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Autos hassen

Wie es sich anfühlt, mit rassistischer Polizeigewalt in einem weißen Freund*innenkreis allein zu sein.

06.04.18 > Missyverse

Von Jesse R. Buendia

Mein Leben lang hatte ich keine Angst vor der Polizei und vor dem Staat. Ich ging immer davon aus, dass ich nie ernsthaft in Kontakt mit der Polizei kommen würde und dass mein Aussehen mir diesbezüglich nie Probleme bereiten könnte, denn ich besitze ja einen deutschen Ausweis. Vor allem bei Reisen ins Ausland wurde mir immer wieder bewusst, wie privilegiert ich mit einem deutschen Pass bin.

© Eva Feuchter

Vor einem Jahr änderte sich das. Ich war sonntagmorgens mit einigen Freund*innen unterwegs und versuchte aus Spaß, einen Mercedesstern abzureißen. Ich riss ihn jedoch nicht ab. So kam ich mit der Polizei in Kontakt, weil ein besorgter Nachbar sie rief. Ich sollte meinen Personalausweis abgeben und mit einem Polizisten unter vier Augen reden. Mir wurden provokante Fragen gestellt, zum Beispiel, weshalb ich Autos hassen würde, und ich wurde so behandelt, als sei ich der Tat definitiv schuldig, ohne dass auch nur einer der Polizisten den Beweis dafür hatte, dass ich es tatsächlich war. Ich sagte dem Polizisten, dass er als Staatsvertreter erst mal neutral agieren müsse. Denn theoretisch könnte jede Person, die mich nicht mag, mich einer Tat beschuldigen. Das Problem war nicht, dass jemand die Polizei rief aufgrund einer Sache, die ich selbst verschuldet hatte, sondern die Art und Weise, wie der Polizist mich behandelte.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Irgendwann nahm er meinen Personalausweis und hielt ihn mir vors Gesicht, um mich zu fragen, ob ich denn wisse, was dies sei. In diesem Moment wusste ich, ich bin im Unrecht. Selbst ein deutscher Pass macht mich nicht zu einer deutschen Bürgerin. Die Tatsache, dass ich in Deutschland geboren wurde, macht mich nicht zu einer deutschen Bürgerin, denn scheinbar definiert sich dies über mein Aussehen. Und das wird eben nicht als weiß und deutsch gelesen. Er lächelte dabei und agierte so, als hätte er Macht über meine Aufenthaltserlaubnis.

Nachdem das Gespräch zu Ende war, mischte sich der zweite Polizist ein und wir diskutierten. Er kam mir immer näher, wir schrien uns an. Dann zogen mich zwei Freundinnen weg und wir gingen. Es fiel keine Beleidigung und es gab keine Übergriffe. Ich war außer mir und konnte nicht beschreiben, wie gedemütigt und abgewertet ich mich fühlte. Ich versuchte zu erklären, dass das ganze Vorgehen rassistisch war und ich anders behandelt worden wäre, wenn ich weiß gewesen wäre. Meine weiße Freundin erwiderte daraufhin, dass ich nicht immer die Rassismuskeule schwingen könne, wenn es mir passt. In dem Moment wusste ich, ich bin alleine und kann diese Erfahrung mit niemandem teilen. In dem Moment wusste ich, ich werde mit weißen Menschen nicht mehr über Rassismus reden.

Zwei Wochen später bekam ich eine Anzeige wegen Beamt*innenbeleidigung. „Fuck the Police“ soll ich angeblich geschrien haben. Dies ist natürlich nie passiert. Die „versuchte“ Sachbeschädigung spielte keine Rolle mehr. Die Art und Weise, wie herablassend und demütigend ich von den Polizisten behandelt worden war, machte mir emotional zu schaffen. Doch noch schlimmer war, dass mir nun meine Geschichte, die ich sowieso mit niemandem teilen konnte, weil kaum jemand aus meinem Freund*innenkreis Rassismus erfährt, weggenommen und verändert wurde.

