Euer Schweigen war mir lieber

Ein paar Gedanken zur Tragik des Sagbaren.

27.02.18 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

„Klar! Man MUSS ja wohl Witze über Juden machen dürfen!“

– „Sie finden ‚Judenwitze‘ also in Ordnung?!“

„Natürlich! Haben Sie keinen Humor?“

Ich sitze in einem Interview mit einem Journalisten eines großen namenhaften Magazins und weiß nicht, ob ich schreien oder ihm einfach direkt ins Gesicht schlagen soll.

– „Es ist ja wohl ein Unterschied, ob ein Jude Kunst macht mit der Aussage ‚Nazis sind scheiße‘ oder ein Nazi mit der Aussage ‚Juden sind scheiße‘!“

„Finde ich nicht.“ Er zuckt mit den Schultern.

Ich möchte schreien.

Wie die Bühnen von antisemitischen Comediant*innen und Witzemacher*innen eigentlich aussehen sollten. © Tine Fetz

Ich bin nicht entsetzt, dass Leute das denken. Ich WEISS, dass es etliche gibt, die so denken. Ich bin auch nicht entsetzt, dass Leute das sagen. Das haben sie schon immer. Was mich entsetzt, ist der Rahmen: Wir sitzen nicht privat in irgendeinem Wohnzimmer oder einer Bar und ich bin nicht die wc-Deutsche von nebenan. Ich sitze in meinem Büro. Vor mir sitzt der Journalist ebendieses großen namenhaften Magazins mit seinem Aufnahmegerät zwischen uns und interviewt mich zu meiner Erwerbsarbeit. Er weiß, dass ich Jüdin bin – und nicht nur wegen des Davidsterns um meinen Hals. Es ist ein professioneller Rahmen, und er fühlt sich so legitimiert in seinen Aussagen, dass er sie nicht nur mir, sondern auch dem Band anvertraut. Dieses Interview ist ein Symptom dessen, was wieder sagbar ist. Sagbar jenseits von Kneipenatmosphäre und Wohnzimmerdebatten.

Vielleicht ist es der Gewöhnungseffekt (wie Norbert Müller). Ein Gewöhnungseffekt durch laut wahrnehmbare rechte Parteipolitik und Popkultur. Denn neben AfD-Reden treibt z. B. gerade auch die Kabarettistin Lisa Fitz den Ekel-Faktor ordentlich in die Höhe. À la Xavier Naidoo, nur schlimmer. Schlecht gerappte Nazipolemik, in jeder einzelnen Zeile vor rechten Phrasen triefend – Puppenspieler-Volksgemeinschafts-Deutschland-Erwache-Rhetorik, die es jeder*m kalt den Rücken runterlaufen lassen sollte. Die Reaktionen? Müdes Schulterzucken. Hier und da ein halbherziger erhobener Zeigefinger: „Du, du, du.“ Und von rechts: tosender Beifall.

Aber vielleicht ist es auch einfach der sogenannte „Rechtsruck“, der die Grenzen des Sagbaren in Bezug auf Antisemitismus verschoben hat. (Ich mag den Begriff des „Rechtsrucks“ nicht, weil ich ihn nicht für eine adäquate Beschreibung dessen halte, was innerhalb der angeblichen Mitte der Gesellschaft passiert.) Vielleicht ist nicht das Plötzlich-wieder-Sagbare von rechts in die Mitte gerutscht, sondern die gesamte Mitte nach rechts. Schwer zu sagen.

Aber egal, ob Gewöhnungseffekt oder Rechtsruck oder Gewöhnungseffekt durch Rechtsruck, in Bezug auf Antisemitismus hat das zwei fatale Folgen: Leute zucken nicht mehr zusammen, wenn sie Dinge hören, die ihnen eigentlich das Blut in den Adern gefrieren lassen sollten, und Menschen, die sich für die Mitte der Gesellschaft halten, sagen in absoluter Selbstverständlichkeit Dinge, für die sie sich früher in der Öffentlichkeit zumindest hätten schamhaft verhalten müssen und geohrfeigt gehören.

Und das bedeutet für Jüdinnen_Juden, dass wir in unserem Alltag NOCH weniger auf Sanktionen und Unterstützung hoffen können. Denn das war das einzig Gute an der deutschen Scham: das Bedürfnis von wc-Deutschen, sich rein zu waschen, die „besseren“ Deutschen zu sein.

So würde ich auch steif und fest behaupten, dass es vor zehn Jahren nicht möglich gewesen wäre, als Journalist eines großen namenhaften Magazins im Interview mit einer Jüdin zu sitzen und „Judenwitze“ zu feiern. Vor allem nicht, während das Tonband läuft. Und auch nicht mit der Dreistigkeit auszusprechen, was mit Sicherheit viele denken: dass es dann wohl der Jüdin an Humor fehlt.

Nicht weil die Leute weniger antisemitisch waren, sondern weil es den deutschen Anspruch gab, es nicht zu sein, und deswegen bestimmte Dinge einfach nicht gingen. Zumindest nicht öffentlich. Zumindest nicht, ohne die Stimme zu senken. Zumindest nicht für Leute, die sich für die liberale oder gar linke Bildungselite hielten. Zumindest nicht um progressiv zu sein – jenseits des rechten Schlamms. Und dabei war es nicht viel, das nicht ging, aber „Judenwitze“ und Aussagen wie „Scheißjuden“, das gehörte zu dem wenigen, von dem die Mitte wusste, es ist nicht sagbar.

Und, ja, ich weiß, es war trotzdem da. Ich kenne es zu gut, das Schweigen, die Leerstelle im Gespräch, wenn Leute genau dies zwar alles gedacht haben, aber zumindest nicht wagten, das in meiner Gegenwart zu äußern, weil sie mit sozialen Sanktionen rechnen mussten. Ich vermisse die Zeiten, in denen die Leute aus „Furcht“ vor der „Antisemitismusfalle“ wenigstens noch die Klappe gehalten haben. Es hat mich beruhigt, dass gerade „Judenwitze“ und anderer antisemitischer Kram in bestimmten Kontexten nicht zum guten Ton gehört haben.

Das Bedrohungsgefühl wächst um ein Vielfaches, wenn sich Menschen nicht mehr selbst diskreditieren, weil sie im professionellen Rahmen sagen, was nicht sagbar sein sollte. Und nicht mal ein Tonband sie davon abhält, weil sie keine Sanktionen fürchten müssen.

Spieglein, Spieglein in meiner Hand, sucht euren antisemitischen Schreiberling nicht am rechten Rand.


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