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Stars und Sternchen

Einfach an jedes gegenderte Wort ein * klatschen und alle sind mitgedacht? So einfach ist es leider nicht.

11.05.18 > Missyverse

Von Hengameh Yaghoobifarah

Gender und Sprache also mal wieder. Keine Sorge, es geht nicht um die Gendern-oder-nicht-Gendern-„Frage“. Alles, was es dazu zu sagen gibt, hat meine Kollegin Anna Mayrhauser erst vor Kurzem an dieser Stelle geschrieben, nämlich als es um den Protest einer Sparkassen-Kundin ging, die von ihrer Bank eine korrekte Ansprache forderte und damit einmal mehr eine Grundsatzdebatte auslöste.

© Eva Feuchter

Um beziehungsweise gegen das generische Maskulinum soll es dieses Mal jedoch nicht gehen, sondern um das Sternchen hinter Begriffen wie „Frau“ oder „Mann“ oder „Mutter“ oder „Aktivistin“. Manche Personen bevorzugen einen Asterix, also ein *, hinter Pronomen oder gegenderter Bezeichnung, mit denen sie angesprochen werden, wie bei „Frau*“ oder „Mutter*“ oder „Ingeneurin*“. Das ist völlig legitim, aber ebenfalls nicht das Thema dieser Kolumne.

Worum es dann überhaupt geht? Um den Gebrauch des Sternchens hinter gegenderten Begriffen als universale Lösung für alle. Denn wer ist schon alle? Als ich vor über drei Jahren in die Missy-Redaktion kam, führten wir einige inhaltliche Diskussionen, die auch die Sprache betrafen. Humorvoll bezeichne ich den Prozess, meinen politischen Input bei Missy einzubringen, manchmal als Entwicklungsarbeit. Unter anderem forderte ich damals, anstatt mit dem Binnen-I, wie es bis Anfang 2015 als grundsätzliche Genderung im Heft galt, mit einem Sternchen oder einem Gap zu gendern, denn es war mir wichtig, nicht-binäre Personen wie mich selbst damit einzubinden. Und außerdem: keine Sternchen hinter Begriffen wie „Frauen“ und „Männer“. Denn was auf den ersten Moment inklusiv und progressiv aussieht, wirft auf den zweiten Blick vor allem Fragen auf: Wer sind eigentlich Frauen*?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Frage ich Leute, die von Frauen* sprechen, so höre ich meistens als Antwort, dass alle sich als Frauen angesprochenen Menschen gemeint seien. Okay, aber bei Frauen ohne Sternchen sollte das doch auch zutreffen? Ja, heißt es dann, aber meistens werden trans Frauen oder nicht-binäre Leute ausgeschlossen und bei Frauen* sei dann klar, dass diese mitgemeint seien. Es geht also darum, sichtbar zu machen, wie eine*r sich gegenüber Cisnormativität und Geschlechterbinärität positioniert.

Doch der lange Rattenschwanz dieses nett gemeinten Sonderzeichens wird gerne ignoriert: Es impliziert, dass trans Frauen keine Frauen, sondern Frauen* sind. Also nur uneigentlich Frauen. Trans und cis Frauen machen nicht dieselben Erfahrungen, doch das tun schlanke und dicke, weiße und Schwarze Frauen und Frauen mit und ohne Behinderung genauso wenig. Weil Mehrfachdiskriminierung so funktioniert. Doch für jüdische, muslimische, Schwarze, dicke oder arme Frauen – oder Lesben – setzt niemand ein Sternchen, um klarzustellen, dass sie mitgemeint sind – obwohl sie aus hegemonialer Weiblichkeit ausgeschlossen werden und in weiß-feministischen Kontexten quasi nicht als Teil der Schwesternschaft vorkommen. Heißt: Wenn im Mainstream über die Erfahrung von „Frauen“ gesprochen wird, geht es in der Regel um weiße, heterosexuelle, mittelständische – meistens schlanke – cis Frauen ohne Behinderung. Auf wen diese soziale Position nicht zutrifft, die*der kann sich schon fragen, ob sie*er als „Frau“ ohne Sternchen mitgedacht ist. Doch kaum eine*r wird sagen: Dicke Frauen sind dicke Frauen, aber keine Frauen. Transmisogyne Sprüche wie „Trans Frauen sind trans Frauen und keine Frauen“ hingegen fallen des Öfteren. Und diese Haltung manifestiert sich stärker, wenn trans Frauen nur als Frauen mitgemeint werden, wenn es Frauen* heißt.

