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Lady Di – eine Erinnerung

Prince Charles war Dianas Zukunftssicherung; ihn zu heiraten, seine Frau zu werden, war ihre Karriere.

31.08.17 > Europa

Von Jacinta Nandi

„Ich war so jung wie Lady Diana, als ich deinen Vater geheiratet habe“, sagte meine Mama oft, als ich noch eine Teenagerin war. „Ich war nur ein Mädchen. Aber damals sollten Mädchen geheiratet werden.“ Ich glaube, viele Teenagerinnen in den 1990er-Jahren haben diesen Satz gehört. Ich verdrehte meine Augen – der Satz klang in meinen Ohren wie ein Vorwurf. Heute weiß ich, dass der Vorwurf berechtigt war. Meine ganze Existenz baut auf der Unterdrückung meiner Mutter auf und meine Emanzipation auf der Arbeit ihrer Generation, sich von dieser Unterdrückung zu befreien.

„Vieles an der Kritik, die an Princess Diana geübt wurde, ist frauenfeindlich.“ © Wikimedia Commons/Auguel/CC BY-SA 4.0

In Großbritannien nannten wir Diana immer Lady – bis sie starb. Lady Diana, wenn wir respektvoll sein wollten, Lady Di, wenn wir normal redeten oder sogar herablassend sein wollten. „Lady Di’s got her tits out again“, sagte man, wenn sie ein tief geschnittenes Kleid trug und es wieder mal auf die Titelseite der Boulevardzeitungen geschafft hatte. Erst nach ihrem Tod wurde sie zur „Princess“: Prinzessin Diana, Königin unserer Herzen, the people’s princess. Paradox ist: Sie ist als Lady berühmt geworden, war aber eigentlich nur ein Mädchen. Es ist gar nicht sexistisch, finde ich, die 19-jährige, schüchterne Diana Spencer, die mit Charles verlobt war, als Mädchen zu bezeichnen. Wenn man sich heute die Clips von ihr ansieht, kann man das Kind in ihr nicht übersehen – sie lief, elegant, aber auch unbeholfen, wie ein Giraffenbaby, das gerade laufen lernt.

Vieles an der Kritik, die an Princess Diana geübt wurde, ist frauenfeindlich – und auch voller Widersprüche.  Diana war angeblich „dumm“ – aber auch „manipulativ“. Sie war angeblich nur beliebt, weil sie schön aussah – aber sie sah nicht besonders gut aus. Sie war langweilig, spießig – aber auch psychisch labil. Und wahrscheinlich ist das Frauenfeindlichste, das je über sie gesagt wurde, dass es sich nicht lohnen würde, sie umzubringen, weil sie sowieso bald „alt“ werde.

Das unqualifizierte Kindermädchen, das sich mit Prince Charles verlobte, war dafür berühmt, dass sie die Schule mit 16 Jahren verlassen hatte – und so gut wie keine Qualifikationen hatte. Nur ein „O-Level“ hat sie hingekriegt – in bildender Kunst. Meine Mama, sechs Jahre älter als Diana, Jahrgang 1955, hat viel besser abgeschnitten und all ihre O-Levels geschafft, abgesehen von Französisch! Trotzdem sollte sie mit 16 als unqualifizierte Bürokraft im Büro einer Zigarettenfabrik arbeiten. Meine ältere Stiefschwester, Jahrgang 1969, hatte die Schule verlassen, bevor sie ihre O-Levels überhaupt schreiben konnte. Sie ging in einer Fabrik arbeiten, und der Chef gab ihr immer genau den einen Tag frei, an dem sie eine O-Level-Prüfung schreiben sollte. Damals war’s in Großbritannien nicht wichtig, dass die Frauen einen Beruf lernen. Viel wichtiger war, dass sie lernten, sich anzupassen. „There’s no point paying for girls to get an education!“, sagte mein Opa der Schuldirektorin meiner Mutter. „They’re just going to get married anyway.“ Die Oberschicht und die Arbeiterklasse waren sich da einig.

Prince Charles war Dianas Zukunftssicherung; ihn zu heiraten, seine Frau zu werden, war ihre Karriere. Dass dieser Mann, mit seiner teuren Schulbildung und durchschnittlichen Schulleistungen als Intellektueller verkauft wird, kann mit seiner Vorliebe für altmodische Architektur erklärt werden. Besonders intelligent oder originell ist er nie gewesen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Der Vorwurf, Diana sei „manipulativ“, trifft es besser, denke ich, aber ich denke auch, dass man ihre Fähigkeit, die Medien zu benutzen, um ein Bild von sich zu produzieren, loben sollte. Diana war nicht wirklich „schön“ – ihr Gesicht war interessanter als das –, sanft, aber auch hart – und sie war auch fotogen, als plötzlich die Medien überall waren, Paparazzi losschickten und Bilder haben wollten. Diana gab ihnen, was sie wollten. Sie war wie Cleopatra – eine Frau, die wusste, dass sie Macht gewinnen kann, wenn sie sich richtig inszeniert. Viele Bilder von Diana, die uns in Erinnerung geblieben sind, sind von Diana selbst bewusst inszeniert worden. Vor dem Taj Mahal z. B., als sie alleine dasaß und auf Charles wartete, um der Welt zu zeigen, wie unglücklich und einsam sie war. Bilder, auf denen sie Kinder umarmte, Bilder, auf denen sie mit ihrem späteren Geliebten Dodi Al-Fayed auf einer Yacht rumhängt.

Die schockierendsten Bilder, die Diana produzierte, sind die Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie sie durch ein Feld voller Landminen läuft. In den 1980er-Jahren erschien sie als unsicheres Mädchen, das eine arrangierte Ehe mit dem zukünftigen König Großbritanniens eingeht  – jetzt aber lief sie so streng und stolz und entschlossen wie eine Kriegerin. „It’s not a political issue, it’s a humanitarian issue“, sagte sie genervt zu einem Journalisten, der ihr vorwarf, sich nicht neutral zu verhalten. Dass es eigentlich politisch ist, alle Menschen als Menschen zu behandeln, das war ihr nicht klar.

Du klingst wie eine Verschwörungstheoretikerin, wenn du sagst: Wenn sie nicht gestorben wäre, hätte sie vielleicht irgendwann mal bemerkt, dass humanitäre Probleme eigentlich politisch sind. Aber es ist leicht zu vergessen, wie mutig ihre Entscheidung war, in den 1980er-Jahren, Personen, die an Aids erkrankt waren, zu besuchen. Die Stigmatisierung war groß, ihre totale Ablehnung, sich dieser Stigmatisierung unterzuordnen, war etwas, das nur ein tapferer Mensch machen konnte. Woher kam dieser Mut, woher kam diese Ablehnung der Stigmatisierung, woher diese Identifizierung mit den Outsidern? Diana war nicht akademisch begabt, aber sie  hatte die Klugheit und Weisheit zu erkennen, dass auch sie wegen ihrer psychischen Probleme und ihrer Essstörung eigentlich zu den Outsidern gehörte – und dass man selbst nicht stärker wird, indem man die Schwachen in unserer Gesellschaft verurteilt.

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