Ich suchte mir eine Anwältin. Über ein Jahr lang musste ich mich immer wieder mit der Thematik auseinandersetzen. Je mehr Wochen vergingen, desto mehr geriet es in Vergessenheit, doch jede E-Mail meiner Anwältin riss mich in die Realität zurück. Immer wieder wurde mir institutionell vor Augen geführt, dass ich nicht weiß bin und deshalb nicht in dieses Land gehöre. Dass ich eben nicht gleichberechtigt bin. Dass ich mich in bestimmten Situationen anders verhalten muss als meine weißen Freund*innen, um mich zu schützen. Stärker denn je wurde mir bewusst, dass ich im Vergleich zu ihnen weniger Freiheiten besitze.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Was mir noch mehr zu schaffen machte als der institutionelle Rassismus war die Tatsache, dass ich mich mit meinem Problem allein gelassen fühlte. Alle sahen die ungerechte Art, in der die Polizei mich behandelte, aber niemand von meinen weißen Freund*innen würde auch nur annähernd das Wort „Rassismus“ im Zusammenhang mit meinem Erlebnis benutzen. Niemand versteht, dass die Situation anders abgelaufen wäre, wenn ich weiß gewesen wäre und einen „deutschen“ Namen auf meinem Aufweis gehabt hätte. Niemand sieht, dass Deutsch meine Muttersprache ist und mir trotzdem eine Sprache („Fuck the Police“) in den Mund gelegt wurde, in der ich kein einziges Mal mit den Polizisten kommuniziert habe. Ich bin offensichtlich so weit davon entfernt, weiß zu sein, dass mir die Fähigkeit, in meiner Muttersprache zu beleidigen, abgesprochen wird. Natürlich ist Alltagsrassismus für mich kein Fremdwort, doch die Situation mit der Polizei hob mein Anderssein auf eine bedrohlichere Ebene. Ich werde, wie fast alle PoCs, täglich in der Gesellschaft mit Rassismus konfrontiert. Trotzdem fühlte sich das Erlebnis mit der Polizei so an, als hätte ich nun auch offiziell vom Staat die Bestätigung bekommen, dass ich nicht gleichberechtigt bin. Mir wurde bewusst, dass ich von staatlichen Institutionen und Vertreter*innen  keinen uneingeschränkten Schutz erwarten kann und diese mich als potenziell gefährlich ansehen. Nicht aufgrund meiner politischen Einstellung, sondern aufgrund meines Aussehens.

Trotz Alltagsrassismus ging es mir in letzter Zeit gut. Ich traf neue, inspirierende Leute, startete neue Projekte und hatte dadurch das Gefühl, alles machen und erreichen zu können, was ich will. Dann bekam ich meinen Strafbefehl und meine Welt zerfiel in tausend Stücke. Ich wurde zurück in die Realität gezogen und bekam Angst. 900 Euro soll ich für etwas bezahlen, das nicht passiert ist. Schlimmer als der Geldbetrag war das Gefühl der Unterdrückung, das ich empfand. Wenn die Gesellschaft dich scheiße behandelt, ist es schwierig, dich nicht selbst scheiße zu fühlen.

Ich war komplett leer, lag im Bett, starrte an die Wand und wollte tot sein. Ich reflektierte meine Kindheit, wo ich herkam, wo ich heute bin, und hatte das Gefühl, als Kind of Color, das aus einer Arbeiter*innenfamilie kommt und in einer überwiegend weißen, bürgerlichen Kleinstadt aufgewachsen ist, in einer falschen Welt zu sein. Ich hatte das Gefühl, da wo ich bin, gehöre ich nicht hin. Ich gehöre nicht an die Universität. Ich gehöre nicht in eine Gesellschaft, deren Strukturen weiß und akademisch geprägt sind. Ich gehöre da hin, wo ich herkomme, und die Gesellschaft versucht, mich dort zu halten, wo ich herkomme. Du kannst dich ändern und aus Strukturen ausbrechen, doch ich glaube, die Gesellschaft drängt Menschen immer an ihre Grenzen, wo sie von ihrer Kindheit und ihrer Herkunft eingeholt und damit konfrontiert werden.

Hilfestellen für Betroffene von (rassistischer) Polizeigewalt

KOP
ReachOut 
Rote Hilfe 

Nachdem ich mich so leer fühlte, bekam ich Panik und schreckliche Angst. Die Angst davor, dass ich vielleicht meine Zukunft doch nicht in meinen Händen habe. Die Angst vor dem, was noch kommen wird: Auf welche Art und Weise werde ich noch erfahren müssen, dass ich ein Mensch zweiter Klasse bin? Die Angst vor weiterer rassistischer Gewalt. Ich lag im Bett, die Knie angezogen – so wie damals, als ich fünf Jahre alt war und im Bett lag, geplagt von der Angst vor der Dunkelheit –, und weinte, weil ich so große Angst vor dem Leben und vor meinen Mitmenschen empfand. Meine Angst wuchs und entwickelte sich zu einer irrationalen Angst. Ich hatte Angst, dass meine weiße Freundin mich verlassen würde, aufgrund meiner sozialen Positionierung. Ich fühlte mich alleine, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich es nicht bin. Trotzdem ist es schwer, nicht den eigenen Stolz und das eigene Selbstwertgefühl zu verlieren, wenn die Gesellschaft täglich versucht, es zu treten und zu zerstören.

Jesse R. Buendia macht gerade ein Praktikum beim Missy Magazine.

Zwar helfen mir aktuelle Debatten über „Critical Whiteness“ und „Cultural Appropriation“ dabei, mehr zu dem zu stehen, was ich bin: nicht weiß und deshalb für viele nicht deutsch. Trotzdem wird es noch eine Weile dauern, bis ich wieder mit erhobenem Kopf durch die Straßen laufen und mein Selbstbewusstsein zurückhaben werde. Es wird dauern, bis die Angst verschwunden ist. Ich weiß, dass es viele andere Personen gibt, die ähnliche Erfahrungen mit der Polizei gemacht oder andere Arten von Rassismus erlebt haben, und es ist wichtig, nicht aufzugeben und zu wissen, dass man nicht alleine ist. Aber ich glaube, manchmal ist es auch in Ordnung, in einer Welt wie dieser Angst zu empfinden.


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