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Die schlechteste Antimonarchistin der Welt

„Ab morgen verspreche ich, diese ganze Familie wieder zu hassen.“

22.05.18 > Kommentare

Von Jacinta Nandi

„Mama, was machst du?“ Mein 13-jähriger Sohn guckt mich verwirrt an. „Guckst du gerade die Hochzeit an? Ich dachte, du wolltest das boykottieren aus Solidarität mit den britischen Steuerzahlern?“

Flickr/Mark Jones/CC BY 2.0

„Ich gucke mir diese Hochzeit nicht an! Wenn ich diese Hochzeit angucken wollte, würde ich den Fernseher an machen! Aber ich gucke nur ein bisschen zu, bei YouTube Live … aus reiner Neugier! Ich würde mir das niemals tatsächlich angucken!“

Das Baby sitzt im Hochstuhl und ich gebe ihm Tortellini. Er isst jede Tortellini langsam auf, kaut vorsichtig, manchmal spuckt er die Hälfte aus, um die Tortellini wieder aufzuheben und noch mal in den Mund zu stecken. Eigentlich bin ich eine Antimonarchistin mit einem Baby, das screen-free erzogen werden sollte. Aber wir gucken gerade ein bisschen die königliche Hochzeit von Harry und Meghan bei YouTube Live. Das Baby gibt mir eine Tortellini. „Soll ich das essen?“, frage ich ihn. Er antwortet nicht – er kann nicht, er ist nur ein Baby. Ich stecke es in meinen Mund. Dann überlege ich mir, ob es schon in seinem Mund gewesen ist. Na ja, egal. Meghan Markle kommt bei der Kirche an und ich fange sofort an zu weinen. Sie sieht tatsächlich so schön aus, dass ich weinen muss. Das heißt nicht, dass die Monarchie nicht abgeschafft werden sollte. Ich weine einfach gerne bei Hochzeiten.

„Mama, weinst du jetzt etwa?“ Mein 13-jähriger Sohn guckt mich sehr verwirrt an. „Ich dachte, du wolltest die Monarchie abschaffen?“

„Ich will die Monarchie immer noch abschaffen“, sage ich. „Aber sie ist so hübsch … und außerdem ist sie Schwarz, und diese Arschloch-Familie voller Kolonisatoren … es ist irgendwie berührend.“

„Wenn die Leser von der „Jungle World“ oder so dich sehen könnten“, sagt mein Freund, der gerade wieder vom Frisör nach Hause gekommen ist. „Du guckst dir die Hochzeit an, und du weinst dabei!“

Während ich das Baby ins Bett für den Mittagschlaf bringe, verpasse ich das Beste, sagt mein Freund nachher, der mittlerweile tatsächlich das Fernsehgerät angeschaltet hat – die Rede des Pastors, der Martin Luther King und Sklaverei erwähnt hat. „Oh mein Gott“, sage ich. „Das ist der Hammer! Schade nur, dass Meghan nicht woke genug gewesen ist, um einen Pastor zu beantragen, der erwähnen würde, dass die Juwelen in der Krone der Königin alle gestohlen sind.“

Jetzt küsst Harry Meghan. Ich seufze. „Das war ein guter Kuss“, sage ich. „Besser als bei William und Kate“, denke ich. Liebevoll, aber sanft … ziemlich hart. Harry ist sehr scharf auf Meghan, das gefällt mir.

„Du bist die schlechteste Antimonarchistin der Welt!“, sagt mein Freund.

Es klingt blöd, aber bei William und Kate war es leichter, wütend zu sein, wütend zu bleiben, wütend und hart, als bei Meghan und Harry. Sie ist SO hübsch. Und die Windsors sind SOLCHE Kolonisatoren. Ganze Familie, nur Arschlöcher. Und sie so hübsch. Immer wenn Harry sie anlächelt, schmelzt mein Herz ein bisschen. Ab morgen verspreche ich, diese ganze Familie wieder zu hassen. Aber heute schaffe ich es nicht ganz.

Nachher ruft meine Mama an.

„Hast du dir die Hochzeit angeschaut?“, fragt sie.

„Nur ein kleines bisschen“, gebe ich zu.

„Ja, ich auch“, sagt sie.

„DU auch?“, frage ich schockiert.

„Ja“, sagt sie. „Ich musste mir das anschauen.“

„Aber du hast uns nie erlaubt, so was anzugucken …“, sage ich. „Als Kinder. Du bist doch eine richtige Antimonarchistin. Nur die Beerdigungen dürften wir anschauen.“

„Na ja“, sagte sie. „Denkst du, dass ich eine Heuchlerin bin? Dein kleiner Bruder hat mir vorgeworfen, eine Heuchlerin zu sein, weil ich mir die Hochzeit angeschaut habe.“

„Na ja“, sage ich. „Ich glaube, Ryan und Thomas denken auch, dass ich eine Heuchlerin bin, ehrlich gesagt.“

„Ich habe deinem Bruder erklärt, dass ich wissen muss, wogegen ich kämpfe. Und ihn gebeten, den Fernseher anzumachen, damit ich es genau wissen kann. Sah sie nicht schön aus in dem Kleid? Viel hübscher als Kate zumindest. Kate sah aus wie eine Tüte alter Knochen! Aber Meghan war sehr schön. Und jetzt muss sie nie wieder arbeiten, bis sie stirbt, wahrscheinlich hat sie auch deswegen so gestrahlt … es sei denn, sie lassen sich scheiden und dann muss sie Werbung für Diätprodukte machen so wie Fergie.“

Eigentlich sollte nicht nur die Monarchie, sondern auch die Ehe abgeschafft werden, denke ich mir. Die bescheuerten Hüte, die die Aristokrat*innen zu Hochzeiten tragen, als ob auch sie denken, dass die Ehe ein Witz sein soll. Und warum haben Fergie und ihre Tochter sich als Stewardessen verkleidet? Die ganze Welt guckt zu, und die britischen Steuerzahler*innen zahlen dafür. Absurd. Fast so absurd wie die Idee, dass die Gräfin von Sussex, aka Meghan Markle, oder die tote Mutter ihres Mannes, Lady Diana, für soziale Gerechtigkeit kämpfen könnten oder gekämpft haben. Man kann nicht ein Mitglied der Windsor-Familie sein und soziale Gerechtigkeit zum Ziel haben. Ohne soziale Ungerechtigkeit würde diese Familie nicht existieren. Das Existenz dieser Familie basiert auf Unterdrückung und Ausbeutung.

Und trotzdem habe ich heute geweint, als Meghan Markle bei der Kirche angekommen ist. Na ja. Sie ist SO schön gewesen, und ich bin eine Heuchlerin.

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