Warum „Germany’s Next Topmodel“ nicht so scheiße ist, wie ihr denkt

Unsere Kolumnistin Debora Antmann schaut GNTM nicht, obwohl sie Feministin ist, sondern weil.

25.07.17 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Ich schaue seit Jahren „Germany’s Next Topmodel“ („GNTM“) mit Hingabe und Freude und muss zugeben, ich bin hardcore gelangweilt, wenn Leute mir mit blablabla Sexismus blablabla Körpernormen blablabla Ausgeburt der unfeministischen Hölle blablabla kommen. Guess what: Ich schaue „GNTM“ nicht nur, obwohl ich Feministin bin, sondern sogar weil!

We Can Do It – vielleicht. © Tine Fetz

1. Frauen im Fokus
Mir fallen nur wenige TV-Formate ein, in denen ausschließlich Frauen im Fokus stehen. Like srsly, fast jede einzelne Folge von „GNTM“ würde den Bechdel-Test bestehen und das ist doch schon mal was. Es geht um Frauen und ihre Karrierevorstellungen und ja, die sind kapitalistisch und körperbezogen, aber zumindest beim Zweiten sehe ich kein Problem und beim Ersten who is not???

Und warum ausgerechnet Frauen für ihre Karrierewünsche bashen? Das ist nicht neu und nennt sich Sexismus. Und da wären wir auch schon bei Heidi Klum. Ihr wird vorgeworfen, mit dem Format ordentlich Kohle zu scheffeln. Ich verrate euch mal was: Die Leute, die in der Modebranche mit Abstand am meisten verdienen, sind cis Typen. Ausgerechnet eine der wenigen erfolgreichen Frauen für das Elend und die Schieflage dieser Branche verantwortlich zu machen, ist genauso boring.

Ich finde es tatsächlich zur Abwechslung ausgesprochen erholsam, flimmernde Bilder vor mir zu haben, in denen fast ausschließlich Frauen zu sehen und zu hören sind, sie mit Abstand die meiste Sendezeit haben und das Geschehen dominieren. Urlaub für meine Sehgewohnheiten. Zumindest irgendwie …

2. Aber die Schönheitsnormen!!!
Tja, daaaas vermeintliche Argument gegen „GNTM“. Aber ernsthaft, habt ihr in den letzten 20 Jahren mal den Fernseher oder das Internet angemacht? Da sehen IMMER ALLE so aus und zwar komplett unkommentiert und dadurch noch viel normalisierter. Da sind es keine Models, sondern das vermeintliche Mädchen von nebenan, die Zahnärztin oder die Verlobte. Verkorkste Schönheitsideale sind bei „GNTM“ so easy auszupointen, dass ich sie für 1000 Mal ungefährlicher halte als in jedem anderen Format, bei dem das unerwähnt und unspezifiziert halt einfach so ist.

Ich schwanke immer zwischen: „wenn den Leuten erst bei ‚GNTM‘ auffällt, dass wir in dieser Gesellschaft ein Problem mit Körpernormen haben, ist eh alles zu spät“ und „immerhin fällt es ihnen auf, vielleicht ist ‚GNTM‘ sogar irgendwie pädagogisch wertvoll“. „GNTM“ erfindet diese Schönheitsideale nicht, sondern macht sie sichtbar – und ist dabei „immerhin“ explizit. Denn Sendungen ohne Model-Content produzieren nicht weniger Bilder, die uns lehren, dass wir auch während unseres Medizinstudiums, der Hausarbeit, dem Vorantreiben unserer Karrieren und der Erziehung unserer 1,3 Kinder immer jung, mindestens 1,70 m groß und maximal 45 kg schwer sein sollten – und das viel selbstverständlicher und alltagsbezogener.

3. Mal nicht die Freundin von oder auf der Suche nach …
„GNTM“ ist heteronormativ, ohne Frage, und trotzdem sind die Protagonistinnen mal zur Abwechslung nicht einfach nur die Freundin von oder auf der Suche nach irgendeinem Typen. Zumindest ist es nicht das, worum es geht. Die Typen der Teilnehmerinnen sind (fast) nie zu sehen und spielen keine primäre Rolle. Die Frauen werden nicht als das Beiwerk eines Dudes inszeniert, sondern wenn, dann ist es andersrum. Natürlich sprechen einige der Kandidatinnen ständig von ihren Boyfriends, aber wie auch nicht, schließlich sind sie Kinder dieser Gesellschaft. Und immerhin haben sie den Typen für ein paar Monate sitzen lassen, um ihrem Traum nachzugehen. Auch das ist ein Gegenmodell zu klassischen Rollenbildern.

4. Die Modebranche macht sich besser im Lebenslauf
Ein ebenso wichtiger Punkt, auf den mich ein Freund gebracht hat, ist der Umstand, dass die Modewelt eine der wenigen Kontexte ist, in denen trans Frauen eine Chance auf Karriere haben. Nach wie vor ist Sexwork die größte Sparte, in der trans Frauen arbeiten und unter Umständen (!!!) okay Geld verdienen können. Die Arbeit als Model wird in den letzten Jahren jedoch zunehmend (für einige) zu einer realistischen Alternative. Auch bei „GNTM“ wird diese Entwicklung sichtbar. Und leider ist unsere Gesellschaft so geschaffen, dass Sexwork nicht als Karriere, das Model-Business aber durchaus als solche anerkannt wird.

Mir ist schon klar, dass „GNTM“ kein queerfeministisches Format ist und vom Setting grundsätzlich rassistisch, sexistisch, klassistisch, homo- und transfeindlich ist, und genauso ist mir klar, dass die Diversität, die zu sehen ist, einer Verwertungslogik entspricht und entsprechen muss. Aber trotzdem bin ich der Überzeugung, dass ausgerechtet dieses Format als Sinnbild für Kackscheiße zu verteufeln, falsch, faul und unfeministisch ist. Ausgerechnet dieses frauendominierte Format zum Ursprung allen Übels zu erklären, ist eher Teil des Problems, als ernstnehmbare Systemkritik. Und das sage ich als kleine dicke jüdische Lesbe auf Krücken, die von einem Konzept wie „GNTM“ mit Sicherheit auch niemals profitieren wird.


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