It’s Pride Baby!

Unsere Kolumnistin bewegt sich (nicht nur) im Pride-Monat Juni zwischen Behindernissen und Freudentaumel.

26.06.18 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Heute ist Donnerstag, am Samstag ist die Mad and Disability Pride Parade in Berlin, veröffentlicht wird der Artikel am Dienstag, ich schreibe also mit Blick auf ein Event, das jetzt noch in der Zukunft liegt, aber zu Veröffentlichung bereits stattgefunden haben wird. Seltsam! Dass am Samstag die Mad and Disability Pride Parade ist, ist für mich wahrscheinlich die beste Aussicht seit Monaten. Dabei ist die Demo gar nicht der Anlass für diesen Artikel, sondern der Moment vor einigen Tagen, als ich das Haus verlassen wollte und feststellen musste, dass irgendwer meine Krücken gestohlen hat.

Defekter Fahrstuhl ist nicht egal © Tine Fetz

Ich bin eine behinderte Frau. Das sage ich selten so klar. Und nicht immer ist das in meinem aktiven Bewusstsein. Es gibt eher Momente und Geschehnisse, die mich im wahrsten Sinne des Wortes darüber stolpern lassen. Eben solche Momente, wenn plötzlich jemand meine Krücken klaut und ich nicht mehr weiß, wie ich jetzt von A nach B kommen soll. Es sind die Momente, in denen der Fahrstuhl am U-Bahnhof kaputt ist und ich Menschen sehe, die das achselzuckend registrieren und dann doch die Treppe nehmen. Keine*r zückt das Telefon, um die Service-Hotline zu informieren. Warum auch, sie sind nicht auf einen funktionierenden Fahrstuhl angewiesen. Momente, in denen ich Todesangst habe, weil ich auf der Rolltreppe ins Schwanken gerate, weil sich wieder jemand an mir und meinen Krücken vorbeiquetscht, um die Rolltreppe hochzulaufen. Wenn du mich anrempelst, ist die Gefahr groß, dass ich stürze! Warum nimmst du nicht einfach die Treppe gleich links von uns? Es sind Momente, in denen ich warten muss, bis jemand vorbeiläuft und mir meine Schlüssel, meine Papiere, meine Wasserflasche aufhebt. Momente, in denen ich merke, dass ich meine Scham verloren habe, um über sämtliche Funktionen meines Körpers zu sprechen, weil ich müde bin, mich für die Dysfunktionen zu entschuldigen. Es sind Ereignisse wie Wohnungs- und Jobverlust, die mir mit voller Härte meine Realität als behinderte Person aufzeigen.

Ich war nicht immer behindert. Ich BIN nicht immer behindert. In meinen eigenen vier Wänden läuft (meistens) alles reibungslos. Ich hab mich an den Alltag gewöhnt. Erst draußen werde ich behindert. Politisch gesehen ist es genau das: Ich WERDE behindert. In der Realität fühlt es sich aber anders an: Menschen geben mir ununterbrochen das Gefühl, ICH würde SIE behindern. Durch die Krücken, die Schmerzen, das andere Tempo, die Immobilität, meine Existenz. Je schlechter meine Verfassung, desto mehr scheine ich zur Behinderung meiner Umwelt zu werden. Je angewiesener ich auf Hilfsmittel und andere Menschen bin, desto behinderter fühle ich mich. Politisch gesehen natürlich von der Gesellschaft. Emotional viel zu oft von meinem eigenen Körper. Dabei habe ich nur diesen einen und der war mal mein Kleinod, mein glitzerndes Gewand  – vorher.

Zurück zur Mad and Disability Pride: Ich war dabei, als die Demo das erste Mal vom Hermannplatz startete. Als verrückte Person, nicht als „körperlich behinderte“. Und schon damals hatte ich das Gefühl: „Das ist, worauf diese Stadt, dieses Land gewartet hat!“ Letztes Jahr wäre es das erste Mal mit (physischer) Behinderung gewesen, aber da war ich a) noch weit davon entfernt, in der körperlichen Verfassung zu sein, an der Demo teilzunehmen und b) gar nicht in Berlin. Dieses Jahr habe ich Termine und Vorträge verschoben, um dabei sein zu können. Ich freu mich wie ein Putenschnitzel! Ein paar Stunden Pride. Ein paar Stunden umgeben von Scharen von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, von Solidarität, Verständnis und Verbündeten. Was „Pride“-Events wie der CSD für mich nie geschafft haben, kann diese Parade der Verrückten und Behinderten: mich sichtbar und geborgen fühlen, sicher, euphorisch, ausgelassen, wütend, garstig, jubelnd, triumphierend, GUT! Nicht als Behinderung von oder für irgendwen, sondern als ich. Und so ganz in pride!

Ich fühle mich wie vor einem Geburtstag. Nicht unbedingt mein eigener. Was ziehe ich nur an? Wo und wie bringe ich welche politischen Aussagen an? Wie viel Glitzer ist zu wenig? Ich bin im Vorfreude-Planungsmodus. Es ist meine Sahnetorte unter den Politveranstaltungen. Mein Chanukka unter den Pride-Events. Meine Place-to-be-Demo.

Dabei geht es gar nicht nur um diesen einen Tag. Schon das Wissen, dass es am Samstag so weit ist, hat seit etwa einer Woche zur Folge, dass sich alles ein bisschen weniger beschissen anfühlt. Ein bisschen weniger Frust. Ein bisschen weniger Wut. Nur für ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Es ist ein emotionaler Kurzurlaub. Und ich werde mich feiern! Ich werde UNS feiern! WIR werden UNS feiern! Gefeiert haben, wenn ihr das lest. Voller Glitzer, stolz, laut und unübersehbar! It’s Pride, Baby!


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