Bitte keine Maden auf meinen Salat!

Auch Euer Teller ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

08.05.18 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Ich esse gerne. SEHR gerne! Mit Ausnahme von Schweinefleisch – der Deutschen Lieblingsaas. Ja, es gibt viele Gründe, ganz auf Fleisch oder tierische Produnkte zu verzichten, aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um wc-Deutsche und ihr Schwein. Ich mag Schweine. Wenn sie lebendig sind und sich so richtig ordentlich von mir den Rücken durchkraulen lassen. Ich mag sie nicht als Fleisch auf meinem Teller. Das ist für wc-Deutsche häufig kaum zu ertragen. Aber eins nach dem anderen.

Schwein oder Katze essen? Manche machen, manche machen nicht. © Tine Fetz

Ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Das ist naheliegend und doch weitaus komplexer, als ihr vermutlich denkt. Als ich Kind war, gab es kein Schweinefleisch bei uns zu Hause (außer einmal im Jahr einen Ikea-Hotdog – der war heilig). Ich habe darüber nie nachgedacht und es auch nie vermisst. War halt einfach so. Und ganz ehrlich, bis auf knusprigen Frühstücksspeck schmeckt Schweinefleisch eh meistens auch einfach NICHT. Als meine Mutter starb und ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich nur noch von nicht-jüdischen Menschen umgeben war, bestand gefühlt plötzlich ALLLES aus Schwein. Ich war sehr irritiert, kulinarisch etwas abgestoßen, lernte aber schnell: Wer dazugehören will, isst Schwein! Schwein essen war mein Versuch der Assimilation, der Versuch, es richtig zu machen, der Zwang, deutsch zu sein, und zwar so richtig. Dabei vertrage ich das Zeug nicht mal besonders gut.

Es war ein harter, schmerzhafter Prozess, das Schweinefleisch-Essen wieder sein zu lassen. Hart vor allem aus drei Gründen: a) Es othert eine so absolut und endgültig. b) Es wird permanent als religiöses Glaubensbekenntnis fehlinterpretiert. c) wc-Deutsche kapieren einfach nicht, dass Speck kein Gemüse ist.

Beginnen wir mit a):

Weiße westliche Leute verstehen nicht, dass ihr Mittagsteller nicht der universelle Mittelpunkt der Welt ist. Zu sagen, mensch esse kein Schwein, macht eine Person erst mal verdächtig. Denn das machen nur „die Anderen“, „die Fremden“. Es ist ein augenblickliches Outing, das weder so stehen gelassen werden kann, sondern umgehend erklärt werden muss, noch einen anderen Schluss zulässt, als dass die Person nicht zum wc-deutschen „WIR“(sic!) gehören kann.

Das führt uns auch direkt zu Punkt b):

Dass ich kein Schweinefleisch esse, heißt nicht, dass ich religiös bin. Hääää?! Ja, ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Ja, das sagt NICHT DAS GERINGSTE darüber aus, ob oder wie ich religiös bin. Unterschiedliche Kulturtraditionen haben unterschiedliche Speisepraxen. Wenn ich sagen würde: „Ähm, Entschuldigung, ist in dem Ragout Katze und wenn ja, könnte ich es ohne haben?“, wäre für alle wc-Deutschen klar: „Iiihhh!!! Wer isst denn schon Katze?!“ Ähm, genau! IIIIIHHHH, WER ISST DENN SCHON SCHWEIN?! Is(s)t ungefähr die gleiche Irritation und das gleiche kontextbedingte Verständnis von verzehrbar und nicht verzehrbar. Es gibt Orte auf diesem Kontinent, die noch unberührter von weißer kolonialistischer Verzehrpraxis sind, und an denen Katzen, Maden und Ratten auf den Tisch kommen. Das eklig zu finden, sagt vor allem was darüber aus, in welchen Kontexten wir aufgewachsen sind. Schwein nicht eklig zu finden genauso. Und das eine für normal zu halten und das andere nicht entspringt der Annahme, die eigene Essgewohnheit und der eigene Suppenteller müssten global allgemeine Verzückung auslösen. Auch hier wieder: Liebe wc(-Deutsche,) auch wenn der Kolonialismus euch was anderes gelehrt hat: Eure Perspektive hat keine universelle Gültigkeit. Ihr seid weder normal, noch ist es der Rest nicht. Ihr seid einfach nur ignoranter. Und, ja, Schweinefleisch IST eklig… 

Lebendige Schweine dagegen sind übrigens extrem cute! Nur für die Mimimi-ich-esse-keine-Katzen-weil-niedlich-Fraktion. Was für mich allerdings durchaus gegen Katzen, Hunde, aber auch Schweine spricht: Ich finde es extremst seltsam, Tiere zu essen, die selbst Fleisch/Aas essen. Das ist irgendwie schräg und mein Körper hat auf diese Vorstellung Schüttelreaktionen. Aber auch hier wieder: Kontext!

c) Speck ist kein Gemüse!

Diesen Satz kann ich nicht oft genug wiederholen. Speck ist kein Gemüse! Speck ist kein Gemüse! SPECK IST KEIN GEMÜSE!!! Was für die eine oder andere Leser*in vielleicht offensichtlich erscheint, ist es für viele wc-deutsche Bundesbürger*innen nicht. Eine Anekdote zu Verdeutlichung: Anfang 2017 war ich auf Reha im Spreewald. Und wer glaubt, das sei der Beginn eines Gruselfilms: Ja! Es gab drei Menü-Optionen: Menü 1 – Vollkost (eigentlich immer Schweinefleisch in unterschiedlichsten Variationen. Außer freitags!) Menü 2 – Leichte Vollkost (Ausgewiesen als „ohne Schwein“ meist Geflügel, Rind oder Fisch) Menü 3 – Vegetarisch (meist fad und leider viel zu oft Süßspeisen). Nun trug es sich mehr als einmal zu, dass ich Menü 2 (irgendwas mit Rind) bestellte und als Beilage gab es z. B. Bohnen. Mit Speck! Meine Irritation war groß: „Ähm, Entschuldigung, das sollte doch OHNE Schwein sein oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber das ist doch Speck bei den Bohnen oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Ist das Rinderspeck?“ Antwort: „Nein.“ Ich: „Aber was ist das denn dann für Speck?“ Antwort: „Na normaler Speck.“ Ich: „Aber da stand doch ohne Schwein.“ Antwort: „Aber das ist ja kein richtiges Schwein. Das ist nur Speck.“ Und wieder: Äääähmmm 

Noch absurder wurde es in meiner letzten Woche. Ich: „Ähm, ist das das vegetarische?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Sind Sie sicher?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber wie haben Sie es denn angebraten, ich habe das Gefühl …“ Die strahlende Antwort, ohne mich ausreden zu lassen: „Mit Schweineschmalz! Ist gut oder!?“

Ähnliches kann ich auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik berichten. Deswegen noch mal mein Hinweis: Speck ist KEIN Gemüse!


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