Nicht deine Orientprinzessin

Dieses Mal schreibt eine Kollegin von Christian Schmacht über die Exotisierung von Huren of Color.

Profilfoto Maria Hasan

Maria Hasan
Maria Hasan lebt in Frankfurt und ist Sexarbeiterin und Feministin. Sie beschäftigt sich mit Gender und Alltagsthemen, Sexarbeit und Popkultur.

Von Maria Hasan

Ich sitze in einem Penthouse mit Mainuferblick und trinke Weißwein. Rainer begibt sich an das andere Ende des Sofas – knapp zwei Meter von mir entfernt. Ich gerate leicht in Panik, weil es mich überfordert, dass ich diesen Abstand zwischen uns verkleinern und gleichzeitig die Konversation aufrechterhalten soll. Die meisten wollen sowieso nur über sich selbst reden, versuche ich mich zu beruhigen. Die meisten sind mit „Ja“, „Wirklich?“ und „Das ist bestimmt stressig!“ zufrieden. Aber nicht alle. Rainer will mit mir über mein Philosophiestudium sprechen.

Ein Teil von Exotisierung ist es auch, Stereotype auf eine Person zu projizieren. © Tine Fetz

„Wen hast du so gelesen?“ Der erste Philosoph, der mir einfällt, ist Adorno. „Adorno?“ An seinem Gesichtsausdruck merke ich, dass er keinen Plan hat, wer das ist. „Ähm, Frankfurter Schule halt … Was liest du denn gerne?“ Rainer ist beeindruckt von mir, und überrascht. Von meinem Studium, meiner Arbeit im Verlag, meinem – wie er sagt – „Intellekt“. Ich bin irritiert, ziehe meine Schuhe aus, drehe mich zu ihm. Er holt mehr Wein und setzt sich direkt neben mich. Irgendwas reden wir noch, er fängt an mich zu fingern. Zum Glück muss ich nicht mehr erklären, was Adorno so gemacht hat. Beim Sex flüstert er mir zum zweiten Mal zu, dass ich seine „indische Prinzessin“ bin. Das gehört quasi zum Programm: Ich erwarte es, aber ich gewöhne mich nicht daran. Ich sage zu ihm, dass er jetzt kommen soll. Er hört auf mich.

„Wie viel kriegst du?“ Er hat dreihundert Euro in der Hand. Ich schaue auf die Uhr und sage, dass ich einhundert mehr will. Er fragt, ob ich es zum Überleben brauche, es wirklich nötig habe. Ich sage, dass ich nicht weiß, wie ich meine Miete zahlen soll, und gucke ihn traurig an. Er besteht darauf, mich nach Hause zu fahren, und fragt, wo ich hin muss. „Rödelheim.“ „Ist das nicht so – ähm – hehe – sozialer Brennpunkt?“ „Soziale Brennpunkte“, „Assis“ und „Drogendealer“ sind Themen, über die Rainers gerne mit mir reden. Mein Gesicht ist ausdruckslos, ich tue so, als wüsste ich nicht, was er meint.

Beim regelmäßigen Browsen auf Escortservice-Webseiten entdecke ich keinen einzigen Körper, der auch nur ein bisschen aussieht wie meiner. Alle sind ausnahmslos dünner, und 98 Prozent sind europäisch. Meine Herkunft ist also mein Alleinstellungsmerkmal. Aber das bringt keinen Vorteil: Ich verdiene nicht so viel wie weiße deutsche Escorts, sondern tendenziell weniger. Die Konkurrenz mit weißen Frauen erinnert mich an meine Kindheit. Damals dachte ich: Wenn ich weiß wäre und nicht so ein komisches Gesicht hätte, wären sie mit mir befreundet. Jetzt denke ich: Wäre ich weiß, würde ich mehr verdienen.  Escorting ist noch ein sehr weißes Business und deshalb unzugänglich für viele Frauen of Color: weiße Kunden, die weiße, dünne Frauen gut für ihre Zeit bezahlen. Ich zweifle daran, ob ich hier hingehöre.

Einige Tage nach dem Treffen mit Rainer sitze ich in meinem Zimmer und blicke auf meinen Körper. Ich habe sichtbare, schwarze Haare auf meinem Bauch und zwischen meinen Brüsten, auf meinen Fingern, an Stellen, wo weiße Frauen sicher keine haben. Mein Bauch hat eine komische Form, aber was heißt schon komisch? In der normalen Gesellschaft würden mich trotzdem die wenigsten als fett bezeichnen. In der Sexarbeit ist das anders.

Ich kriege eine Nachricht von Rainer. Er hat sich in mich verliebt und findet deshalb, dass ich ihn umsonst daten sollte. Erst bleibe ich freundlich, verliere aber nach zehn Minuten unbezahltem Hin- und Herschreiben die Geduld. „Es gibt keine Flatrate. Einmal bezahlen heißt nicht, dass es danach eine Affäre umsonst gibt.“ Nach einer zehnminütigen Pause schreibt Rainer: „Du hast nicht wirklich studiert, oder?“

Meine Freier exotisieren nicht nur mein Aussehen, sondern auch meine soziale Herkunft. Und der „positive Rassismus“ wird ganz schnell zu normalem Rassismus, wenn ich absurde Angebote abweise. Weiße Männer lernen nie, wie man mit Abweisung umgeht, bis Huren of Color ihnen das mit 55 netterweise und in diesem Fall umsonst erklären. Dass ich mich mit gutverdienenden weißen Männern unterhalten kann und als interessant befunden werde, verschafft mir Zugang zu ihrem Geld. Aber ich muss ständig beweisen, dass ich es verdiene, so viel zu verdienen. Denn mein Körper ist nicht nur „exotisch“ – er wird auch deswegen abgewertet.


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