Unsere toten Frauen

Ein Jahresrückblick auf Partner*innenschaftsgewalt entlarvt die Doppelmoral in Debatten über Frauensicherheit.

09.01.18 > Tove Tovesson
Profilfoto Tove Tovesson

Tove Tovesson
Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Von Tove Tovesson

Zum Jahresende öffnet sich das Zeitfenster, in dem in Deutschland vermeintlich zugehört wird, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Seit der Übergriffe in Köln zu Silvester 2015 sind die Deutschen neu sensibilisiert dafür, wie sexualisierte Gewalt gegen Frauen rassistisch instrumentalisiert werden kann. Suggestiv bis enttäuscht titelt die Giftschleuder „BILD“ kürzlich: „Sex-Mob-Attacken. So verhinderte die Bundespolizei ein neues Köln.“

Gewalt an Frauen wird so lange romantisiert, bis sie rassistisch instrumentalisiert werden kann © Tine Fetz

Erstens: Weckt mich, wenn ganz Deutschland verhindert wird. Zweitens: Sexualisierte Gewalt nicht von Sex unterscheiden zu können, ist leider nicht nur ein Problem der „BILD“, sondern, betrachten wir die parallel stattfindende Debatte über Liebestöter Nr. 1 und vermeintliche BDSM-Erfindung „Konsens“, flächendeckend. Drittens: Polizei, Justiz und Staat bieten Frauen keinen wirksamen Schutz vor Gewalt. Auch nicht an Silvester.

Dompropst Gerd Bachner sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ angesichts des Polizeiaufgebots zu Silvester in Köln: „Wir müssen lernen, mit Sicherheitskonzepten umzugehen, wie es etwa die Menschen in Israel seit 30 Jahren tun.“ Ja, ein wunderbar gewählter Vergleich, Deutschland, Israel, 30 Jahre, geht klar. Dass mehr Polizei ein ausgesprochen schlechter Indikator für mehr Sicherheit ist, geschenkt.

Ganzjährig sind insbesondere Frauen of Color, geflüchtete Frauen, trans Frauen, behinderte Frauen, Sexarbeiterinnen und andere marginalisierte Frauen nicht schützenswert oder sogar selbst staatlicher Gewalt ausgesetzt. Das wissen (diese) Frauen, weshalb sie sich gar nicht erst positiv auf Polizei und Justiz beziehen können, weder individuell noch politisch. Aber um Frauen geht es bei dem Ganzen eh nicht, die Diskussion ist vollends rassistisch gekapert.

Ganz selbstverständlich folgt aus dem gewaltsamen Tod eines Mädchens in Kandel durch ihren afghanischen Exfreund eine Diskussion um flächendeckende Alterstests bei jungen Geflüchteten. Nicht erst AfD-Verbrecher, sondern bereits Grünen-Politiker Boris Palmer faselt in vorauseilendem Volkszorngehorsam von einer Umkehr der Beweispflicht: „Wer nicht nachweisen kann oder durch eine Untersuchung nicht belegen will, dass er unter 18 Jahre alt ist, wird als Erwachsener behandelt.“ Was könnte da schon schiefgehen, außer die weitere Normalisierung von Entwürdigung geflüchteter Menschen, wie z. B. durch kolonialherrenhaft anmutende Nacktuntersuchungen, so geschehen in Berlin und Hamburg.

Die Forderung, einen geflüchteten Jugendlichen im Zweifelsfall als Erwachsenen zu behandeln, was in diesem Zusammenhang vor allem Unterschiede hinsichtlich des Straf- und Schutzrechts bedeutet, ist vor dem Hintergrund rassistischer Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktion besonders haarsträubend. Schwarzen Kindern und Jugendlichen wird Studien zufolge (siehe z.B. hier und hier) im gleichen Alter weniger Schutz zugestanden, sie werden für weniger unschuldig oder gar für reifer gehalten als weiße Kinder. Wenn wir Colorism berücksichtigen, ist begründet zu vermuten, dass es für nicht-Schwarze Jugendliche of Color ähnliche rassistische Annahmen gibt, die bereits vor Viktimisierung oder Täterschaft greifen.

Abgesehen davon ist es ein Schlag ins Gesicht für Überlebende von sexualisierter Gewalt oder Partnergewalt, sich selbst im Moment der Thematisierung dieser Gewalt zusätzlich vor Rassismus bzw. vor rassistischer Vereinnahmung schützen zu müssen. Wir wollen eure White-Pride-Knight-Scheiße nicht. Es ist unerträglich, wie offensichtlich es rassistischen Männern nur um ihr Hoheitsrecht in Sachen Gewaltausübung geht.

In der medialen Nachbereitung der vielen mass shootings durch einzelne Männer in den USA sind Frauen zum Kanarienvogel in der Bergmine geworden, schreibt Katie Donough. Die Gewalt an ihnen werde als bloßes „Vorzeichen“ für „echte“ Gewalt gelesen: „[Tödliche Gewalt gegen Frauen] geschieht jeden Tag – fast dreimal am Tag genau gesagt. Aber wir reden im Allgemeinen nicht über unsere toten Frauen, bis unsere wütenden Männer andere Leute töten – in Kirchen in Texas, auf Baseballfeldern in Virginia oder in Nachtclubs in Florida oder in Kliniken in Colorado.“ (Übersetzung von mir)

In Deutschland schieben wir unsere toten Frauen ebenso beiseite, wenn sie für keine andere Agenda zu gebrauchen sind. Wie wirksam das auch hier geschieht, zeigt ein Blick in die Statistik des BKA über Partnerschaftsgewalt von 2016: Gegen Frauen gab es 357 versuchte oder vollendete Mord- und Totschlagsdelikte. 149 Frauen starben durch Partnergewalt. Von den wenigsten haben wir in den Medien gehört, von einigen bestenfalls als „Familientragödie“.

Es läuft immer noch so vieles schief, wenn denn mal über Gewalt gegen Frauen berichtet wird. Einen sehr bewegenden Meilenstein in dieser Sache hat 2017 allerdings Rossalyn Warren auf großer Plattform mit ihrem Artikel „We didn’t recognize that he was dangerous: our father killed our mother and sister“, der im „Guardian“ erschien, gesetzt.

Ich habe im letzten Jahr mehrfach an dieser Stelle über Gewalt gegen Frauen geschrieben. Ich wünschte, das müsste nicht so sein.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 24 Stunden unter der 08000 116 016 erreichbar und berät auf Deutsch und in 17 Fremdsprachen.

Du kannst nicht genug bekommen? Unser Print-Abo versorgt Dich mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatten und Veranstaltungen! 6 Hefte für 30 Euro direkt zu Dir nach Hause. Hier geht´s zum Missy-Abo.

Beitragsnavigation