Die Bombenlegerin

In ihren Comics jagt Liv Strömquist mit viel Humor Mythen der Liebe, Heteronorm und Paarbeziehung in die Luft.

Von Friederike Mehl

Du bist verknallt? Achtung, es lauern komplizierte Probleme! Sie heißen romantische Liebe, Paarbeziehung, Heteronorm, Monogamie, Geschlechterrolle. Die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist hat deren intimes Verhältnis in ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Comicband „Der Ursprung der Liebe“ porträtiert. In zwölf Kapiteln verarbeitet sie Anekdoten aus Geschichte und Gegenwart: Lady Dis Leiden (Prince Charles), die polyamoren Umtriebe der nordischen Sagengestalt Frigg (jenseits von Odin), das Beziehungsdesaster der schwedischen Literatin Victoria Benedictsson (mit Supermacker). Dies sind nur einige von etlichen Beispielen, anhand derer Strömquist zeigt, dass Wolke sieben alles andere als ein freundlicher Ort ist.

© Livia Rostavaniy

„Der Ursprung der Liebe“ ist mehr als ein eklektischer Mix witziger (Pop-)Kulturreferenzen. Mithilfe von Theoretiker*innen aus Psychologie, Politikwissenschaft und Soziologie seziert Strömquist die Entstehung von Rollenbildern, pathologische Beziehungsmuster und die Verdinglichung des Zwischenmenschlichen. Akribisch (inklusive Fußnoten!) und mit unerschütterlichem Humor bringt sie so einen Mythos nach dem anderen zur Explosion. Warum wir lieben. Wie Sex und Besitz zusammenhängen. Welche Machtgefüge die Gefühlswelten von Männern und Frauen bestimmen.

© Liv Strömquist

„Der Ursprung der Liebe“ beleuchtet die dominante Heteronorm, also das bürgerliche Konzept der weißen, heterosexuellen Liebe zwischen Mann und Frau. Der Comic formuliert eine vielschichtige Kritik, scheut jedoch die Auseinandersetzung mit der Situation derjenigen Menschen, denen Liebe und Partner*innenschaft systematisch vorenthalten werden: Von homophoben Traditionen bis zu sogenannten „Rassegesetzen“ hat schließlich auch der gewaltsame Ausschluss aus der Norm Geschichte geschrieben. Diese Auslassung ist schade, stellt Strömquists erzählerische Virtuosität jedoch kaum infrage.

© Liv Strömquist

Liv Strömquist „Der Ursprung der Liebe“
avant-verlag, 136 S., 20 Euro

„Der Ursprung der Liebe“ ist nicht die erste Attacke der Autorin auf das Patriarchat. Schon in „Der Ursprung der Welt“ zerfetzte sie die Mythengebilde um die Vulva. Ihr feministischer Blick auf den Körper wird mit dem neuen Band um eine Beziehungskritik ergänzt. Neben Titel und Erzählstil gleichen die Bände sich auch optisch. In Schweden erschienen sie (in umgekehrter Reihenfolge) bereits in den Jahren 2010 bzw. 2014. Seitdem hat Strömquist bereits neue Felder erschlossen. 2016 veröffentlichte sie „Uppgång och fall“ (frei übersetzt „Aufstieg und Fall“). Der Comic – inspiriert von ihrer Zusammenarbeit mit der Band The Knife – dreht sich um Kapitalismus, Klasse und Geld. Naheliegende Themen für die Bombenlegerin unter den Comiczeichner*innen. Strömquist ist radikal, konfrontativ und hemmungslos komisch. Uneingeschränkt empfehlenswert, auch dann noch, wenn sich das Kribbeln im Bauch nach der Lektüre wie ein Schlag in den Magen anfühlt.

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