Nur noch kurz die Reichen essen

Nicht „die Armen“ sollten wir abschaffen, sondern die Armut.

06.03.18 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Tove Tovesson (*1986) studierte Pädagogik und Angewandte Ethik, lebt und arbeitet als freie*r Übersetzer*in und Autor*in in Berlin und twittert als @nichtschubsen über linke Themen.

Von Tove Tovesson

Es ist eigentlich eine ganz banale Erkenntnis, aber trotzdem kam sie mir erst deutlich nach meinem und vielleicht sogar trotz meines Studiums: Die Welt könnte besser sein. Ich meine es wörtlich, nämlich, dass eine bessere Welt tatsächlich möglich ist. Nicht in einem Paralleluniversum oder als unerreichbares Wolkenkuckucksheim, nur für mich oder einen ausgesuchten Personenkreis, sondern hier und jetzt, für alle.

Ich weiß den Anlass nicht mehr, aber ich erinnere mich, dass mir als Kind oft gesagt wurde, ich könne nicht die Welt verbessern, jedenfalls nicht in großen Dimensionen. Es ist wohl Teil bürgerlicher Sozialisation, das „gute Leben“ als individuelle Leistung für sich selbst zu verstehen und vor dem Rest zu kapitulieren.

Bildung wirkt. © Tine Fetz

Ich erwähnte eingangs mein Studium, weil Bildung so gern mit moralischer Überlegenheit gleichgesetzt wird, und weil ich ausgerechnet angewandte Ethik studiert habe. Angewandte Ethik ist die wissenschaftliche Beschreibung von moralischen Problemen in der Welt und die Erarbeitung von Lösungsansätzen. Oder kurz, sie beschäftigt sich auf konkrete Fälle bezogen mit der Frage: Was soll ich tun? Welche Handlung wäre im Rahmen des Möglichen richtig? (Beispielhafte Themen wären Schwangerschaftsabbruch, Organspende, Sterbehilfe.)

Mir fallen noch Jahre später Ungeheuerlichkeiten ein, die wir – ganz sachlich – in Seminaren diskutierten. Z. B. das Thema Überbevölkerung. Überbevölkerung als ein ethisches Problem zu identifizieren, ist selbst nicht „wertneutral“, sondern setzt folgende Einschätzung voraus: Die Weltbevölkerung ist x, x wächst, weshalb immer größere Teile von x immer ärmer werden. Es ist also schlecht, dass x wächst.

Eine alternative Einschätzung wäre: Die Weltbevölkerung ist x, x wächst. Immer weniger Menschen sind zusehends reicher, immer mehr Menschen sind zusehends ärmer. Lösung: Eat the rich.

Besonders wenn nur weiße und christlich-atheistische Studierende und Profs an einer deutschen Uni darüber diskutieren, liegt es allerdings nahe, dass gemäß der ersten Einschätzung arme Menschen in ärmeren Ländern mit höherer Geburtenrate (also oft People of Color in Ländern, die wirtschaftlich nachhaltig durch Kolonialismus oder Imperialismus zerstört wurden) zum Fokus werden, die „ganz logisch“ für Überbevölkerung verantwortlich sind, und die folglich irgendwie anders, billiger abgespeist werden müssen, sei es mit genmanipuliertem Reis oder mit einem Katzensprung in die Eugenik. Arme abschaffen, statt Armut abschaffen. Das Selbstverständnis westlicher Philosophie krönt diesen kolonialrassistischen Blick zum „Blick von außen“, und etwas Geileres gibt es in dieser Disziplin einfach nicht.

Erst jetzt begreife ich langsam, was an dem Vorwurf, Unis würden weltfremde Elfenbeintürme schaffen, richtig ist, wenn er nicht aus reaktionärer Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit erfolgt, sondern als Herrschaftskritik. Es geht nicht bloß um unzugängliche Wissenschaftssprache, sondern um eine massive Wissensproduktionsverzerrung zugunsten bestehender Machtverhältnisse. Insbesondere die hierzulande gelehrte Philosophie ist derart weiß, männlich und christlich-atheistisch aufgestellt, dass ihr Anspruch auf Universalität und ihr Ringen um Erkenntnis über „den Menschen“ absurd wirken müsste, und zu oft eher eine Kultivierung von Herrschaft leistet. Nun umfasst angewandte Ethik nicht nur Philosophie, sondern zum Glück auch Soziologie, die, wenn auch nicht erhaben darüber, genau solche Phänomene beschreibbar macht.

Was war nun mit der Weltverbesserung? Es heißt: „Wo kein Können, da kein Sollen“, also was nicht möglich ist, kann auch kein moralischer Appell sein. Kultur- und Wissen(sproduktion) zu dekolonialisieren, also sie kritisch auf kolonialistische Kontinuitäten und Perspektiven zu prüfen, entsprechend auszumisten und andere Stimmen zu zentrieren, wäre machbar, stößt aber auf absehbaren Widerstand. Der Preis dafür ist die Dominanz einer äußerst beschränkten Vorstellung und Praxis dessen, wie die Welt besser werden könnte.

Das „Nicht-Können“ in Bezug auf Weltverbesserung ist in 95 Prozent der Fälle, die mir dringlich erscheinen, ein vorgeschobenes. Arme Länder mit hoher Geburtenrate und hoher Kindersterblichkeit sind nicht arm, weil sie zu viele gierige Mäuler zu stopfen haben, sondern weil andere auf ihre Kosten reich sind. Das Problem ahistorisch unter der Überschrift Überbevölkerung zu verhandeln, verschleiert erfolgreich, dass es eigentlich um Verteilungsgerechtigkeit geht. Hinter dem Satz, „Du kannst nicht die ganze Welt verbessern“, steht vor allen Dingen strategische Inkompetenz der Mächtigen. Ich will nicht, also tue ich so, als könne ich nicht. Wie gesagt, diese Erkenntnis ist banal, aber in der allgemeinen Diskursverschiebung nach rechtsaußen geht sie unter (wobei das Festhalten an Macht der sogenannten Mitte auch nicht fremd ist und hier die eigentliche Veränderung gefragt ist). Linke Forderungen nach Reparationen, Abschaffung von Grenzen, nach bedingungsloser Freizügigkeit, Solidarität usw. sind nicht utopisch in Bezug auf das Mögliche, lediglich der Schulterschluss von Passivität und Ablehnung verhindert sie. Kurzum: Es gibt (keine) Hoffnung.

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