Die Leiden des jungen Incels

„Involuntary celibate“ – darunter leiden die Incels. Wie weit ihr Frauenhass geht, zeigt sich online.

05.06.18 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Tove Tovesson (*1986) studierte Pädagogik und Angewandte Ethik, lebt und arbeitet als freie*r Übersetzer*in und Autor*in in Berlin und twittert als @nichtschubsen über linke Themen.

Von Tove Tovesson

Incel steht für „involuntarily celibate“, also unfreiwillig enthaltsam, und ist eine Selbstbezeichnung von (vermutlich überwiegend) Hetero-Männern, die unfreiwillig keinen Sex haben und das für die größte Ungerechtigkeit unter der Sonne halten. Ihre evidente Unfickbarkeit begründen sie nicht in sich selbst, sondern in der sexuellen Freiheit der Frauen, die jetzt nicht mehr per Ehe-Kuhhandel standesgemäß und gerecht auch an Würstchen wie sie verteilt werden, sondern unverschämterweise nur noch Männer vögeln, die kein kompletter Abschaum sind (bzw. in der Incel-Logik eine 8-10 auf der Fickbarkeitsskala).

© Tine Fetz

Eine Incel-Gruppe auf Reddit, die mit über 40.000 Mitgliedern Raum für deren Vergewaltigungsfantasien und Frauenhass bot, wurde vor einer Weile von Reddit gesperrt, aber die gleiche Klientel tummelt sich weiter im virtuellen Sumpf namens „Manosphere“. Dort treiben sich Pick-up-Artists, Männerrechtler/MRAs, Gamergater, Nazis 2.0 und mehr herum, die sich ungestört gegenseitig auf Youtube, Twitter und Co. radikalisieren (es ist ja nur das Internet!), um letztlich beim Übersprung in physische Gewalt medial als „einsamer Wolf“ dargestellt zu werden, weil hegemoniale Männlichkeit nichts anderes fertigbringt, als sich nach vollendeter Tat immer wieder freizusprechen. Zum Beispiel, indem Frauen die Schuld an der Verzweiflung und die Verantwortung für die Entlastung der Ungefickten zugeschoben wird. Sollen die Incels doch in den Puff gehen!

Es ist so frauen- und sexarbeiter*innenfeindlich wie unsinnig, Incels an Sexarbeiter*innen zu verweisen. Sexarbeiter*innen können es zunächst mal nicht gebrauchen, dass man ihnen potentiell gewalttätige Klienten schickt. Sexarbeiter*innen bieten außerdem Sex für Geld an, die Anspruchshaltung der Incels ist aber, dass frau sie gefälligst gratis zu ficken hat. Dass jede*r auch auf anderem Weg für Sex „zahlen“ muss, indem eins z.B. kein komplettes Arschloch ist, stellt für Incels eine ziemlich große Herausforderung dar: Sie sind halt Arschlöcher, die Sex für ein männliches Naturrecht halten.

Das Tragische ist, dass die meisten Menschen, die Sex mit Männern haben, es dabei auch schon mit Exemplaren zu tun hatten, die dieses Entitlement teilen und die vielleicht sogar sonst auch nichts zu bieten haben, und dass die Tatsache, dass jemand Sex mit ihnen hatte, daran genau nichts geändert hat. Also kurz gesagt, wir ficken schon Abschaum, aber es hilft nix. Incel-Ideologie ist widerlegt. Gleichzeitig gibt es etliche Personengruppen, die tatsächlich gesellschaftlich als unfickbar und nicht liebenswert qua Identität stigmatisiert werden – (sichtbar) behinderte Menschen, trans Frauen (jenseits von Fetischisierung), dicke Menschen und so weiter und so fort. Incels, die sich durch Amokläufe hervortun, sind jedoch bisher einfach nur Typen, die beleidigt sind, weil sie nicht mal in einem System, das zu ihrem Vorteil gebaut ist, Erfolg haben. In diesem Sinne: Löscht euch!

Wir schreiben ohne Rücksicht auf Verluste und das machen wir mit Absicht! Das bedeutet aber, dass wir kein fettes Anzeigengeschäft machen, denn leider gibt es nicht viele Firmen, die heute schon fortschrittlich genug sind, um auf ein queer-feministisches Heft zu setzen. Kein Wunder, dass kein anderer Verlag ein Heft wie Missy herausgibt. Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.

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