Der Ariernachweis meiner Oma

Mein Vater hat mir den Nazi-Ahnenpass seiner Mutter geschickt – das habe ich daraus gelernt.

12.01.18 > Inland, Missyverse

Von Stefanie Lohaus

Kann Papier schuldig sein? Der Ahnenpass meiner Großmutter aus dem Jahr 1942 – ein Dokument, das im Nachkriegsdeutschland als „Ariernachweis“ bekannt wurde – kommt ganz unschuldig daher. Vorne drauf, auf dem in Leinen eingeschlagenen Büchlein mit den 48 vergilbten Seiten, ist ein roter Adler gestickt, ein ganz normaler Adler, kein Hakenkreuz oder irgendein Symbol, das mich anschreit: Nazi, Antisemitismus, Völkermord. „Der Ahnenpaß“ steht da in roten und schwarzen Buchstaben, sorgfältig gestickt. Das Büchlein könnte das Zubehör einer Hobbyahnenforscherin sein, die gedenkt, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ist es aber nicht. Denn es war ein für die nationalsozialistische Bürokratie zentrales administratives Werkzeug, um Menschen nach rassistischen Kategorien sortieren zu können, mit dem Ziel, gesellschaftliche Privilegien nach diesen Kriterien zu verteilen, Menschen auszusondern und sie systematisch zu ermorden.

© Eva Feuchter/Missy Magazine

Mein Vater hat sie mir geschickt, die Seiten, die der Beihilfe zum Völkermord schuldig sind. Nicht im Original, sondern eingescannt. Sie gehörten seiner Mutter, die ich nie kennengelernt habe, über die nur wenig gesprochen wurde. Sie ist in den 1960ern gestorben. Sie war während der Periode nationalsozialistischer Herrschaft wohl überzeugte Nationalsozialistin, sagt mein Vater.

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Einen Hinweis darauf liefert die Tatsache, dass sie sich überhaupt die Mühe gemacht hat, diese Auflistung ihrer Verwandten zu erstellen. Sie hätte es auch lassen können. Die Erstellung dieses Dokuments war keine Pflicht, sondern wurde den Einwohner*innen des 3. Reichs lediglich nahegelegt. Die verschiedenen Dokumente – Geburts-, Heirats-, Taufurkunden – bis hin zu den Ur-Ur-Urgroßeltern, also von insgesamt 62 Personen in den verschiedensten Standesämtern zusammenzusuchen, bis ins Jahr 1800 zurückreichend, das verursachte eine immense Arbeit und auch Kosten für Porto, Abschriften, Formulare. Mit den Abschriften der Urkunden ging man zum örtlichen Standesamt und ließ die Vorfahren dort beglaubigen. Meine Großmutter hat fast die Hälfte eintragen lassen, in der Generation der Ur-Urgroßeltern enden die  Aufzeichnungen.

Die dort aufgelisteten Namen sagen mir rein gar nichts. Es sind Namen, deutsche Durchschnittsnamen, Weber, Scholz, die meisten sind evangelisch getauft. Der Eintrag „Bekenntnis“ war natürlich besonders wichtig, es ging schließlich in erster Linie darum, Jüdinnen_Juden zu identifizieren. Dann hören die Nachforschungen auf. Mein Vater hat spekuliert, dass seine Mutter die Nachforschungen bei einem Zweig ihrer Vorfahren abgebrochen hat, weil sie in der vierten Generation ihrer Herkunft auf jüdische Ahnen gestoßen ist. Kann sein oder auch nicht.

Der Ahnenpass meiner Großmutter sieht ganz harmlos aus.

Aufschlussreicher als diese mir fremden oder fehlenden Vorfahren finde ich den mehrseitigen gedruckten Text, der dem handschriftlichen, schwer zu entzifferndem Stammbaum folgt. Vorne steht auf zwei Seiten eine Art Anleitung. Was wie wo zu besorgen und einzutragen ist. Aber hinten ist auf acht dicht bedruckten Seiten Sinn und Zweck des Unterfangens erklärt, die Rasseideologie. Das finde ich ungewöhnlich, dass ein bürokratisches Dokument einen erklärenden ideologischen Text enthält. Er beginnt: „Die im Nationalsozialismus verwurzelte Auffassung, dass es oberste Pflicht eines Volkes ist, seine Rasse, sein Blut frei von fremden Einflüssen rein zu halten und die in den Volkskörper eingedrungenen fremden Blutseinschläge wieder auszumerzen, gründet sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Erb- und Rasselehre. Dem Denken des Nationalsozialismus entsprechend, jedem anderen Volke volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist dabei niemals von höher- oder minderwertigen, sondern stets nur von fremden Rassen die Rede.“

Ich muss unweigerlich an die Worte „Jedem das Seine“ denken, die von innen lesbar über dem Haupttor des KZ Buchenwalds angebracht waren, an das Perfide der Nazi-Rhetorik, im gleichen Atemzug zu betonen, die behaupteten menschlichen „Rassen“ wären nicht ungleich, es gehe schlicht um „Gerechtigkeit“, das Fremde müsse aber „ausgemerzt“ werden. Menschen auszumerzen und Menschen zu ermorden, das ist ein und dasselbe. Da steht es doch. Wie bitte kann es sein, dass so viele Jahre lang, so viele Menschen behaupten konnten, sie hätten von nichts gewusst?