Und nun zu nicht-binären Leuten, die als Frauen* gemeint sind: Ich bin nicht-binär. Ich bin keine Frau* und erst Recht keine Frau. Und auch kein Mann. Die Tatsache, dass ich die meiste Zeit als Frau gelesen werde, führt dazu, dass ich Erfahrungen mache, die viele Frauen auch machen: Belästigung, Sexismus, eine eingeschränkte körperliche Selbstbestimmung oder Mansplaining zum Beispiel. Deshalb sind die Kämpfe von Frauen häufig auch meine Kämpfe. Einige meiner nicht-binären siblings fühlen sich als Frauen* aus diesem Grund angesprochen und sogar als sisters/sisters*. Doch es gibt mindestens genauso viele, die es nicht tun. Anstatt uns gegeneinander auszuspielen, erwarte ich von cis und binären Leuten, dass sie sich präziser ausdrücken und kein faules Sternchen setzen, mit dem vermeintlich alle Kästchen abgehakt werden.

Hengameh Yaghoobifarah ist seit Ende 2014 in der Missy-Redaktion.

Schließlich ist Cisnormativität in feministischen Kontexten nicht einfach erledigt, indem hier und da ein paar Sternchen auftauchen. Wenn ich beispielsweise an dem Satz „Frauen haben ein Recht auf Abtreibung“ lediglich ein Sternchen an „Frauen“ hänge, verschwindet die Transfeindlichkeit nicht automatisch. Nicht-binäre Leute und trans Männer haben ebenso sehr ein Recht auf Abtreibung, Abtreibungen sind für transfeminine Personen jedoch nicht das Hauptanliegen in reproduktiven Kämpfen, wenn sie bis vor Kurzem in der EU zwangssterilisiert wurden und weiterhin auf den Geburtsurkunden ihrer Kinder misgendert werden – eine Erfahrung, die sehr viele trans Leute in Deutschland machen. Während sich nicht-binäre Leute  teilweise als Frauen* mitgemeint fühlen, ist es eine ignorante Zumutung zu hoffen, dass es für trans Männer schon irgendwie okay sein sollte, weiblich adressiert zu werden – weil es ja keine „richtigen Männer“ (sic!) seien.

Gleichzeitig wäre das Sternchen als ausdrücklicher Einladungsimplikator für trans Leute redundant, wenn transfeindliche (meist Radikal-)Feministinnen einfach klarer formulieren würden, wer in ihrer Vorstellung von Frauen eingebunden ist – das sind meistens nur cis Frauen oder, ebenso essenzialistisch, nur Menschen, die als cis Frauen gelesen werden. Oder mit bestimmten Genitalien.

Beim nächsten generischen Sternchen lohnt es sich darum auf jeden Fall, kurz innezuhalten und zu überlegen, wie die Formulierung präziser werden könnten. Auf wen trifft eine Aussage zu? Wen lade ich auf dieser Veranstaltung wirklich ein? An wen richtet sich jener Text? Meine ich Frauen? Oder nur cis Frauen? Oder Frauen und nicht-binäre Personen? Oder Frauen und Femmes? Oder Frauen und trans Männer? Oder nur Menschen, die eine Vulva haben? Oder nur Menschen, die menstruieren? Oder Menschen, die schwanger werden können? Oder Menschen, die sexualisierte Belästigung erfahren? Oder Menschen mit X-Erfahrung? Oder pauschal alle außer cis Männer? Alle Frauen, Lesben, inter und trans Personen? Dann sag es doch entsprechend. ¯\_(ツ)_/¯


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