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Die Firma

Erwerbslosen Menschen in Deutschland soll im Jobcenter geholfen werden. Doch viele berichten Gegenteiliges.

06.06.18 > Arbeit,

Von Tasnim Rödder

Es ist neun Uhr morgens, als Irina Maria Mundt das Jobcenter in Berlin-Charlottenburg betritt. Sie trägt einen knielangen weißen Mantel, dazu eine cremefarbene Baskenmütze und einen passenden Schal. Mundt ist Mutter zweier Kinder, ausgebildete Diplom-Wirtschaftsübersetzerin, Yogalehrerin und Coach. Sie hat ihr Leben lang in verschiedenen Berufen gearbeitet, spricht vier Sprachen und war mehrere Monate beruflich im Ausland tätig. Heute sitzt sie in einem kahlen Raum im Jobcenter.

„Guten Morgen Frau Mundt, wollen Sie mir erzählen, wo Sie sich in letzter Zeit noch beworben haben?“, fragt die Vermittlerin. Mundt wurde der sogenannten Integrationsgruppe zugeteilt, in der nur Erwerbslose sind, die als „schwer vermittelbar“ gelten. Sie erfährt deshalb eine besonders intensive Betreuung. Mundt streicht ihren Schal glatt und richtet sich auf, ihr Kinn energisch nachgeschoben. Die Bewerbung als Kassiererin im Bioladen blieb bisher ohne Rückmeldung, ansonsten hat es bis jetzt nur Absagen gegeben. Sie fühle sich unter ihrem Wert behandelt, sagt sie später im Gespräch in einem Café. „Bevor ich meine jetzige Vermittlerin bekommen habe, betreute mich eine andere. Doch die schaute mir beim Reden nicht einmal ins Gesicht“, sagt sie und blickt auf ihre Hände. Sie weiß nicht mehr, was sie noch dazu sagen soll.

©Claudia Rorarius

Dass in Jobcentern einiges schiefläuft, geht nicht nur aus Fallbeispielen, sondern auch aus einer offiziellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervor, die im dritten Antidiskriminierungsbericht des Bundes festgehalten ist. Mittels Befragungen und Analysen von Beratungsanfragen kam man zu dem Schluss, dass insbesondere Menschen im höheren Alter, mit Behinderung, mit „Migrationshintergrund“ und Alleinerziehende Gefahr laufen, von den Vermittler*innen schlechter behandelt zu werden als andere

Arbeitssuchende. Auch trans Personen betrifft die Diskriminierungsgefahr. Viele Angestellte der Jobcenter schätzen sie bei der Vermittlung in Qualifizierungsmaßnahmen und Jobs
falsch ein. Der Grund: „ein vorweggenommenes angenommenes Scheitern”. Diskriminierungsrisiken aufgrund der sexuellen Orientierung konnten in der Studie nur in sehr geringem Ausmaß gefunden werden, was aber keine Einzelfälle ausschließt.

„Das Problem hängt von mehreren Faktoren ab“, erklärt Hartz-IV-Aktivistin und Bloggerin Inge Hannemann an einem Dezembernachmittag am Telefon. Acht Jahre lang arbeitete sie im Jobcenter. Damals versuchte sie immer wieder, die Strukturen intern zu kritisieren, meldete Beschwerden bei der Personalberatung und Vorgesetzten. Doch niemand hörte ihr richtig zu. Bis sie im April 2013 in einem öffentlichen Blogbeitrag die Bundesagentur für Arbeit fragte: „Wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher wollen Sie noch auf Ihr Konto laden? Wie viele Dauerkranke, frustrierte und von subtiler Gehirnwäsche geprägte Mitarbeiter wollen Sie in Ihrem ‚Konstrukt Jobcentermaschine‘ durchschleusen?“ Daraufhin stellte ihr Arbeitgeber sie frei und versetzte sie in eine andere Behörde. Momentan ist sie offiziell krankgeschrieben.

„Zum einen liegt es an dem Druck, der auf die Vermittler*innen ausgeübt wird, quantitativ möglichst viele Menschen in Jobs zu bringen“, sagt Hannemann. Für Vermittlungszahlen gebe es zwar keine finanziellen Boni, dafür würden oft Punkte für die gelungenen Vermittlungen vergeben. Je höher die Punktezahl, desto besser sei das interne Ansehen und die Chancen auf Karriere. Ob die*der Vermittler*in in eine einmonatige Kurzarbeit oder einen unbefristeten Job vermittelt, sei dabei nebensächlich. Auf der Punkteskala mache es sich sogar besser, wenn man Arbeitssuchenden jeden Monat einen neuen Job zuteilt. „Ob die Beschäftigung auch nachhaltig und gut für den Betroffenen ist, spielt keine Rolle“, erklärt Hannemann. Der Ärger in ihrer Stimme ist kaum zu überhören. Dieses System ist entmenschlicht, es ist auf Zahlen ausgerichtet – nicht darauf, Menschen zu beraten.

