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„Instagram-Queers kreieren ihre eigene Community“

Wer Archive für langweilig hält, kennt den Instagram-Account h_e_r_s_t_o_r_y noch nicht.

28.02.18 > Netzkultur

Von Eva Tepest

Unter dem Instagram-Account h_e_r_s_t_o_r_y erreichen über 100.000 Follower*innen Bilder lesbischer Geschichte. Missy sprach mit Kelly Rakowski, Gründerin und Kuratorin des IG-Accounts.

Missy: Du hast den h_e_r_s_t_o_r_y-Account ein halbes Jahr nach deinem Coming-out gegründet. Ich habe das Gefühl, dass ich für so etwas wie h_e_r_s_t_o_r_y in meiner Jugend gestorben wäre. Wie verändert das Potenzial der Sozialen Medien die Art, wie wir die Nonkonformität von Gender und Sexualität leben?
Kelly Rakowski: Queers sind in der Populärkultur immer noch unterrepräsentiert. Deshalb müssen wir unsere eigene Kultur schaffen. Und uns als queere Menschen durch Fotografie, Film, Kunst und Literatur gespiegelt sehen. In den 1970ern fing die legendäre Fotografin und Aktivistin Joan E. Biren (JEB) an, sich selber das Fotografieren beizubringen und Lesben in den Staaten in ihrem Leben, Arbeiten und Kampf zu dokumentieren. Auf h_e_r_s_t_o_r_y poste ich immer mal wieder Bilder von Biren. Persönliche Profile auf Sozialen Medien, die heute von Queers kuratiert werden, haben einen ähnlichen Effekt wie Birens Bilder damals. Heutige Instagram-Queers kreieren über Soziale Medien ihre Community.

https://www.instagram.com/p/BfnvcbeFPZx/?taken-by=h_e_r_s_t_o_r_y

Warum gibt es so einen Mangel an Forschung über lesbische und queerfeministische Geschichte?
Das hat natürlich was mit dem Patriarchat zu tun. Nur Lesben und Queerfeminist*innen interessieren sich für die Geschichte, die ich zeige. Wenn du mal in Brooklyn bist, musst du unbedingt die Lesbian Herstory Archives besuchen: Bücherregale bis zur Decke, Aktenschränke und Regalreihen voller Archivmaterial.

https://www.instagram.com/p/BcoAfYtFQVC/?tagged=joanebiren

In Deutschland wird, ähnlich wie in den USA, viel diskutiert, was die zunehmende Verwendung der Selbstbezeichnung „queer“ anstelle von „lesbisch“ bedeutet – leider gibt es kein deutsches Äquivalent zu „Dyke“. Befürworter*innen von „queer“ betonen, dass es inklusiver ist und der teilweise transmisogynen und sexarbeiterinnenfeindlichen Politik der Zweiten Frauenbewegung eine Absage erteilt. Andere bemängeln die Auflösung lesbischer Identität in einem queeren und oft cismännderdominierten Niemandsland. Was denkst du über dieses lesbisch/Dyke/queer-Dreieck?
Ich mag „Dyke“ sehr – die Tatsache, dass es immer auf eine abwertende Art genutzt wurde und heute von Lesben reclaimed wird. Der Vorteil bei „queer“ ist, dass es als Überbegriff für alles, was nicht cis, nicht straight ist, verwendet werden kann. Ich mag die oszillierenden, die beweglichen Teile von „queer“. Die sind – neben der Wichtigkeit der Selbstbehauptung lesbischer Frauen und lesbischer Geschichte – für mich ein zentraler Teil von h_e_r_s_t_o_r_y.

Kürzlich hast du den Instagram-Accout HerstoryPersonals ins Leben gerufen, der ziemlich explizite Kontaktanzeigen im 80er-Design postet. Was steckt dahinter?HerstoryPersonals werden von Follower*innen von h_e_r_s_t_o_r_y – von ganz verschiedenen Personen mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen von Gender – auf der Suche nach Babes geschrieben. Sie sind von dem lesbischen Erotikmagazin „ON OUR BACKS“ inspiriert. Auf dessen Rückseite haben Lesben in den 1980ern und 1990ern per Kontaktanzeige nach Liebe und Lust gesucht. Bisher hat Instagram noch nicht mitbekommen, was bei HerstoryPersonals so los ist, obwohl es im Grunde gegen seine Anti-Sexanzeigen-Richtlinien verstößt.

https://www.instagram.com/p/BAHrznVtfAj/?tagged=joanebiren

Ein Teil des Lesbian Herstory Archives ist inzwischen online abrufbar.

In Berlin beschäftigt sich das Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek mit lesbischer Geschichte.

Der META-katalog bietet die zentrale Suche in den Beständen der Einrichtungen von i.d.a., dem Dachverband von mehr als 30 Lesben-/Frauenarchiven und -bibliotheken.

„Dyke, A Quarterly“ ist ein kommentiertes Onlinearchiv aller Ausgaben des zwischen 1975 und 1979 in New York City veröffentlichten Magazins „Dyke, A Quarterly“.

https://www.instagram.com/p/BAHthZitfEI/?tagged=joanebiren

Auf HerstoryPersonals, deiner anderen Instagram-Page, hast du die Kontaktanzeige eines schwulen cis Mannes veröffentlicht. Es hagelte Kritik, am Ende hast du die Kontaktanzeige gelöscht.
Ziemlich viele Leute waren wütend über diese Kontaktanzeige. Sie haben das Gefühl, dass es sowieso schon zu viele Räume (IRL und online) für schwule cis Männer gibt. Das versteh ich, u. a. deswegen habe ich h_e_r_s_t_o_r_y gegründet. Andererseits dachte ich, dass ich schwulen cis Männern ein wenig Platz einräumen könnte. Trans Geschichten müssen definitiv Platz haben, sie sind ja ebenso unterrepräsentiert. Insgesamt finde ich, dass jede*r auf h_e_r_s_t_o_r_y willkommen ist, auch wenn der Fokus auf Lesben- und Dykegeschichte liegt.

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