„Was, du interessierst dich für Mode?“

Menschen mit Behinderung existieren als Zielgruppe in der Modebranche nicht. Das ändert sich nur langsam.

05.07.18 > Mode & Beauty

Von Ninia LaGrande

Manchmal träume ich davon, in die Stadt zu gehen und ein komplettes Outfit zu kaufen. Von Kopf bis Fuß. In wenigen Stunden. Ohne zwischendurch total zu verzweifeln. Ich bin kleinwüchsig. Im Radar der Modeindustrie tauche ich als Zielgruppe nicht einmal ganz weit hinten am Horizont auf. Ich existiere gar nicht. Hosen sind immer zu lang, Blusen bekomme ich über der Brust nicht zu und die Ärmel ragen weit über meine Hände hinaus. Die gängigen Schnitte entsprechen nicht meinen Proportionen. Kinderkleidung kommt auch nicht infrage, weil ich einen anderen Körperbau als eine Zwölfjährige habe. Und Schuhe … reden wir nicht von Schuhen. Als Onlineshopping noch eine unvorstellbare Utopie war, bestellte ich Sneaker bei einem Bekannten meiner Eltern, der in den USA lebte. Dort wurden damals schon Modelle in kleinen Größen produziert. Hier konnte ich in den 1990er-Jahren zwischen Glitzerturnschuh mit Blinkesohle und Gummistiefel wählen. Von Pumps oder Stiefeln gar nicht zu sprechen. Untergrößen gab es zwar damals schon – aber wie heute mit geringer Auswahl und für sehr viel Geld.

Das Label „Auf Augenhöhe“ entwickelt Schnitte für kleinwüchsige Menschen © Joseph Wolfgang Ohlert

So wie mir geht es zahlreichen anderen Menschen mit Behinderung. Sie werden nicht mitgedacht und nicht repräsentiert. Als wäre es unvorstellbar, dass sich auch Menschen mit Behinderung modisch, individuell oder extravagant kleiden wollen. Oder dass sie sich überhaupt etwas anziehen möchten. „Wie kommt es, dass du dich so für Mode interessierst? Das muss für dich doch besonders schwer sein“, werde ich oft gefragt. Nun, es ist nicht besonders schwer, sich mit 1,38 Meter Körpergröße für Mode zu interessieren. Es erfordert nur sehr viel Kreativität, aus dem, was der Markt hergibt, etwas zu machen.

Dass die Modeindustrie nicht gerade das große Vorbild in Sachen Inklusion und Diversität ist, ist bekannt. Aber nicht nur bei der Produktion sind die Hersteller*innen besonders

engstirnig und eintönig, sondern auch im Marketing. Die große, schlanke, weiße Frau mit glatten Haaren und makelloser Haut ist das Gesicht der Industrie. Auf der anderen Seite der große, weiße, muskulöse Mann, ein sportlicher Archetyp.

Besonders perfide zeigte sich das am Beispiel der brasilianischen Ausgabe der „Vogue“: Im Rahmen der Paralympics 2016 veröffentlichte die Redaktion das Bild zweier vermeintlicher Sportler*innen in Badekleidung, beide mit fehlenden Gliedmaßen bzw. mit Prothese. Dazu schrieben sie: „Wir sind alle Paralympics-Teilnehmer.“ Das Problem: Die Fotos wurden bearbeitet, die Models hatten gar keine Behinderung. Per Photoshop wurden ihnen ein Arm und ein Bein entfernt, damit sie an zwei tatsächliche Paralympics-Teilnehmer*innen erinnern würden. Die Sportler*innen Renate Leite und Bruna Alexandre waren sogar im Fotostudio – aber nicht vor der Kamera. Sie machten am Ende ein gemeinsames Selfie mit den Models. …

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