Dass der Status der Arbeitslosigkeit nicht nur für die Existenz, sondern auch psychisch und physisch höchst belastend ist, musste auch Suzan Meryem Rosita erfahren. Die 36-Jährige hat in Cambrigde, Yale und Istanbul studiert und mehrere Auszeichnungen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten gewonnen. Dass sie nun wöchentlich zur Tafel gehen muss, um satt zu werden, hätte die junge Akademikerin wohl nicht gedacht, bevor sie nach Lüneburg ging. „In meinem Job an der Uni geriet ich an einen Vorgesetzten, der mich schlecht behandelte. Ich bin zwar einiges aus universitären, patriarchalen Räumen gewohnt. Aber als sich die Situation zuspitzte und er handgreiflich wurde, legte ich Beschwerde ein“, sagt Rosita im Telefongespräch mit Missy. Daraufhin wurde sie entlassen und war gezwungen, sich beim Jobcenter zu melden. „Die Mitarbeiter*innen im Jobcenter waren total überfordert mit mir, einer ‚ausländischen Frau‘ mit akademischen Abschlüssen, die sich in einer solch prekären Lage befindet. Es war eine ambivalente Erfahrung für mich.“ Einerseits erfuhr Rosita engagierte Hilfe vom Jobcenter, bekam psychische Unterstützung und Schuldenberatung. Andererseits litt sie darunter, dass sie dort als „Exotin“ wahrgenommen wurde und als Akademikerin so manche Privilegien genoss, die andere Erwerbslose meist missen. „Ich kann mir gut vorstellen, wie mies andere mit weniger Privilegien behandelt werden“, sagt sie.

©Claudia Rorarius

Auch Missy-Leser*innen machen verstörende Erfahrungen in Jobcentern, wie eine anonyme Umfrage auf der Missy-Facebookseite ergab. Leser*in Y. schrieb: „Ich wurde drei Stunden lang von zwei Sachbearbeiter*innen nach meinen Genitalien befragt, nachdem ich um ein Absehen von einer gegenderten Anrede gebeten habe.“ Ein*e andere*r Leser*in berichtet: „Trotz Posttraumatischer Belastungsstörung und akuter Depression wurde mein Widerruf auf Versagung der Leistungen mit Bitte um Aufschub als unbegründet zurückgewiesen. Mein Name: türkisch.“ Ein*e weitere*r Leser*in schreibt: „Ich habe viele typische, uneindeutige Erfahrungen mit dem Jobcenter gemacht, Verzögerungstaktiken, extreme Unfreundlichkeit, Nichtzuhören, Abwinken bei Einwänden etc., aber keine klare Diskriminierung, nur das Gefühl, völlig entmenschlicht zu werden, und diese unerträgliche Hilflosigkeit.“

Auf welche Art die Arbeitssuchenden im Jobcenter behandelt werden, hänge auch von den Persönlichkeiten der Vermittler*innen ab, weiß Inge Hannemann. „Es gibt solche, die ausschließlich nach Vorschrift arbeiten. Sie haben weder Gutes noch Böses im Sinn, sie machen einfach ihren Job“, sagt Hannemann. Das bedeutet z. B., den vorgeschriebenen „Erziehungsmaßnahmen“ des Jobcenters Folge zu leisten: Verpasst die*der Arbeitssuchende einen Termin, wird ihr*ihm das Geld gekürzt – ohne dass überhaupt nach Gründen gefragt wird. Dann gibt es jene, „die es genießen, ihre machtvolle Position auszuspielen“. Dabei werden Gelder ohne triftigen Grund gekürzt oder Menschen herabwürdigend behandelt – und kaum jemand kann es ihnen nachweisen. „Und dann gibt es noch diejenigen, die alles versuchen, um tatsächlich zu helfen und empathisch zu sein. Zum Glück. Nur ist das nicht immer gewünscht.“ Diese Vermittler*innen werden entweder ignoriert, gemobbt oder versetzt, wie Hannemann.