Abgesehen davon ist die Behauptung eines wissenschaftlich geprüften Vorhandenseins menschlicher Rassen, insbesondere die Konstruktion einer „arischen Rasse“, die in den folgenden Abschnitten erklärt wird, so was von absurd, dass ich fast lachen muss. Ich war vor vielen Jahren mal bei einer Lesung aus Hitlers „Mein Kampf“, in der ob der verschwurbelten Sprache und der kruden Ansichten Hitlers das Publikum mehrfach in Gelächter ausbrach. Auch das hier ist „Mein Kampf“, aber eben auf Beamtendeutsch. Wir bekommen heute – aus nachvollziehbaren Gründen – sehr selten originale Dokumente der NS-Zeit zu Gesicht, was den Nachteil hat, dass historische Laien oft nicht ganz verstehen können, wie die nationalsozialistische Ideologie in der Gesellschaft verankert wurde. Zum Beispiel bezogen sich die Nationalsozialisten – wie im Übrigen auch andere reaktionäre Ideolog*innen (etwa monarchistische) – direkt auf die Französische Revolution von 1789 als Abgrenzungsfolie und Ursprung allen Übels.

Da steht: „Dieser Nachweis, dessen Bestimmungen und Methoden in den folgenden Abschnitten erläutert werden, ist natürlich zeitlich begrenzt, da es im Wesentlichen darauf ankommt, die näherliegenden, also etwa seit der französischen Revolution vorgekommenen Rassemischungen zu erfassen.“ Dazu wird in einer Fußnote erläutert, dass die Französische Revolution in den europäischen Ländern die „liberalistische Weltanschauung zum Durchbruch brachte“, deren „oberster Grundsatz das Vorrecht des Einzelnen (Individuum) vor der Gesamtheit“ sei und deren Ideale „Freiheit“ und „Gleichheit“ zu bekämpfen seien, weil sie die „Judenemanzipation“ und damit die „Vermischung der Rassen“ erst möglich gemacht habe. Richtig ist: Die Werte der Gleichheit, die nach der Französischen Revolution zu mehr Bürgerrechten und Demokratie führten, gingen auch einher mit Bürgerrechten für die politisch, religiös und sozial diskriminierte und verfolgte Minderheit der europäischen Jüdinnen_Juden, von denen einige begannen, sich im Zuge dessen in die Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren. Sie gaben ihre jüdische Identität auf, konvertierten zum Christentum, nahmen deutsch klingende Namen an, um der Verfolgung und Ausgrenzung zu entgehen. Gebracht hat es ihnen nichts.

Bemerkenswert ist auch, dass schon die Nazis den rhetorischen Kniff gebrauchten, das, was gegen ihre Interessen war, als „Ideologie“ zu verunglimpfen und mit einem „ismus“ zu versehen. Liberalistisch, nicht liberal. Denselben rhetorischen Trick nutzen heute Rechtspopulist*innen, die etwa von „Genderismus“ sprechen, um die Gender Studies und Gender Mainstreaming und die Gleichstellung der Geschlechter an sich zu diskreditieren.

Diese achtseitige Erklärung zeigt aber auch, dass der Nationalsozialismus sich erklären musste, dass die Idee der „gleichen Rechten für alle“ durchaus wirkmächtig war und nicht ohne massive Anstrengung wieder rückgängig gemacht werden konnte. Der Nationalsozialismus ist nicht über Deutschland hereingebrochen: Die Nazis betrieben ein aktives „undoing“, ein Ungeschehenmachen der demokratischen Werte der Weimarer Republik. Auf der einen Seite ist das deprimierend, weil wir wissen, dass es solche Formen von „undoing“ auch heute  gibt (und immer gab) und sie derzeit gestärkt sind. Auf der anderen Seite stimmt mich diese Erkenntnis auch hoffnungsvoll: Hass auf andere ist keine naturgegebene menschliche Schlussfolgerung, er muss geschürt, gerechtfertigt und permanent erklärt werden. Wir können Gewalt verhindern.

Natürlich verwundern mich diese Sätze nicht. Ich habe im Geschichtsunterricht aufgepasst, KZs und Holocaust-Museen besucht, Gedenkstätten besichtigt. Aber in meiner Familie wurde über die Verstrickungen wenig geredet und dieses Dokument ist ein Zeugnis darüber, dass das Gelesene nichts Abstraktes aus einer fernen Zeit ist, sondern mit mir persönlich in Verbindung steht. Meine Oma hat diese Ideologie unterstützt. Ich fühle mich nicht persönlich schuldig, es geht viel mehr darum, dass Menschen und Parteien, die Ideologien von ungleichen Menschen salonfähig machen wollen, derzeit erstarken und sie das Gedenken daran, wohin diese Ideologien führen können, dabei stört. Es geht um meine Empathie mit den Opfern dieser Herrschaft des Ungleichen, Empathie mit den Kindern, Enkel*innen und Urenkel*innen der Überlebenden dieser Gewalt. Es geht um meine Verantwortung, Gewalt in Gegenwart und Zukunft zu verhindern, auch Gewalt, die in einer Demokratie stattfindet. Das alles ist erst zwei Generationen her, der Beginn der Aufarbeitung erst eine. Zwei Generationen sind ein Fliegenschiss im Universum. Bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus gibt es keinen Schlussstrich, dafür aber jede Menge Kontinuitäten.

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