Radikal entblösst

Im aktuellen Heft bespricht Missy-Autorin Sonja Eismann feministische Literatur aus Frankreich.

Von Sonja Eismann

Ein perfektes Kindermädchen wird zur Mörderin. Eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen steigt zur Starköchin auf. Eine Schriftstellerin blickt auf sieben Jahrzehnte Frauenleben zurück.

Marie NDiaye ©Heike Steinweg

Zunächst scheinen diese drei Romanübersetzungen aus dem Franzö­sischen – außer dem Geschlecht und der Nationalität der Autorinnen – nichts gemeinsam zu haben. Doch der Kitt, der diese in Frankreich hochgelobten Werke verbindet, ist ein Gefühl sozialer Scham.

Der schockierendste und dabei mitreißendste der drei Romane, die alle pünktlich vor dem Frankreich-Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse erscheinen, ist wohl der der franko­marok­kanischen Autorin Leïla Slimani. Bereits in ihrem Erstling über eine sexsüchtige Frau in einer biederen Ehe hatte sie ein provokantes Thema angepackt. Ihr neues Buch beschäftigt sich, im gleichen nüchternen, kühl beobachtenden Tonfall, mit einem jun­gen Pariser Ehepaar, das, um die Ehefrau aus ihrer postnatalen Ver­stimmung zu retten und ihr den Wiedereintritt ins Arbeitsleben zu er­ möglichen, ein Kindermädchen sucht. In der zurückhaltenden Louise fanden sie die perfekte Nanny, die sich bis zur Selbstaufgabe um die beiden kleinen Kinder kümmert und dabei noch den gesamten Haus­ halt schmeißt. Nur in Schlaglichtern wird die prekäre ökonomische Existenz Louises sichtbar, ihre Fremdheit in der bourgeoisen Welt, in der ihre Chefin Myriam ihr abgelegte Kleidung schenkt, ihr absoluter Wille, sich anzupassen und ihr gleichzeitiger Hass auf die, die alles haben.

Eines Abends findet Myriam das Gerippe eines Hühnchens, das sie für verdorben befunden und in den Mülleimer geworfen hatte, wie ein Totem auf ihrem Esstisch aufgebaut. Louise hat es aus dem Mülleimer geholt und jegliches Fleisch säuberlichst von den Knochen geputzt. Dass zwischen beiden Frauen eine unausge­sprochene Komplizinnenschaft der Scham besteht – die ara­bischstämmige Myriam ist eine Aufsteigerin, die mit ihren Kin­dern kein Arabisch spricht und auf keinen Fall ein arabisches Kindermädchen einstellen will –, arbeitet Slimani in meisterhaft beiläufigen Details heraus, die die gemeinsame Höllenfahrt zum Tod der Kinder auf sinistre Weise beleuchten.

Das neue Werk der bereits mit vielen Preisen dekorier­ten Franko-Senegalesin Marie NDiaye (siehe Bild oben) präsen­tiert mit der ihr eigenen, fast ba­rocken Wortgewalt hingegen eine Protagonistin, die sich weigert, aufgrund ihrer extrem ärmli­chen Herkunft Scham zu empfin­den – und dabei von genau dieser Scham eingeholt wird. „Die Che­fin“ hat im Roman keinen Namen und bildet doch dessen Mittel­punkt, während sie sich ihm gleichzeitig entzieht, nur durch die Erinnerungen eines viel jün­geren, in sie verliebten Kollegen präsent. Sie schafft wie durch ein Wunder den Aufstieg aus dem Nichts zur renommierten Che­ n eines Gourmetrestaurants. Ihre minimalistische Küche und ihre unprätentiöse Art, beinahe aggressiv in der Zurückweisung von Bling­-Bling, sind das genaue Gegenteil ihrer verwöhnten Tochter. Diese zerstört mit ihrer angestrengten Anpassung an geldgetriebene Lebensstile das Werk ihrer Mutter.

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