Es bedarf mehr Aufklärung und Weiterbildung in Jobcentern, in vielerlei Hinsicht. Alleinerziehende Frauen und Menschen mit Rassismuserfahrung erfahren häufig Stigmatisierung. In einem Experiment des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) schickten Forscher*innen in den Jahren 2014 und 2015 fiktive Anfragen per E-Mail an 408 Jobcenter. Dazu verwendeten sie deutsch, türkisch und rumänisch klingende Namen. Die Auswertungen ergaben, dass die Personen mit türkischen oder rumänischen Namen qualitativ schlechtere Auskünfte erhielten als Menschen mit deutsch klingenden Namen.

„Gesetzlich haben die Vermittler*innen kaum Spielraum, den Menschen zu helfen“, sagt Hannemann, „aber wenn man seinen menschlichen Verstand einsetzt, kann man den einen oder anderen wirklich unterstützen.“ Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Als sie noch als Vermittlerin arbeitete, setzte sie sich immer erst einmal mit den betroffenen Personen auseinander, bevor sie Sanktionen wegen eines versäumten Termins verhängte. „Das ersparte mir und den Betroffenen meist Nerven und administrativen Aufwand.“

Aber oft können auch die engagiertesten Vermittler*innen Arbeitssuchenden keine Hilfe bieten. Denn wiederholt setzt die Diskriminierung schon viel früher an – nämlich bei den Arbeitgeber*innen. Nicht selten kommt es vor, dass diese in internen Vermerken ihrer Stellengesuche für das Jobcenter-Verzeichnis notieren, dass sie „nur Deutsche“ oder „nur attraktive, junge Frauen“ suchen. So etwas ist eigentlich rechtswidrig und verstößt gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz – wenn es denn gemeldet werden würde. Doch das würde, so Hannemann, aus zeitlichen Gründen oft untergehen.

Für Rosita verlief letztendlich alles glimpflich. Momentan hat sie sich mit ihrer prekären Lage in Deutschland abgefunden und wird ab März eine Stelle an der Universität in Oxford annehmen, die sie durch eine ihrer prämierten Arbeiten bekam. Aber insgesamt betrachtet sie ihre Situation als negativ. „Positive Diskriminierung“ nennt sie es. „Ich hatte das Gefühl, dass ich aufgrund meiner Privilegien alleine gelassen wurde. Von mir wurde gar nicht erwartet, dass ich ernsthaft Hilfe brauche“, sagt sie. Dafür musste sie erst mal den Mut aufbringen, sich ihre Situation einzugestehen und ihre Anliegen deutlich auszusprechen.

Für Irina Maria Mundt sieht es weniger gut aus. Obwohl sie sich schon seit mehr als einem halben Jahr für viele verschiedene Stellen beworben hat, blieb sie bisher erfolglos. Sie könne sich gut vorstellen, als Quereinsteigerin Englisch zu unterrichten, aber für den öffentlichen Dienst sei sie zu alt. „Das ist doch paradox“, meint sie verzweifelt. Während das Renteneintrittsalter kontinuierlich steigt, sinken die Höchsteintrittsalter für solche Jobs. Wer heute im öffentlichen Dienst arbeiten möchte, darf nicht über vierzig Jahre alt sein. „Ich habe noch gut zehn Jahre zu arbeiten. Aber das System ist nicht für Frauen in meinem Alter gemacht. Keiner möchte eine Frau Ende fünfzig einstellen. Das ist absolut entwürdigend“, sagt sie und nimmt den letzten Schluck ihres Milchkaffees. Trotzdem gibt sie die Hoffnung nicht auf – etwas anderes bleibt ihr auch kaum übrig. Momentan wartet sie auf eine Rückmeldung für einen Job am Flughafen.

Geht es nach Inge Hannemann, gehören Jobcenter und das Hartz-IV-System abgeschafft: „Alternativ würde ich ein Grundeinkommen einführen und beratende Kompetenzzentren einrichten.“ Doch bis dahin müsse noch viel geschehen. Um die Diskriminierung in Jobcentern zu senken, müsse mehr Wert auf die Bildung und Kompetenzen von Vermittler*innen gesetzt werden. „Meiner Meinung nach braucht man ein Jahr, um sich in einem Jobcenter einzuarbeiten und alle Abläufe zu verinnerlichen. Allein der Bedarf an rechtlichen Kenntnissen ist enorm. Doch nach einem Jahr sind die meisten dank befristeter Verträge und hoher Fluktuation schon wieder weg.“
Ein diskriminierungsfreier Arbeitsmarkt liegt also noch in weiter Ferne. Bis dahin, sagt Suzan Meryem Rosita, nenne sie sich „Arbeitsverweigerin“ – damit fühle sie sich jedenfalls besser.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.