mit seiner leuchtend roten Fassade hebt er sich von der sonst farblosen Umgebung ab. Die Retro-Ästhetik des Ladens namens Open Barbers erinnert auf den ersten Blick an jene heteronormativen Rockabilly-Schuppen, in denen Männern der Bart frisiert und die frisch geschnittene Tolle gegelt wird. Doch das hier ist alles andere als ein nostalgischer Barbier.

Gregory ist Mitbegründer des queeren Salons „Open Barbers“ in London.

Im Unterschied zu vielen anderen Herrenfriseuren herrscht hier eine entspannte, herzliche Atmosphäre. Schon der barrierefreie Zugang hebt den Laden von den üblichen Friseursalons ab. Rechts steht ein großer Tisch mit Stühlen, an dem jemand am Laptop arbeitet. Links sitzen zwei Leute auf Sofas, die eine blättert durch ein Buch, die andere unterhält sich mit dem Typen, der der Person auf dem Frisierstuhl gerade die nassen Haare kämmt. Der Friseur heißt Greygory Vass und hat den Laden im März 2011 mit Klara Vanova gegründet. Mittlerweile leitet er ihn gemeinsam mit Felix Lane und arbeitet mit einem Team aus festen und freiberuflichen Friseur*innen zusammen, darunter auch Hank Bobbit von BUTCH CUT aus Berlin.

Was ihn dazu motivierte, einen eigenen Friseursalon zu eröffnen, waren unter anderem die geschlechtsabhängigen Maßregelungen, mit denen viele Personen, besonders queere, beim Haareschneiden konfrontiert werden. Viele Frauen und Femmes mit langen Haaren erzählen, dass sich ihre Friseur*innen geweigert hätten, ihnen Kurzhaarfrisuren zu schneiden. Personen, denen Geschlechter­uneindeutigkeit zugeschrieben wird, müssen sich oft auf dem Frisierstuhl erklären – und noch häufiger darüber streiten, ob sie nun den Männer- oder Frauenpreis zahlen sollen, den es in vielen Salons unabhängig von der Haarlänge immer noch gibt. Auch das Anprangern von haarigen und dicken Körpern ist keine Ausnahme in Friseursalons. Personen of Color mit dicken Haaren werden zudem häufig exotisiert und erhalten nicht das gewünschte Ergebnis. Deshalb entscheiden sie sich immer öfter dafür, sich von Freund*innen die Haare schneiden zu lassen.

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