Verschlossen, verschluckt

Einfach über dies und das auf einem Tinder-Date reden? Wenn es doch nur so einfach wäre.

10.07.18 > Sibel Schick
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Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Sie ist freie Autorin (taz), Social-Media-Managerin, arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation und ist Mitgründerin einer proaktiven, antisexistischen Online-Plattform. Sie provoziert gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter schreibt sie unter @sibelschick.

Von Sibel Schick

Endlich finde ich die Kneipe, in der wir uns treffen sollen. Mein Date wartet gleich beim Eingang: ein großer Mann mit dunklen Locken. Wir umarmen uns, obwohl wir uns zum ersten Mal treffen. Verabredet haben wir uns über Tinder.

Illustration: Tine Fetz

Die Kneipe ist zu voll. Ich frage ihn, ob wir nicht woanders hingehen wollen. Er sagt ja, wir verlassen die Bar, laufen zu einer anderen. Gegenüber ist ein Club, davor stehen zwei Männer. Er sagt: „Dieser Laden wurde vor Kurzem von Roma übernommen. Wenn du magst, können wir da später rein. Ist auf jeden Fall witzig.“ Ich sage, dass ich mir das überlege. Wir gehen in die Kneipe, setzen uns hin, holen uns zwei Bier, unterhalten uns über dies und jenes. Wo wohnst du, welches Bier trinkst du am liebsten, Pipapo. Er will, dass wir später auf eine WG-Party gehen: „Da kommen auch syrische Refugees hin, wird witzig.“ Ich frag ihn, was er meint. Er kann es nicht genau sagen.

Und dann kommt die goldene Frage: Wo komme ich her? „Ich bin Kurdin“, sage ich. Er hebt die Brauen ein wenig und sagt „Finde ich gut.“ Hmm. Was er wohl meint? Er sagt: „Ich finde die kurdische Freiheitsbewegung gut.“

Ach so. Die. Ja, die kenn ich.

Unter „Kurdin“ stellt er sich offenbar gleich eine YPJ-Kämpferin vor und geht davon aus, dass ich äußerst politisch sein muss. Seine Vorstellung hat aber nichts mit mir zu tun, sie beruht auf einem Stereotyp. Ich kämpfe nicht gegen den sogenannten Islamischen Staat. Heute Nacht bin ich eine Frau, die sich über Tinder verabredet, weil sie Sex haben will.

Egal, denke ich. Vielleicht interpretiere ich zu viel hinein und frage ihn, was er denn so macht. Beruflich. Er sagt: „mal dies, mal das“ und feiert seine Antwort so richtig. Er ist stolz auf seine luxuriöse Verweigerungshaltung.

Wumms – meine Vagina verschließt sich! Feierabend, Schluss, aus. Wird nichts mehr. Sie hat sich an dieser Antwort verschluckt, ich habe mich an meinem Bier verschluckt. Schnell austrinken und gehen. Ob seine Eltern seine Miete zahlen?

Ich muss jedes Jahr zur Ausländerbehörde, um meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Ich stelle mir vor, dass ich da sitze und die Frage genauso beantworte wie er:
„Frau Schick, sprechen Sie Deutsch?“
„Ja.“
„Was machen Sie beruflich?“
Selbstbewusst lächeln, Augen zusammenkneifen, Kopf leicht nach links und rechts: „Mal dies, mal das …“

Abschiebung. Yallah, zurück in die Türkei.

Ich frag mich, wie privilegiert man sein muss, um sich das leisten zu können, mal dies, mal das zu machen und sich dabei einen runterzuholen. Und damit vor einer Migrantin anzugeben, deren Leben und gesellschaftlicher Status von ihrer Arbeit abhängen. Das ist selbst für Normalos total daneben. Dieser Mann hält sich für einen Linken, bewegt sich in linken Kreisen, dabei bringt er einen rassistischen Spruch nach dem anderen, exotisiert mich aufgrund meiner Identität und dann das. Oh, good life! Wie schön es sein muss, freiwillig so zu leben, als wäre man arm.