Wie eine Seelenverwandschaft

Die Soziologin Julia Hahmann erklärt, was Mädchenfreundschaften ausmacht und warum
Distanz kein Hindernis ist.

30.07.18 > Sex & Beziehung

Interview: Hengameh Yaghoobifarah

Vom Sandkasten bis ins Senior*innenheim: Wie verändern sich Freund*innenschaften in unterschiedlichen Lebensphasen?
Julia Hahmann: Erste Freund*innenschaften entstehen im Alter von drei bis fünf Jahren. Diese besitzen dann für eine lange Zeit eine sehr hohe Relevanz. Insbesondere wenn es um Ablösungsprozesse innerhalb der Pubertät und die Etablierung von neuen oder alternativen Familienstrukturen geht, falls es in der Herkunftsfamilie nicht so gut läuft. Das zieht sich sehr stark durch die Ausbildungsphase – bis milieuspezifische Unterschiede auftauchen. Vor allem wenn etwa Paare Familien gründen, fallen Freund*innenschaften aus dem Lebenszentrum heraus.

Wie ist das für Personen, die queer sind, keine Familie gründen oder es erst verzögert tun? Für sie bleiben Freund*innenschaften oft auch im jungen bis mittleren und höheren Erwachsenenalter relevant, da sie eine Form von Wahlfamilie darstellen. Sie begleiten stark den Alltag, sie sind für viele Unterstützungsleistungen relevant, bieten emotionale Nähe und überdauern romantische oder sexuelle Beziehungen. Im höheren Erwachsenenalter beobachte ich häufig familialistische Haltungen, etwa Sprüche wie „Blut ist dicker als Wasser“, meistens von heterosexuell verpartnerten Personen. Partner*in und Kinder sind für sie die wichtigsten Ansprechpartner*innen. Gleichzeitig gibt es auch den Trend, dass ältere Menschen in Freund*innenschaften investieren und sich stärker auf sie konzentrieren, weil eben Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit wegfallen – oder sich zumindest verändern. Diese neu gewonnene Zeit wird mit Freund*innen verbracht.

Welche Bedeutung hat Klassenzugehörigkeit in Freund*innenschaften?
Klasse ist relevant, weil die Klassenlage den Lebenslauf und Mobilitätsmuster bestimmt. Natürlich gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Herkunft, Klasse und Ausbildungswegen. Wenn man nie umzieht, verändern sich Freund*innenschaften viel stärker, weil sie lebenslang, aber dafür homogener sind als bei Menschen, die ihren Lebensort wechseln.
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass es aufgrund der Klassenzugehörigkeit Unterschiede in den Inhalten von Freund*innenschaften gibt, also z. B. dass Menschen aus der Arbei-ter*innenklasse ihre Kontakte eher anlassbezogen organisieren und sich beim gemeinsamen Hobby treffen, anstatt sich aufgrund der Beziehung selbst zu verabreden. Das halte ich aber für wenig plausibel und wäre vorsichtig. Es kommt immer darauf an, wie man sich Freund*innenschaften anguckt. Sie

beinhalten fast immer intime Nähe, das Sprechen über persönliche Probleme und gemeinsames Verbringen von Freizeit. Es gibt Abstufungen darin, welche Themen verhandelt werden, aber wenn man die groben Konzepte anguckt, ist das eigentlich überall ähnlich.  

©Jennifer Endom

Durch die sozialen Netzwerke bekommt man von den politischen Haltungen von Schulfreund*innen heutzutage mehr mit als früher, als sich solche Dinge nur im persönlichen Gespräch herauskristallisiert haben. Aber dass Freund*innen aufgrund unterschiedlicher politischer Haltungen auseinanderdriften, ist nicht neu, oder?
Nein. Ältere Umfragen über Parteipräferenzen von Freund*innen zeigen…

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